"Dreigroschenoper" in Hamburg Haifisch ohne Zähne

Ulrich Waller inszeniert Brechts "Dreigroschenoper" auf dem Hamburger Kiez. Ein echter Theater-Kracher schien programmiert. Aber ohne Regie-Einfälle nützen auch routinierteste Schauspiel-Asse wie Eva Mattes, Christian Redl und Ulrich Tukur wenig.


"Dreigroschenoper"-Stars Tukur, Stappenbeck: Versöhnlich wie die Mackie-Maus
DPA

"Dreigroschenoper"-Stars Tukur, Stappenbeck: Versöhnlich wie die Mackie-Maus

Das traditionsreiche Hamburger St. Pauli-Theater, 1841 gegründet, war in den letzten Jahren kein Hort der Innovation, eher ein Abspielplatz für Tournee-Musicals, Kleinkunst, Gastspiele und Volkstheater, durchaus im besten Sinne. Jüngst hat nun das erfolgreiche Duo Ulrich Tukur/Ulrich Waller von den Hamburger Kammerspielen zur Kiez-Bühne gewechselt, um hier, unterstützt vom St. Pauli-Theaterleiter Thomas Collien, seine Vorstellung von kraftvollem, kulinarischem und unterhaltsamen Theater der pfiffigen Art zu realisieren. Warum also nicht Bertolt Brecht, warum nicht die "Dreigroschenoper", mit ihrer gesellschaftskritischen Allzeit-Relevanz! Tukur als Edel-Gangster Macheath, Waller als Regisseur, was kann da schon schief gehen? Eine ganze Menge, wie sich am Premierenabend zeigte.

Die Geschichte vom Londoner Gentleman-Unterweltler Macheath, genannt Mackie Messer, der die Tochter des Bettlerbosses Peachum heimlich heiratet und damit sozialen Krieg heraufbeschwört, strotzt nur so von Aktualität. Oder? Arme Leute, Gewalt, korrupte Exekutive, soziale Gegensätze, Geldwäsche, alles dicke Schlagworte. Schon das Programmheft will mit vielen Texten die Rechtfertigungsarbeit erledigen: Da schreibt nicht nur der Regisseur, sondern auch der ehemalige Hamburger Polizeichef, ein Obdachloser, eine Kiezwirtin, gar nicht zu reden von der zitierten Kultur-Armada von Benjamin, Cocteau, Kisch und Bloch bis hin zu Adorno, Müller und Scorsese. Ist ja gut, wir haben verstanden, her damit! So lange liegt 1929 noch nicht zurück, und eine Wirtschaftskrise findet ja auch gerade statt.

Scharwenzelndes Bettler-Pärchen: Eva Mattes und Christian Redl
Katharina John

Scharwenzelndes Bettler-Pärchen: Eva Mattes und Christian Redl

Regisseur Ulrich Waller entschied sich vielleicht deshalb dafür, die "Dreigroschenoper" im historischen Design zu belassen, den Gangstern und Musikern mit Kajalstift verruchte Stummfilmaugen zu malen, sie in sparsamstes Bühnenbild mit Kafka-Schrägen zu stecken und ansonsten seinen Stars das schauspielerische Feld zu überlassen. Das kann man machen. Vor allem, wenn man einen Bettler-Aufsichtsrat wie Christian Redl als Jonathan Peachum zur Verfügung hat. Der kennt das Stück aus dem Effeff, spielte schon den Macheath am Hamburger Schauspielhaus und beherrscht die Bühne nach Belieben. Keine Chance für irgendwen, seiner überdrehten Bürger-Parodie Paroli zu bieten.

Es gelingt nicht einmal Eva Mattes, die seine Frau mit aggressiver und souveräner Präsenz spielt und über einen zuckersüßen Sopran verfügt, der einem kalte Schauer über den Rücken jagt. Ein pralles Paar, wie es singt und lacht und tanzt und scharwenzelt - und wenn Frau Peachum ihrer Tochter Polly saftig eine knallt, dann wähnt man sich kurzzeitig in der Hamburger Innenstadt, wo es ja noch ein anderes Volkstheater gibt. Sie spielen halt, was das Zeug hält und der Regisseur zulässt.

Minimalistisches Bühnenbild: Szene mit Ulrich Tukur und Stefanie Stappenbeck
AP

Minimalistisches Bühnenbild: Szene mit Ulrich Tukur und Stefanie Stappenbeck

Dass der musikalische Tausendsassa Ulrich Tukur mühelos ein lässiger, selbstverständlicher Macheath gelingen würde, brauchte schon im Vorwege kaum bezweifelt werden. Mit markantem Profil, optisch ein wenig die Diätversion von Marlon Brando, sprachlich gern sanft und versöhnlich wie eine Mackie-Maus, ist er jedoch eine Spur zu charmant, um noch als das Raubein durchzugehen, das seine Gangster-Angestellten prügelt und quält, damit er selbst oben bleibt. Ein Haifisch mit bösem Grinsen, aber ohne Zähne. Und die hoch qualifizierte Bettlertochter Polly kann ihm an Durchtriebenheit mühelos das Wasser reichen: Stefanie Stappenbeck spielt gottlob kein Luder, keine Verruchte vom Dienst, sondern ein Mädchen, das alles von ihren Eltern ererbt und gelernt hat, raffiniert und sympathisch, eine intelligente Schlampe mit Führungsqualitäten und rasiermesserscharfer Singstimme.

Um dieses exquisite Schauspieler-Personal herum wickelt Waller vertrauensvoll die Zuckerwatte seiner hingehauchten Non-Inszenierung. Er schien sich förmlich vor seinen eigenen Einfällen zu fürchten, so sehr hangelt sich die Aufführung von Nummer zu Nummer. Alle Songs werden bravourös erledigt, wobei die Weill-Band im Orchestergraben und der Proszeniums-Loge besten Beistand leistet und gerade die schrägen Töne brillant in die Aktion wirft. Besonders berührt zum Schluss das Lied der Spelunken-Jenny, die von Maria Bill mit einer anrührenden und melancholischen Intensität gespielt wird - ein beinahe fremder Ton inmitten so viel fröhlicher Routine.

Da kann es sich der Regisseur sogar leisten, über alle Bilder der "Dreigroschenoper" mit beinahe unverändertem Bühnenbild (ökonomisch: Götz Loepelmann) auszukommen. Die Treppe zu den Behausungen von Gangstern und Bettlern wird zum Gefängnis von Macheath, später zu seinem Galgen. So asketisch kann sein, wer so viele Könner an der Rampe hat. Immerhin wurde der Abend ein großer Spaß fürs Publikum, das dem entspannten Ensemble nach zweieinhalb Stunden frenetisch zujubelte. Brecht light sozusagen, aber vielleicht schlug die Geburtsstunde des Musicals ja 1929.


"Die Dreigroschenoper" von Bertolt Brecht. Musik: Kurt Weill. Regie: Ulrich Waller. Darsteller: Christian Redl, Ulrich Tukur, Eva Mattes, Stefanie Stappenbeck. Bühnenbild: Götz Löpelmann. Vom 8.1. bis 8.2. 2004 am St- Pauli Theater Hamburg, Spielbudenplatz 29/30, 20359 Hamburg. Kartentelefon: 040/47 110 666. www.st-pauli-theater.de





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