Margarete Stokowski

Dritte Geschlechtsoption Der Staat als Spanner

Eine kontrollierte Geschlechteridentität ist so absurd wie ein Sternzeichen im Pass. Jetzt legt das Innenministerium auch noch einen Gesetzentwurf zur dritten Option vor, der Trans- und Intersexualität pathologisiert.
"Mein Körper. My choice"

"Mein Körper. My choice"

Foto: Florian Schuh/ picture alliance / dpa

In einem 2017 neu aufgelegten Buch für angehende Lehrkräfte gibt es folgende Stelle:

"Die Geschlechtsentwicklung umfasst drei Bereiche, mit denen sich Jugendliche auseinandersetzen müssen:
1. mit der Geschlechtsidentität: Eigenwahrnehmung und Körperbewusstsein als Mann oder Frau,
2. mit dem geschlechtstypischen Verhalten: über rollentypische Verhaltensweise reflektieren,
3. mit der sexuellen Orientierung, die sich als Hetero-, Homo-, Bi- oder Transsexualität ausdrücken kann."

(Bovet und Huwendiek: Leitfaden Schulpraxis. Pädagogik und Psychologie für den Lehrberuf, 9. Auflage, Cornelsen Verlag 2017)

Fällt Ihnen etwas auf? Abgesehen davon, dass unter Punkt 1 davon ausgegangen wird, dass alle Menschen entweder Mann oder Frau sind? Transsexualität steht bei Punkt 3 unter "sexuelle Orientierung". Das zitierte Buch ist ursprünglich 2004 erschienen, wurde dann überarbeitet und aktualisiert, und selbst in der neunten Auflage, die schon durch einige Hände gegangen sein muss, ist niemandem aufgefallen, dass es bei Transsexualität nicht darum geht, auf wen man steht, sondern darum, wer man ist. Transsexualität als sexuelle Orientierung einzuordnen ist ungefähr so sinnvoll, wie wenn jemand gefragt wird: "Was sind deine liebsten Reiseziele?", und er antwortet: "Frankreich, Japan und Flugzeug."

Diese Fehler in einem aktuellen Fachbuch sind nur ein Beispiel dafür, wie wenig Ahnung viele Leute haben, wenn es um Trans- oder Inter-Themen geht - selbst wenn sie sich beruflich damit beschäftigen. Es ist ziemlich sicher, dass man im Innenministerium davon ganz besonders wenig Ahnung hat, immerhin macht die aktuelle Besetzung des Ministeriums den Anschein, dass dort die Nachricht noch gar nicht angekommen ist, dass es überhaupt mehr als ein Geschlecht gibt. Wenig Ahnung zu haben ist erst mal nicht schlimm, solange man nicht in Verlegenheit gerät, sich äußern zu müssen.

Nun ist man im Innenministerium aber gezwungen, sich über Geschlechterfragen Gedanken zu machen, weil das Bundesverfassungsgericht vor einem Jahr feststellte , dass der Gesetzgeber seinen Umgang mit Geschlechtergrenzen ändern muss: Es gibt nicht nur "weiblich" und "männlich", es gibt noch mehr. Die Optionen im Geburtenregister müssen entsprechend erweitert werden, sodass bei nicht binär geborenen Kindern nicht die einzigen Optionen sind, den Eintrag auszulassen oder das Geschlecht falsch einzutragen. Bisher werden viele intergeschlechtlich Geborene dann operiert , um ein "eindeutigeres" Geschlecht zu erhalten. Viele leiden ihr Leben lang unter diesen Eingriffen.

Mehr zum Thema

Horst Seehofers Ministerium wollte die dritte Option zunächst "weiteres" nennen, inzwischen ist man - nach einiger Kritik  - beim Begriff "divers" angelangt . Dem aktuellen Gesetzesentwurf zufolge können über 14-jährige Personen ihren Eintrag ändern lassen, allerdings brauchen sie dafür ein ärztliches Attest (das sie bezahlen müssen): "Durch Vorlage einer ärztlichen Bescheinigung ist nachzuweisen, dass eine Variante der Geschlechtsentwicklung vorliegt."

