Theater-Premiere in München Hänsel und Gretel als Elternjäger

David Bösch inszeniert im Münchner Residenztheater ein blutiges griechisches Drama mit fast allen Schikanen des neueren Actionkinos. Das Stück heißt "Orest" und ist ein Werk des deutschen Theaterautors John von Düffel, smart zusammengereimt aus der antiken Handlung.

Andreas Pohlmann

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Die Götter schlafen vermutlich gerade einen Blutrausch aus, sie kommen keinem zu Hilfe im verfluchten Hause Argos, in dem zwei sehr schlimme Geschwister sich zu Mord und Totschlag verschworen haben. Man sieht auf der Bühne des Münchner Residenztheaters einem Mädchen in Springerstiefeln und blutverschmiertem Püppchenkleid und einem muskelbepackten, sein Hackebeil schwingenden Jungen beim Schreien und Schwitzen und Bibbern zu - aber weit und breit ist keine Himmelsmacht zu sehen, die den beiden jungen Leuten doch angeblich ihren blutigen Job aufgetragen hat.

"Orest" heißt das Stück, das in München gespielt wird. Es basiert auf einigen sehr berühmten Stücken von Sophokles, Aischylos und Euripides. Es erzählt die alte Geschichte von Orest und Elektra, die im Königreich Argos eine Art Ordnung wiederherstellen, indem sie den Mord an ihrem Vater Agamemnon rächen, den ihre Mutter Klytaimnestra einst gemeinsam mit ihrem Liebhaber Aigisthos beging. Das Münchner Stück stammt von John von Düffel und ist eine smarte, schroffe Best-of-Zusammenstellung der klassischen Handlung aus Blutrunst, sexueller Gier und allgemeinem Herrscherirrsinn, die sich bei den ollen Griechen vor, während und nach dem trojanischen Krieg im Haus Argos ereignet.

Eine höhere Ordnung oder auch sonst irgendeine sittliche Macht kommt im Münchner "Orest" allerdings nicht vor. Das Programmheft behauptet, von Düffels Mission sei die "Entgötterung der antiken Handlung". Tatsache ist: Wir sehen im Theater zweieinhalb Stunden zwei sehr jungen, sehr bösen Schlachtergeschwistern bei ihrem Mordhandwerk zu.

Das ist die meiste Zeit erstaunlich unterhaltsam. Der Regisseur David Bösch, 1978 im Ostwestfälischen geboren, hat sich in den letzten Jahren an allen wichtigen deutschsprachigen Theaterhäusern einen Ruf als begabter Entertainer erarbeitet. In München kann man sehr nett bestaunen, warum: Es herrscht bei aller Schwerkriminalität eine total easy Stimmung im verfluchten Bungalow der Argos-Family. Die Schauspielerin Andrea Wenzl nölt als Elektra kehlig und aufgekratzt ihren Hass auf Mutter, Stiefvater und alle anderen Erwachsenen heraus, der kraftstrotzende, in einer Kapuzenkutte aus der Fremde daherstapfende Orest des stets wunderbar sanften Darstellungskünstlers Shenja Lacher verkündet seine Mordpläne. Dabei hantiert man erst mit der Asche aus Papas Urne und dann mit dem Körpersaft der Verwandtschaft. Hänsel und Gretel spielen Elternjäger.

Springerstiefel am Königshof

Das Haus Argos ist ein kühler, schicker Bungalow (entworfen vom Bühnenbildner Falco Herold), wie er in den Hügeln über Los Angeles herumstehen könnte. Wenn sich die Bühne dreht, sehen wir, dass der Bungalow nichts als ein Schlafzimmer enthält. In dem gehen Aigisthos (Norman Hacker) und Klytaimnestra (Sophie von Kessel) ihrer Lust nach, bis das Beil des Orest ihre Leiber zerfetzt. Aigisthos' Leiche landet im Schmuck-Wassergraben, der vor dem Haus plätschert. Ab und zu erklingt ein Popsong der verehrungswürdigen US-Band The National, der heißt "Fake Empire", ist sehr traurig und erzählt von einem Zustand des Halbwachseins - und tatsächlich wirken auch die beiden jungen Helden dieses Stücks, als seien sie Fieberträumende, Entrückte, Zugedröhnte. Vermutlich haben sie ähnliche Drogen genommen wie die Helden von Quentin Tarantino und Oliver Stone vor 20 Jahren, zu "Pulp Fiction"- und "Natural Born Killers"-Zeiten.

Es ist also trotz des Grusels eine schon wieder kolossal altmodische Welt, in der Böschs Inszenierung spielt. Das ist ein bisschen schade, weil im Münchner Residenztheater, wo der Österreicher Martin Kusej Intendant ist, in den letzten Monaten ein paar Inszenierungen zu sehen waren, die wirklich auf der Höhe unserer Gegenwart sind. Böschs "Orest" ist dagegen eher eine leicht streberhafte Theaterhommage an eine Zeit, in der Springerstiefelmädchen an antiken Königshöfen noch überraschend waren.

Manchmal wirft an diesem Theaterabend ein Projektor putzige Zeichentrickbilder auf die Bühne, in denen man Sterne und Schneeflocken und Grabkreuze und andere romantische Märchenmotive bestaunen darf. Manchmal lässt der Regisseur seine Darsteller beim Reden Nahrungsmittel ausspucken. Einmal, wenn auch die schöne Helena, wegen der gerade noch ganze Völker Krieg führten, gekillt ist, brennt es auf der Bühne. Das ist okay, aber leider auch ziemlich egal. Denn bei aller beherzten Schockerkunst, die Andrea Wenzl und Shenja Lacher im Bungalowgarten zeigen, in dem noch ihre Kinderschaukel herumsteht: Die Wut und die Not der beiden bösen blutrünstigen Geschwister bleiben in München eine Geschichte aus dem Lande Weit Weit Weg.

Orest. Am Münchner Residenztheater wieder zu sehen am 20.9. und 8.10., www.residenztheater.de, Tel. 089/21 85 19 40

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Seite 1
bettyboop2013 16.09.2013
1.
Hört sich nach Frank Castorf an. Auch nach 2000 Jahren Zivilisation ist die Menschheit über blutige Rache nicht hinausgekommen.
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