Drohende Kunstmarkt-Rezession "Es wird hässlich werden"

Die weltweite Krise der Finanzmärkte senkt ihren drohenden Schatten auch über den bislang florierenden Kunstmarkt. Noch gibt man sich in der Branche zuversichtlich, doch die New Yorker Frühjahrsauktionen werden zeigen: Ist die Galgenfrist bis zum unausweichlichen Crash bereits verstrichen?

Von Sebastian Moll, New York


David Norman wollte sich erst gar nicht auf große Diskussionen über den Zustand des Kunstmarktes einlassen. "Wir sind zuversichtlich", gab der Co-Direktor für Impressionismus und moderne Kunst bei Sotheby’s nur knapp und trocken bekannt, bevor er in der New Yorker Zentrale des Kunsthandelshauses das auf rund 800 Millionen Dollar geschätzte Angebot seiner Firma für die diesjährigen Frühjahrsauktionen präsentierte. Dann bat er, die Aufmerksamkeit doch auf das wunderbare Sortiment zu lenken, das Norman und seine Kollegen für die Versteigerungen, die an diesem Dienstag beginnen, zusammengetragen hatte.

Lucian-Freud-Werk "Benefits Supervisor Sleeping": Beim Auktionshaus Christie's geschätzt auf 25 bis 35 Millionen Dollar
AFP / Christie's

Lucian-Freud-Werk "Benefits Supervisor Sleeping": Beim Auktionshaus Christie's geschätzt auf 25 bis 35 Millionen Dollar

Dass Norman lieber über die Farbgebung der "Mädchen auf einer Brücke" von Edvard Munch oder über die kunsthistorische Bedeutung von Fernand Legers "Etude pour La Femme en Bleu" plaudern wollte, als über die harte ökonomische Realität seiner Branche, war nachvollziehbar. Denn auch wenn sich bei den New Yorker Auktionen im vergangenen November und bei den Londoner Verkäufen im Februar diesen Jahres der Boom der vorherigen Jahre noch fortsetzte, ist man nervös im Kunstgeschäft.

Früher oder später, darüber ist man sich im Klaren, wird sich die Rezession der US-Wirtschaft auch auf den Kunstmarkt auswirken. "Wir haben durch den schwachen Dollar und die Käufer, die er anlockt, noch eine Galgenfrist bekommen", sagte Amy Cappelazzo, Vizepräsidentin für zeitgenössische Kunst bei Christie’s, jüngst bei einer Podiumsdiskussion in New York. "Aber der Markt wird schrumpfen. Leute werden Geld verlieren, Arbeitsplätze werden verloren gehen. Es wird hässlich werden."

Die große Frage an der York Avenue bei Sotheby’s und am Rockefeller Center bei Christie’s ist dieser Tage, ob der Crash schon diese Woche stattfindet oder ob er noch ein wenig auf sich warten lässt. Das letzte Mal dauerte es drei Jahre, bis sich die Krise der Finanzmärkte am "Schwarzen Montag" 1987 auf den Kunstmarkt auswirkte. Damals, im Herbst 1990, blieben Christie’s und Sotheby’s auf der Hälfte ihrer Angebote sitzen. Es war ein Tag, wie ihn hier niemand so schnell noch einmal erleben möchte, zumal die immer höheren Garantiesummen, die die Auktionshäuser ihren Anbietern einräumen, ihr Risiko enorm erhöht haben.

Riskantes Roulette

So sichert Christie’s in diesem Frühjahr beispielsweise dem monegassischen Sammler David Nahmad für einen Monet unabhängig der Versteigerungssumme 35 Millionen Dollar zu. Insgesamt 115 Verkäufe sind bei den Verkäufen in diesem Frühjahr durch Sotheby’s und Christie’s gesichert – 14 mehr als noch im Herbst. Im vergangenen Jahr garantierte Sotheby’s Werke in Höhe von 902 Millionen, doppelt so viel wie 2006.

