Matthias Hartmann inszeniert in Düsseldorf Tischerücken im rechtsfreien Raum

Matthias Hartmann dramatisiert am Düsseldorfer Schauspielhaus Kleists "Michael Kohlhaas": Findet der Ex-Burg-Intendant in dem Rebellen gegen die Willkür der Obrigkeit seinen eigenen Fall?

Sebastian Hoppe/ Schauspielhaus Düsseldorf

Von Andreas Wilink


Der erste Absatz der Erzählung, die Heinrich von Kleist "Aus einer alten Chronik" entnommen haben will, sammelt eine Menge Attribute, die den Titelhelden Michael Kohlhaas charakterisieren, um auf den folgenden 100 Seiten bestätigt zu werden: Rechtschaffen sei er und entsetzlich, ein guter Staatsbürger und die Furcht Gottes, wohltätig und gerecht, ein getreuer Vater und Gatte. "Das Rechtgefühl aber machte ihn zum Räuber und Mörder."

So beginnt es auch im Central des Düsseldorfer Schauspielhauses, indem sich Kohlhaas (Christian Erdmann) mit halbem Kopfnicken grüßend vorstellt. Als sein eigener Berichterstatter - so wie Kleist in den Novellen "ein Reporter, ein unheimlicher Geschichtsschreiber für die Mitwelt, wohl eher für die Nachwelt" (Hans Mayer) ist. Aber nüchtern nachrichtlich verläuft der Abend dennoch ganz und gar nicht. Denn schon klampft und krächzt der Bühnenmusiker Karsten Riedel seltsamerweise dazu Verse der Else Lasker-Schüler darüber, dass "ein Weinen in der Welt" sei. Und so beginnt das Theater...

Der Regisseur Matthias Hartmann befindet sich, seit er 2014 im Zusammenhang mit dem Finanzskandal fristlos seines Amtes als Direktor des Wiener Burgtheaters enthoben wurde, in gerichtlicher Auseinandersetzung mit der österreichischen Staatsbürokratie. Der Ex-Intendant kämpft um sein Recht und, sagt man es pathetisch, um seine Ehre. Dass er für Wilfried Schulz, noch in Dresden, Dostojewskis "Idiot" - den Roman des Fürsten Myschkin, des zarten, sanften Weltfremden - inszeniert hat und nun mit Kleists Episode aus dem 16. Jahrhundert das schlimme Tun des Rosshändlers und protestantischen Rebellen dramatisiert, mag miteinander zu tun haben. In den Figuren trifft sich der Gegensatz von Unschuld und Schuld, trifft Friedfertigkeit auf die Gesinnung des Feuerkopfs.

Kohlhaas sucht sich im blutigen Streit mit dem Junker von Tronka (Andrei Viorel Tacu spreizt und ziert sich als rot aufgeputzte Tunte) Genugtuung zu schaffen, nachdem der feudale Herr wegen einer willkürlichen Wegezoll-Forderung Kohlhaas' Rappen in Gewahrsam nahm und sie zuschanden gehen ließ (die armseligen Klepper werden hier hübsch symbolisiert durch zwei ausrangierte, ramponierte Stühle). Als die offizielle Beschwerde beim Kurfürsten von Brandenburg scheitert, verwüstet Kohlhaas das Land an der Havel und im Sächsischen, brandschatzt und mordet. Aber er tut dies nicht allein aus rationaler Erwägung, enttäuscht von der Rechtsbeugung durch die Obrigkeit und tief getroffen vom Tod seines Eheweibs Lisbeth (Minna Wündrich), deren romantische Beziehung Karsten Riedel mit grellem Jaulen vertont. Kohlhaas ist vielmehr - echter Kleist-Held - ganz Gefühl und bei Christian Erdmann eher eine wunde Seele als ein ruppiger Esau. Er betreibt "das Geschäft der Rache" wie "der Engel des Gerichts" und schafft sich seine Welt aus Wille und Wahn, obgleich ihm Martin Luther (von denkmalhafter Statur: Reinhart Firchow) in einer Unterredung die Grenzen weist.

