"DSDS" gegen "Wetten, dass…?" Travestie und Foltertöne

Mit "DSDS" plus Maske-Schaukampf schickte RTL zwei Schwergewichte gegen den alten ZDF-Showdampfer "Wetten, dass…?" ins Rennen. SPIEGEL ONLINE hat das Geschehen auf zwei Bildschirmen verfolgt. Ein Protokoll des Schreckens.

20.15 Uhr. Die Begrüßungsworte Thomas Gottschalks zum Einstieg sind natürlich Pflicht. Man will ja keine "Hartz-IV-Stelzen" oder womöglich einen frühen Grabscher verpassen. Der traditionell albern gekleidete Showmaster erklärt aber nur, er übernehme nun Teil eins der Mottoshow "Männer über 40 schlagen zu" und verspricht, fertig zu sein, bis auf RTL Henry Maske kommt. Vorstellung der Stadtwette mit Außenmoderator Dieter Thoma: 100 Klotüren aus Studenten-WGs sollen auf den Freiburger Münster-Platz geschafft werden. Bei "DSDS" singt inzwischen Johanna, vollbusige Teilnehmerin eines Mallorca-Castings, "Du hast die Haare schön" und "Verdammt, ich lieb dich".

Gottschalk plaudert auf gewohntem Smalltalk-Niveau mit den Fuß- und Handball-Bundestrainern Jogi Löw und Heiner Brand (Ist Jogi auf Heiner eifersüchtig? Hatte Jogi schon Model-Anfragen?), um zur ersten Wette überzuleiten: Ein Mann behauptet, ein Glas von zehn Zentimetern Durchmesser mit den Lippen umschließen zu können. Er schafft das 8-cm-Weizenbierglas, scheitert aber letztlich unter Qualen. Die Sendung ist jetzt ganz bei sich. Kurz rüber: Bei RTL singt der lippengepiercte Max die erste Nummer. "Geniale Performance", sagt Glatzkopf Heinz Henn, Jury-Kollegin Anja Lukaseder würde den Kandidaten heiraten, nur Dieter Bohlen findet's bloß passabel.

20.40 Uhr. Gottschalk ist beim ersten Musik-Act angekommen, Mel C. Aber bei "DSDS" ist jetzt Stimmtalent Lisa Bund dran, singt "Nobody Knows" von Pink. Und zwar stark. Henn hat recht: "ein Vollprofiauftritt", und sogar Bohlen findet's "so, so schön". Bei Gottschalk entert "Stromberg" Christoph Maria Herbst die Bühne, in diesem Fall allerdings, um seinen Film "Hände weg von Mississippi" zu promoten. Bei RTL singt Martin Stosch typgemäß Jack Johnson: "Upside Down". Herbst glaubt nicht, dass es ein Mann schaffen kann, mit einem Unimog auf zwei Drahtseilen in sechs Minuten ein Bremer Hafenbecken zu überqueren – und liegt falsch:

Um 21.00 Uhr hat der Kandidat es nach bedenklichem Schaukeln geschafft. Schnell rüber zu "Sugarbaby" Lauren Talbot ("True Colors"), die letztes Mal schon kippelig war. Ihr "Too Lost in You" gerät tatsächlich bedenklich schief, und die Jury ist sich diesmal einig: Sie habe ja schon immer "Foltertöne im Gepäck" gehabt, aber diesmal "völlig verkackt", urteilt Bohlen; Lukaseder lobt ihr Outfit statt der Stimme, und Henn "blutet das Herz". Gottschalk begrüßt Leichtathletin Heike Drechsler, promotet eine Bewegungscamp-Aktion und einen Audi A8, man könnte jetzt gut RTL gucken, aber dort läuft Werbung.

