Duell-Debatte bei Anne Will Sehnsucht nach Berlusconi

Da haben wir den lauwarmen Salat: Inszenierung frisst Inhalt, das Medium ist der Mist. Über das TV-Duell zwischen Merkel und Steinmeier waren sich die Diskutanten bei Anne Wills Anschluss-Analyse einig: öde. Nur Stoiber brach eine Lanze für Merkel - und Theatermann Peymann träumte von Polit-Machos.

ARD-Talkerin Will und Ex-Duellant Stoiber: Zuschauer kämpften mit dem Einschlafen
NDR

ARD-Talkerin Will und Ex-Duellant Stoiber: Zuschauer kämpften mit dem Einschlafen

Von Reinhard Mohr


Krise hin, Kandidatenduell her: Wenn Günther Jauch, der oberste Fernseh-Schwiegersohn der Friedensrepublik Deutschland, die Leidenschaft vermisst, muss es schon sehr langweilig gewesen sein. "Wo war der Aufbruch, das Mitreißende, das Profil?", fragte er wenige Minuten nach dem Ende des TV-Duells zwischen Angela Merkel und Frank-Walter Steinmeier in der Diskussionsrunde von Anne Will am späten Sonntagabend. "Das war eine Werbeveranstaltung für die Große Koalition." Am schlimmsten fand er die Schluss-Statements: "Die waren schrecklich auswendig gelernt."

Und tatsächlich: Verglichen mit dem 90-minütigen Wortwechsel zwischen CDU-Kanzlerin und SPD-Vizekanzler war die historische Auseinandersetzung zwischen den Herren Dr. Klöbner und Müller-Lüdenscheid in der loriotschen Badewanne der reinste Krieg.

Nicht einmal Maybrit Illners provokanter Neologismus von der schwarz-gelben "Tigerenten-Koalition" hatte die beiden Kontrahenten dazu bewegen können, wenigstens in eine Wasserschlacht von Badewannenformat einzutreten. Kein Wunder also, dass Claus Peymann, Intendant des Berliner Ensembles, "ganz kleine Augen" bekommen hatte und mit dem Einschlafen kämpfte. "Es kann einem angst und bange werden, wenn das die politische Auswahl sein soll", klagte er. Beide seien "schwache Besetzungen gewesen", neutral und künstlich, "wie geklont". Im Theater jedenfalls wären die beiden glatt durchgefallen.

Angesichts dieses darstellerischen Elends überkam den notorisch linken Gesellschaftskritiker Peymann sogar die politisch ganz und gar unkorrekte "Sehnsucht nach Sarkozy und Berlusconi", nach Männern also, die es auch einmal krachen lassen und jedenfalls wissen, wie sie sich zu inszenieren haben.

Politik auf Zimmertemperatur

Hier nun griff Edi the Eagle ein, Edmund Stoiber, Anti-Bürokratisierungsbeauftragter der Europäischen Union und vormals selbst TV-Duellant im Kanzlerkandidatenkampf mit Gerhard Schröder. Er lobte das "sehr sachorientierte Gespräch", das "informativ und intensiv" gewesen sei. Allein der hohe Erwartungsdruck, der auf Angela Merkels Auftritt lastete, habe ihrem Herausforderer eine Chance gegeben, besser auszusehen als gedacht. Im Übrigen habe alles seine Zeit, und die Zeit der harten persönlichen Konfrontation wie damals, als Willy Brandt "mit der Hand zehn Mal auf den Tisch geschlagen hat", sei eben vorbei. Günther Jauch langweilt sich und Edmund Stoiber lobt die Konsenskultur - wo leben wir eigentlich, und wenn ja warum?

"Wenn man's spannender haben will, darf man nicht vier Moderatoren engagieren", antwortete Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit, dessen maliziöses Schmunzeln Günther Jauch schon als Vorzeichen einer dereinst heraufziehenden rot-rot-grünen Wowi-Kanzlerschaft deutete. Recht hatte der Sozialdemokrat jedenfalls mit dem dramaturgischen Hinweis auf das "starre Format" des Fernsehduells.