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Matthias Hartmann inszeniert in Düsseldorf: Tischerücken im rechtsfreien Raum

Die Central-Spielfläche hat Johannes Schütz - genial schlicht - mit 289 grauen Tischen im Quadrat gebaut und raumfüllend dem Bühnenkasten eingepasst. Darauf und darunter tun sich Lücken auf, kann verklappt, verschoben und ins Chaos verrückt werden. Auf dem Karree stellt sich wie ein Segel eine Leinwand quer, auf die sich Simultan-Videos der Spielszenen projizieren lassen oder Figuren wie im Silhouetten-Theater Schatten werfen.

Das Ensemble trabt wie die Ritter der Kokosnuss herein, schnaubt in Stellvertretung der Vierbeiner, lässt Hufe klackern, dreht am Rad der Geräuschmaschine, knattert metallisch mit Blech, macht Randale und überhaupt unheimlich Wind. Man stolziert wie auf dem Laufsteg, wirft sich in Pose, rackert sich ab, wechselt Kostüme, stellt sich episch neben die Rollen und tritt manchmal auch aus ihnen heraus. Mit fliegenden Fahnen und sehr anti-illusionistisch ist man fix zugange wie das fahrende Volk beim buntscheckigen Jahrmarktsbuden-Zauber. Dabei suggeriert die Inszenierung eher die improvisierte Einfachheit ihrer Mittel, statt sie als Spielmaterial bescheiden unaufdringlich zu nutzen.

Wenn den drei Stunden dann die Puste ausgeht (was nach der Pause passiert), spürt man plötzlich die große Leere, in der nur noch der Stoff abgefertigt, der Vollzug des Falls Kohlhaas bis zum Schafott durchexerziert, die Erzählung zum Vortrag und bloß vorwitzig mit Possenreißereien und Possierlichkeiten (wie einer blöden Habsburger-Kaiser-Karikatur) ausgefüttert wird. Die Wirkungsmechanik und Verdoppelungstechnik, die Hartmann versiert anwendet, um seine "Kohlhaas"-Moritat zu illustrieren, hebelt sich selbst aus. Dass Kleist der Dichter der Disharmonie und der Krise ist, vertraut mit der "gebrechlichen Einrichtung der Welt", gerät unter die Räder der Betriebsamkeit und galoppierenden Gefälligkeit. Auch Hartmanns Kohlhaas, der sich mit Wort und wütender Tat vergreift, beugt sich am Ende dem Gesetz, das auch ihm Recht spricht. Auf die Bühne bricht das Dunkel nieder - wie ein Fallbeil. In der Mitte von Schuld und Unschuld mag die Wahrheit liegen. Freispruch ist da nicht drin.


"Michael Kohlhaas": Im "Central" des Schauspielhauses Düsseldorf, nächste Vorstellungen am 20.2. sowie 3., 9., 16. und 24.3., www.dhaus.de



insgesamt 2 Beiträge
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Minette 19.02.2017
1. Das liest sich grauslig
für Düsseldorf typische Inszenierung..... wie gut, daß man nicht hingehen muß! Das hat mit Kleist und Michael Kohlhaas nichts mehr zu tun. Jeder Besuch des Schauspielhauses wird durch diese widerwärtigen Inszenierungen verleidet.
nascado 19.02.2017
2. Spannende der Stunden
Ich weiß nicht was dem Kritiker hier nicht gepasst hat, wir waren jedenfalls alle begeistert. Eine unprätentiöse Inszenierung, die trotz einiger Längen niemals langweilig war. Es war erstaunlich was man auch ohne großen Bühnenzauber zuwege gemacht hat. Die live dargebotene Bühnenmusik übernahm sehr gefühlvoll die Stimmung und ergänzte die Handlung da, wo nicht gesprochen wurde. In den Dialogen wurden die "Regieanweisungen" teilweise vom Gegenpart gesprochen. Das ist zwar nicht wirklich neu, ab trotzdem gut. Die Beschreibung des Herrn Wilink ist erstaunlich obglächlich und wird dem Stück nicht gerecht. Was mein Vorredner dann als "typisch Düsseldorf" bezeichnet, ist ja nun wirklich nur noch albern. Düsseldorf hat in en letzten Jahren laufend neue Intendanten. Diese alle über einen Kamm zu scheren, zeugt nun wirklich von fehlendem Hintergrundwissen gepaart mit typischen Vorurteilen.
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