21.15 Uhr. Für den großen Rowan Atkinson, der seinen "Mr. Bean" promotet, muss der Auftritt von Thomas Enns dran glauben. Der britische Komiker hält es nachvollziehbarerweise nicht für möglich, dass im Rahmen der Kinderwette ein zwölfjähriges Mädchen unter 20 Turnkameradinnen mit verbundenen Augen vier aus fünf am Geräusch erkennt, wenn sie in den Spagat springen. Doch sie schafft es. Abgang Herbst, der sich als Eisbär Knut verkleiden muss. Und schnell rüber zu Miss Perfect Francisca Urio:

Um 21.28 Uhr zeigt der RTL-Bildschirm die dunkelhäutige Ausnahme-Erscheinung, wie sie wie hingegossen die Ballade "Beautiful" von Christina Aguilera singt. Spektakulär, auch wenn Bohlen vorschlägt, sie solle doch mal "Sieben Brücken" von Peter Maffay vortragen. Als RTL wieder nach München zu Maske schaltet, ist bei Gottschalk gerade ein bizarres Wiegen im Gange: Der Entertainer steht mit "Moppel-Ich"-Autorin Susanne Fröhlich und "Vollweib" Christine Neubauer auf der Wage. Herbst kriecht im Eisbären-Kostüm heran, Neubauer setzt sich auf ihn und beide brechen zusammen: Wieder ist "Wetten, dass…?" in der Travestie ganz bei sich. Atkinson stellt als Strafe die Begriffe mimisch dar. Auftritt Natalia Wörner (ZDF-Film "Durch Himmel und Hölle"), drüben Werbung. Dann kommt Sangesbruder Mark ("You Give me Something" von James Morrison), während ein Mann versucht, mit verbundenen Augen Pfeile zu fangen. Letzteres klappt nicht, dafür ist die RTL-Jury von Mark begeistert. Bohlen faselt was von Kohle, die unter Druck "ein Diamant" wird. Na, dann.

21.55 Uhr. Im ZDF rudert Joe Cocker in bekannter Manier mit den Armen, während bei RTL Dauer-Casting-Kandidat Menderes "Beat it" aufführt.

Um 22.00 Uhr begrüßt Gottschalk Tim Allen, Ray Liotta und John Travolta mit ihrem Film "Born to be Wild". Während RTL nach München abgibt und Marco Schreyl verspricht, sich um 0.10 Uhr zurückzumelden, müssen die Hollywoodstars die Patenschaft für eine Wein-Wette übernehmen: Ein Österreicher behauptet, durch Riechen am Korken die Rebsorte zu erkennen. Gottschalk berichtet: "Der Henry hat grad angerufen, er will auf jeden Fall die Weinwette noch sehen." Als der Gastronom jedoch zwischen Riesling, Cabernet und Melot ins Schleudern gerät, wirkt er leicht gehetzt, mogelt ihn aber durch. Jetzt wird abgearbeitet: Gottschalk belegt per Videoeinspieler die Einlösung einer Wettschuld als Tour-Manager von Tokio Hotel und sagt Silbermond an: Man könne noch zum Superstar werden, ohne sich vorher von Bohlen beschimpfen zu lassen.

Zum Wettkönig wird der Unimog-Fahrer gewählt, mithin der einzige klare Sieger des Abends. Wenn er die Außenwette verliert, will Gottschalk sich bußfertig zeigen und zur Heilsarmee gehen: Schließlich habe er Frauen angefasst und Randgruppen beleidigt. Siehe da: 300 Klotüren sind zusammengekommen. Heiner Brand sagt die Höhner an, "die uns zum Titel gesungen haben", damit Gottschalk sich für eine weitere Travestie umziehen kann: Zum Finale kommt er als Dancing Queen im rosa Glitzer-Fummel zurück, tanzt mit Jogi Löw zu Abba.

22.45 Uhr. "Jetzt simmer froh, dass es rum ist", beendet er den Schwof. Er hat am Anfang nicht zu viel versprochen: Maske boxt noch lange nicht.

0.05 Uhr. Henry Maske hat's jetzt auch geschafft. Aber der Zuschauer noch nicht. "Wir sind alle zehn Jahre jünger", befindet euphorisch der RTL-Reporter – schön wär's, denn die DSDS-Entscheidung lässt noch lange auf sich warten.

"0.29 Uhr ist es hier im Coloneum Köln und damit überall in Deutschland", meldet sich Marco Schreyl zurück – um den üblichen Verzögerungsmarathon mit weiteren Schnelldurchläufen, Telefonnummern-Einblendungen und Interviews zu starten. Als der Zuschauer erfährt, dass nicht etwa Lauren, sondern Francisca gehen muss, ist es 1 Uhr. "Kein Aprilscherz", kommentiert der Moderator das Ergebnis. RTL gibt jetzt noch mal zu Maske nach München. Gute Nacht.

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