Wo Politik auf Wohnzimmertemperatur heruntergeregelt wird, wo Sekunden gemessen und Gesichtszüge in Großaufnahme festgehalten werden, kurz: wo jede menschliche Regung unter Kontrolle und Aufsicht gebracht wird, da gerät selbst eine Äußerung wie "Der Mond ist aufgegangen und tausend Sternlein prangen" zur riskanten politischen Stellungnahme. Die Nation sitzt auf dem Sofa und nimmt übel, wusste schon Kurt Tucholsky zu Zeiten, als es weder Fernsehen noch Twitter gab.

Wie viel mehr gilt das für heute, da schon Essenseinladungen im Kanzleramt zum großen Skandal taugen und jeder kleine Versprecher registriert und interpretiert wird wie ein seismografischer Ausschlag, der von einem nahenden Tsunami zeugen könnte? Wenn dann noch Frank Plasberg wie ein verspäteter öffentlich-rechtlicher Suppenkasper seine vermeintlich gnadenlos harten Fragen stellt, deren Hauptzweck die Befriedigung der eigenen Eitelkeit ist, haben wir den lauwarmen Salat: Inszenierung frisst Inhalt.

Das Medium ist der Mist.

Ödnis an allen Fronten

So hatte Claus Peymann, der zuweilen auch eine echte Nervensäge sein kann, durchaus recht, wenn er nicht nur politische Leidenschaft vermisste, sondern auch Visionen, also ein "zukünftiges Bild" der Gesellschaft: "Leuchttürme zur Orientierung" gerade für jene, die in "irrationalen Ängsten" stecken. Stattdessen sehe man "Sachwalter und Pragmatiker", deren "Zwergen-Ideologie" letztlich nichts anderes sei als politische Taktik, ebenso farblos wie austauschbar. Selbst Patricia Riekel, Chefredakteurin der Society-Zeitschrift "Bunte", stimmte hier zu, wenngleich ihr Bedarf an "Emotionen" sich eher "am Menschen" als an großen politischen Kontroversen orientierte.

Angesichts dieser dröhnenden Übereinstimmung sah sich Günther Jauch, der wohl immer noch gerne Anne Wills Moderatoren-Stuhl einnehmen würde, dazu aufgerufen, die visionslose Politik zu verteidigen, Langeweile hin oder her: Die wüssten doch auch nicht weiter in Zeiten einer globalisierten Unübersichtlichkeit, in der große Worte allzu rasch an der komplizierten Wirklichkeit zerschellten.

Damit hatte er, neben dem Korsett der medialen Inszenierung, die zweite Bedingung der diskursiven Ödnis benannt: das Ende des ideologischen Zeitalters, einer Ära also, in der das Wort von der "Richtungswahl" (SPD-Generalsekretär Hubertus Heil) noch mehr war als hilfloser Spruch zur Abgrenzung vom politischen Konkurrenten im Wettkampf um das gefälligste Angebot.

"Selbst wenn die SPD die sofortige Umleitung des Rheins nach Rumänien forderte, würde Angela Merkel sagen: Darüber können wir reden." Derart schwungvoll veranschaulichte Hans-Ulrich Jörges, Kommentar-Krawallo vom "Stern", die aktuelle Wahlstrategie der CDU, die vor allem darin besteht, sich keine Blöße zu geben und ja keine Front unbeaufsichtigt zu lassen. Allein mit Jörges' Temperament könnte das Paar Merkel und Steinmeier spielend die nächsten fünf TV-Duelle bestreiten.

Dazu wird es nicht kommen. Die Bürger draußen im Lande ahnen es und verteilen ihre Sympathien zu beinah gleichen Teilen. So steht es knapp zwei Wochen vor der Bundestagswahl nach Punkten 1:1.

Und sie wissen: Der Rhein fließt weiter in die Nordsee. Das ist mal sicher.