Das heißt, Menschen, die geschlechtlich nicht binär sind und ihren Geschlechtseintrag ändern wollen, werden gezwungen, sich ärztlich untersuchen zu lassen. Für Menschen, deren Genitalien so aussehen, wie Horst Seehofer sich das für Frauen und Männer vorstellt, die aber trans oder genderqueer leben, sind keine Verbesserungen vorgesehen.

Zur Erinnerung: Diese Menschen sind nicht krank, sie haben keine Behinderung, ihnen fehlt im Großen und Ganzen nichts, bis auf einen Staat, der sie nicht pathologisiert. Am kommenden Donnerstag soll der Bundestag über den Gesetzesentwurf diskutieren .

Wer grauenhafte Geschichten über aufgezwungene Therapien und Untersuchungen hören will, kann sich jetzt schon von trans Personen erzählen lassen, mit welcher gewalttätigen Präzision  der deutsche Staat über Geschlechtergrenzen wacht.

Wenn man einmal verstanden hat, wie unwissenschaftlich bis brutal die Einteilung von Menschen in "männlich" und "weiblich" ist, kann man es nicht für etwas anderes als eine höllische Anmaßung halten, dass der Staat Leute in diese Kategorien zwingt. Das wird nicht wesentlich besser, wenn es eine dritte Option gibt, die ärztlich bescheinigt werden muss.

In anderen Ländern ist man da weiter. In Chile können Menschen ihren Namen und Geschlechtseintrag seit Neuestem unkompliziert auf dem Amt ändern lassen  , in Argentinien geht das bereits seit 2012, in Irland und Malta seit 2015.

Fotostrecke

"Spartacus"-Ranking: Die Topreiseziele für Homosexuelle und Transgender

Foto: imago/ Westend61

Man könnte viel Leid umgehen, wenn man den Geschlechtereintrag nicht erweitern, sondern weglassen würde. Wir reden so viel über Datenschutz und Privatsphäre, aber bezüglich der Geschlechteridentität ist Deutschland hier noch nicht im aktuellen Jahrhundert angekommen.

Den staatlichen Geschlechtseintrag wegzulassen, diese Vorstellung mag für einige eine heftige Überforderung darstellen. Das ist okay. Für viele Leute war auch die Umstellung in Euro eine Überforderung, die haben zehn Jahre später noch in Mark umgerechnet oder tun es immer noch, und natürlich können sie auch weiterhin im Kopf Menschen in Männer und Frauen und Andere umrechnen, wenn es ihnen hilft.


Video: Endlich im richtigen Körper - Leben als Transgender

SPIEGEL TV


Ich fühle geradezu körperlich, wie schon in diesem Moment bei bestimmten Leuten die Pointen sich von selbst bauen. Ha, ha, wenn es keinen staatlichen Geschlechtseintrag mehr gibt, und es gab einen Banküberfall und die Polizei will den aufklären, was macht sie dann, wenn die Zeugen alle sagen: Keine Ahnung, ob der Täter ein Mann oder 'ne Frau war, man weiß ja heutzutage gar nichts mehr? Oder: Erübrigt sich dann die Frauenquote, weil man bei Bewerbern, die Günther, Klaus und Siegbert heißen, ja nie wissen kann, als was sie sich identifizieren? So viel Fun denkbar. Ich könnte eine komplette Kollegen-Kolumne füllen mit Witzen dieser Art.

Nur: Es ist natürlich überhaupt nicht verboten, über Geschlechter zu reden, wenn es keinen staatlichen Eintrag mehr gibt. Und: Leute werden in den allermeisten Fällen immer noch sehr leicht zuzuordnen sein. Sie werden sich weiter fortpflanzen können, Generationen über Generationen, und eines Tages wird ein staatlich kontrollierter Geschlechtseintrag so absurd erscheinen wie ein in den Pass eingetragenes Sternzeichen. Es ist nur leider noch ein äußerst weiter Weg dahin.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.