Dropping Knowledge "Gott muss Religion hassen"

Am "größten runden Tisch" der Welt beantworteten gestern 112 Prominente, Künstler und Aktivisten beim Projekt "Dropping Knowledge" neun Stunden lang 100 Fragen, die die Welt bewegen. Wie weit die Antworten aus Berlin hinaus getragen werden, bestimmt die Zahl der Internet-User.

Von


Berlin - Die Sonne ist wieder hinter den Wolken verschwunden. Der Schriftsteller Abbas Beydoun bietet Bianca Jagger, die neben ihm fröstelt, seine Wolldecke an. Über dem Bebelplatz schwebt ein Zeppelin mit einer Kamera durch die Luft. Sie filmt den "table of free voices", den runden Tisch, an dem gerade 112 Menschen die hundert drängendsten Fragen unserer Zeit mit den Kameras erörtern. Gleichzeitig. Jagger und der libanesische Schriftsteller Beydoun sind zwei von ihnen.

Es ist Nachmittag, und die Fragerunde des Projekts "Dropping Knowledge" geht in ihre siebte Stunde. 74 Fragen sind beantwortet, 26 müssen noch. Eine Kaffeepause soll den Teilnehmern jetzt neue Kraft geben oder, wie Veranstalter Ralf Schmerberg, sagt: "Squeeze out the last drops of your brains". Hans-Peter Dürr, Physiker, Pazifist und Träger des Alternativen Nobelpreises resümiert auf dem Weg zum Kuchen: "Es ist bemerkenswert, wie abhängig man von dem Gesicht seines Gegenübers ist, wie schwierig es ist, immer nur für die Kamera zu sprechen. Wenn man persönlich mit jemandem diskutiert, kann der einen später auf den Unsinn, den man erzählt hat festnageln". Es mache ihm ein wenig Sorgen, dass das nun hier nicht gehe, sagt er.

Es ist tatsächlich so, dass beim "table of free voices" von "Dropping Knowledge" auf dem Berliner Bebelplatz jeder für sich selbst in die kleine Kamera, die vor ihm aufgebaut ist, spricht. Was die Sitznachbarn auf Fragen wie "Welche Religion hat Gott"?, "Warum gibt es noch keinen Frieden in Nahost" sagen, bekommt keiner mit. Weil jeder auf seine eigenen Antworten konzentriert ist - und weil hier auch nicht diskutiert werden soll, sondern Wissen abgeworfen und Überlegungen bereit gestellt - in einem Livestream für das Internet und damit für die Welt, glauben und hoffen die Organisatoren von "dropping knowledge." Ein Internet-Event also, mehr als eines für die Zuschauer, die live am Bebelplatz dabei sind. Große Leinwände, auf denen die Gesichter der denkenden Promineten zu sehen sind, gibt es nicht.

"Die totale Revolution ist immer einsam"

Lediglich die Stimmen der nigerianischen Menschenrechtsaktivistin Hafsat Absiola und des amerikanischen Schauspielers Willem Dafoe schallen über den Platz an der juristischen Fakultät - beide lesen alle drei Minuten eine andere Frage vor.

Dass jeder nur sich selbst hört - nicht alle finden das problematisch. Jonathan Meese, Aktionskünstler, sagt - und dabei blitzt bei aller künstlerischen Überzeugung etwas Schelmisches in seinen Augen: "Ich bin sehr dankbar, dass ich nur mich selber höre. Die totale Revolution ist immer einsam." Was bis dahin die wichtigste Frage gewesen sei? "Ganz klar Nummer 63", meint er und wühlt in seinen Unterlagen. Nummer 63 ist die Frage nach der wichtigsten unerzählten Geschichte der Gegenwart. Meeses Antwort darauf: "Dass die totale Revolution unmittelbar bevorsteht - dann wird es nur noch Kunst geben, vielleicht ein paar Tiere, die vermitteln. Die Menschen haben dann nichts mehr zu sagen".

Bis dahin hat die Menschheit - oder besser die 112 Menschen, die "Dropping Knowledge" nach Berlin geladen hat - noch etwas zu sagen. Was genau das ist, sei gar nicht so wichtig, findet der libanesische Schriftsteller Abbas Beydoun: Die Inspiration würde sich hier auf telepathischem Wege verbreiten. Das sei entscheidend. "Wie ein riesiges Energiefeld", sagt auch eine vorbeihuschende Teilnehmerin.

"Sind die Vereinten Nationen irrelevant geworden?"

Aber bei aller Inspiration der Teilnehmer am runden Tisch - die, die selbst nicht mitmachen, erhaschen häppchenweise Antworten vor den Bildschirmen im Gäste- und Pressezelt. Nur hier werden ausschnitthaft pro Frage ein paar Sätze, die die Leute am runden Tisch sich überlegt haben, übertragen. Warum viele Leute sich einsam fühlten, obwohl es so viele Menschen gebe, ist eine der hundert Fragen. Die griechische Teilnehmerin Elisabet Sahtouris, die über biologische Themen genauso arbeitet wie über Fragen der politischen Wirtschaft, schlägt den Bogen zum neuen Leben, das eben Strukturen aufweise, die nicht mehr auf Geselligkeit angelegt seien. "Seit auch griechische Architekten die Küchen klein und die Wohnzimmer groß bauen, fühlen sich viele Frauen einsam - denn sie haben ihre Familie nicht mehr um sich herum", sagt sie.

Die Gesichter, die auf dem Bildschirm im Pressezelt erscheinen, sind jetzt müde. Ihre Münder haben stundenlang Antworten gesprochen. Aber ein paar wichtige Fragen warten noch: "Welche Religion hat Gott?". Regisseur Wim Wenders ist zu sehen: Nie sei die Diskrepanz zwischen dem eigentlichen Ziel der Religion und der Art wie sie instrumentalisiert würde, größer gewesen als heute. Die USA etwa hätten die Religion gekidnappt. "Gott muss Religion hassen", sagt er.

Es ist fast wie ein Schlusswort. Abiola und Dafoe lesen die allerletzte Frage - Nr. 101 - außer der Reihe: "Was ist Ihre persönliche Frage?", wollen sie von den 112 Teilnehmern wissen. Bianca Jagger fällt ein: "Sind die Vereinten Nationen irrelevant geworden?".

Dann ist alles vorbei. 303 Minuten Antworten. Die Teilnehmer fallen sich erschöpft in die Arme. Beydoun umarmt Jagger. Jagger herzt Dürr. Und Monira Rahman aus Bangladesh, die den Menschenrechtspreis von amnesty international trägt, sagt, während sie den runden Tisch verlässt: "Wir müssen jetzt dran arbeiten, wie wir - die Leute, die hier waren - weiter für unseren Traum von einer besseren Welt zusammen arbeiten können."



© SPIEGEL ONLINE 2006
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.