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Seite 1
frubi 14.09.2009
1. .
Zitat von sysopDa haben wir den lauwarmen Salat: Inszenierung frisst Inhalt, das Medium ist der Mist. Über das TV-Duell zwischen Merkel und Steinmeier waren sich die Diskutanten bei Anne Wills Anschluss-Analyse einig: öde. Nur Stoiber brach eine Lanze für Merkel - und Theatermann Peymann träumte von Polit-Machos. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,648739,00.html
Hat jemand mehr erwartet? Ich hatte jedenfalls wesentlich mehr Spaß bei den Simpsons und habe nur die Werbepausen dazu genutzt um mir meine Vermutung bestätigen zu lassen. Steini hat auch den gleichen Mist verzapft wie letzte Woche bei Illner. Da wird er kritisch zum Afghanistan Einsatz gefragt und antwortet mal wieder um die Ecke mit dem 11.09.2009. Bei den Ami`s klingt das ja teilweise noch plausibel aber wir in Deutschland haben so rein gar nichts mit dem 11.09 zu tun. Einen Kriegseinsatz damit zu rechterftigen ist ziemlich schwach.
Bruddler II 14.09.2009
2. der war gut!
Wenn dann noch Frank Plasberg wie ein verspäteter öffentlich-rechtlicher Suppenkasper wie seine vermeintlich gnadenlos harten Fragen stellt, deren Hauptzweck die Befriedigung der eigenen Eitelkeit ist, haben wir den lauwarmen Salat: Inszenierung frisst Inhalt. Das Medium ist der Mist. Voll d'accord!
KurtFolkert 14.09.2009
3. Profillos
Alles in allem war die Talkrunde im Nachhinein schon sehr unterhaltsam. Ein immer wieder verwirrt dreinblickender Günther Jauch, welcher wohl lieber einen Stuhl weiter gesessen hätte, zuweilen sogar der Moderatorin das Ruder aus der Hand nahm. Er schien der nüchternste zu sein. Edmund Stoiber bewies, dass er mal wieder viel reden konnte, ohne wirklich etwas zu sagen. Man konnte ihn, wie immer eigentlich, gar nicht mehr zum schweigen bringen und die Gesichter seiner Taplkpartner versteinerten, um nicht zu sagen schliefen ein, bei seinen Ausführungen. Anne Will versuchte sich wohl dem Duell-Stil anzupassen und brachte nicht viel zusammen. Da waren Jauch, Peymann und Jörges eher diejenigen, die wenigstens etwas Bewegung in die stillen Wasser brachten. Wowereit konnte nur feixen. Was, wie man ihm lassen muss, wohl auch das geschickteste war. Aber ausser einem gedehnten "Herr Stoiber", war auch bei ihm nicht viel mehr zu hören. Und Riekel hätte wohl mehr sagen können, wenn sie denn mal mehr zu Wort gelassen worden wäre. Zumindest schien ihr die Debatte über die Debatte nicht genug Wert gewesen zu sein. Im großen und Ganzen war auch Wills Talkrunde eher Mau.. Aber wenigstens war der Sonntagabend damit überstanden ^^
Bruddler II 14.09.2009
4. unerklärlich
Es ist unerklärlich, weshalb die öffentlich-rechtlichen Sender meinen solch eine Sendung mit Moderatoren aus Unterhaltungssendungen (warum nicht gleich Gottschalk und Pilawa?) bestreiten zu müssen und hier nicht die Leiter der politischen Redaktionen oder die Chefredakteure zu Wort kommen. Die Privaten setzen auf Nachrichtensprecher/-vorleser, auch nicht besser.
Andree Barthel 14.09.2009
5. *
"Inszenierung frisst Inhalt" – es wäre schön, wenn es denn so wäre, aber leider ist, wenn man mal von der Requisite absieht, überhaupt nichts inszeniert, weder auf Seiten der Politiker noch auf Seiten der Journalisten. Letztere versuchen mühsam den Eindruck zu vermitteln, die Politikern stände eine Phalanx gegenüber, jedoch stellt sich dann schnell heraus, dass jeder nur für sich selbst kämpft. Ich vermute, das Duell habe ich nicht gesehen, dass es gestern genauso war. Mich würde mal interessieren, ob sich die vier vorher abgesprochen bzw. bestimmte Szenarien durchgespielt haben. Alles wäre viel spannender und unterhaltsamer, wäre irgendetwas geprobt worden.
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