Man munkelt sogar, dass Christie’s und Sotheby’s dazu übergegangen sind, einige der Werke, die sie versteigern, den Anbietern vorher komplett abzukaufen. Auf diese Weise versuchen die Häuser, den immer nervöser werdenden Sammlermarkt zu beschwichtigen. Laut einer Untersuchung des Londoner Forschungsinstituts ArtTactic ist das Vertrauen in den Markt nämlich in den vergangenen zwei Jahren um 40 Prozent gesunken. Doch die Garantie-Praxis ist ein Roulette: "Das geht so lange gut, wie die Nachfrage wächst", sagte der New Yorker Kunsthändler Richard Feigen dem "Wall Street Journal". "Aber wenn die Nachfrage plötzlich ausbleibt, haben die Firmen ein massives Problem."

So versucht man sich bei Christie’s und Sotheby’s vor den anstehenden Verkäufen Mut zu machen. "Wir sind gewiss nicht gegenüber den Einflüssen der Außenwelt immun", sagte Robert Manley, der bei Christie’s für die seit drei Jahren besonders stark nachgefragte zeitgenössische Kunst zuständig ist, während der Vorschau auf das diesjährige Saisonangebot seines Hauses. "Aber wir sind auch nicht eins zu eins den Schwankungen der Wall Street ausgeliefert."

Die Globalisierung des Kunstmarktes mit der wachsenden Anzahl an Käufern aus Russland, Nahost und China, betete Manley das Standardargument für einen ungehemmt wachsenden Kunstmarkt herunter, dämpfe die Auswirkungen der Rezession in den USA auf das Geschäft mit den Meisterwerken. Sein Kollege Conor Jordan von Christie’s, Abteilung für Moderne und Impressionismus, gab gegenüber SPIEGEL ONLINE hingegen zu, dass trotz der Globalisierung noch immer die meisten Käufer aus den USA stammten.

Gefundenes Fressen für Großwildjäger

Diese Tatsache wird derzeit für Sotheby’s mehr und mehr zum Problem. Das "Wall Street Journal" berichtete in der vergangenen Woche, dass die Londoner Firma Schwierigkeiten habe, ihre Schulden bei Käufern einzutreiben. Insgesamt 835 Millionen Dollar Außenstände habe Sotheby’s bei Käufern, die mit ihren Zahlungen nicht nachkommen. Ein Großteil davon, so das "Journal", dürften amerikanische Financiers und Immobilienspekulanten sein, die durch die Wirtschaftskrise in Not geraten sind. Nicht zuletzt wegen dieser angespannten Kreditlage fiel die Sotheby’s-Aktie an der Wall Street seit vergangenen Oktober um 57 Prozent.

Offiziell demonstrieren die Auktionshäuser freilich trotz allem Vertrauen in einen weiterhin ins Unendliche wachsenden Kunstmarkt. Tatsächlich ist ihr Frühjahrsangebot jedoch bereits ein Zugeständnis an eine deutlich gedämpfte Stimmung. Die Kataloge sind schmaler, bei den großen Abend-Auktionen werden 25 Prozent weniger Werke angeboten als im Vorjahr. Dabei sind vor allem die Angebote im mittleren Preisbereich unter fünf Millionen weniger geworden. "Die Käufer, die sehr viel Geld anlegen, sind nicht so stark von der Wirtschaftskrise betroffen, wie die, die nicht ganz so viel bezahlen können", erklärt Conor Jordan von Christie’s die Angebotsumschichtung. "Die wirklich guten Sachen werden jedoch auch weiterhin stark abschneiden."

Für die Großwildjäger unter den Kunstsammlern gibt es deshalb in New York wieder reichlich zu holen: Einen Francis-Bacon-Triptychon zu geschätztem 70 Millionen etwa oder ein Akt von Lucian Freud für geschätzte 35 und ein Mark Rothko zu 40 Millionen bei Christie’s. Insgesamt hoffen die Häuser auf einen Umsatz zwischen 1,3 und 1,8 Milliarden in den kommenden zwei Wochen. Allerdings, so Robert Manley von Christie’s zu den Prognosen, könne "natürlich niemand hier durch eine Kristallkugel in die Zukunft sehen." Dabei würde man das dieser Tage im New Yorker Kunstgeschäft nur allzu gerne.



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