"Dummy"-Zensur Die Penisfrage

Herausgerissene Seiten und ein schwarzer Strich: Nachdem eine Anwaltskanzlei Bedenken angemeldet hatte, mussten Tausende Ausgaben des "Dummy"-Magazins zensiert werden, um in den Handel gelangen zu können. Dessen Herausgeber wittert "kulturfeindlichen Dünkel".
Screenshot der Internetseite dummy-magazin.de: "Kulturfeindlicher Gestus"

Screenshot der Internetseite dummy-magazin.de: "Kulturfeindlicher Gestus"

Wo hört Kunstfreiheit auf und wo fängt Pornografie an? Ein Penis an einer Schnur, Zeichnungen von Frauen mit gespreizten Beinen und Stalin-Abbildungen mit monströsem Glied - ist das schon ein Grund dafür, ein Magazin nicht an die Kioske zu bringen? Und wer ist die Instanz, die über die Grenze entscheiden darf?

Im Fall des "Dummy"-Magazins war es die DT-Control, hinter der eine eigenständige Medienkanzlei aus München steht, die Penis, Frauenschöße und Stalin-Bilder als bedenklich einstufte. Die Abbildungen sind auf drei Seiten der Berliner Zeitschrift zu sehen. Jede Ausgabe widmet "Dummy" einem übergreifenden Thema - diesmal ist es der "Schmerz". Warum die Anwälte das Magazin überhaupt auf jugendgefährdende Inhalte durchsuchten, welche Zeitungen und Zeitschriften ebenfalls bei ihnen landen und nach welchen Kriterien dabei vorgegangen wird, das alles ist nicht ganz klar.

Fest steht: Die Juristen werden von den Grossisten um eine Einschätzung gebeten, wenn diese in den Zeitschriften, die sie ausliefern sollen, auf bedenklichen Inhalt stoßen. Die Kanzlei, die als "Freiwillige Selbstkontrolle im Pressevertrieb" fungiert und vorgelegte Inhalte auf Vereinbarkeit mit dem Jugendschutz prüft, wiederum gibt den Großhändlern dann eine Empfehlung. Im Fall der "Dummy"-Ausgabe gab es offenbar große Bedenken. Ein Grossist informierte den Axel-Springer-Vertrieb, der die "Dummy"-Hefte in den Zeitschriftenhandel bringt. Der schickte dann eine Mail an alle Grossisten: "Wir möchten Sie dringend darauf hinweisen, dass diese Ausgabe auf keinen Fall an den Handel ausgeliefert werden darf, da es Klärungsbedarf zu Inhalten des Heftes gibt", zitiert die "taz" daraus.

"Dummy"-Herausgeber Oliver Gehrs sah sich vor die Wahl gestellt: Entweder die Hefte bleiben im Lager, oder die beanstandeten Stellen müssen herausgenommen werden. Also ließ er 10.000 Ausgaben wieder einsammeln und von Studenten zwei Seiten mit den Zeichnungen herausreißen. Über den Penis wurde mit schwarzem Edding ein Strich gezogen. Dann kam noch ein Aufkleber auf die Titelseite mit einem Verweis auf die Zensur, und die Hefte konnten in die Kioske gebracht werden.

Rechtlich gesehen wohl ein unnötiger Schritt: Indiziert war die Ausgabe keineswegs, das kann nur die Bundesprüfstelle - und auch nur, wenn das Medium bereits veröffentlicht ist. Aus betriebswirtschaftlicher Perspektive sah sich Gehrs dennoch dazu genötigt: Sein unabhängiges Magazin ist auf den Verkauf angewiesen. 25.000 weitere Ausgaben jedoch kommen beispielsweise als Abo vollständig und ohne Marker-Strich an die Leser.

"Das linksliberale Magazin aus Berlin, das prüfen wir mal"

Zwar hat "Dummy" von dem Rummel um die zensierte Ausgabe durchaus profitiert; etliche Nachbestellungen im Netz und Neu-Abos habe es in den vergangenen Tagen gegeben. Dennoch prangert der ehemalige Medienjournalist (unter anderem bei "taz" und SPIEGEL) nicht nur das undurchsichtige Vorgehen der DT Control an. Schlimmer noch sei der "vorauseilende Gehorsam" der Grossisten gewesen, sagt Gehrs. Selbst der Verlag habe sich mit den Anwälten gemein gemacht und weggeduckt, statt hinter seinem Kunden zu stehen.

Springer-Sprecher Tobias Fröhlich hingegen sagt: "Unser Vertriebsdienstleister hat sich mit dem Inhalt des Magazins nicht beschäftigt. Uns ging es darum, möglichen Schaden vom Kunden abzuwenden, falls der nach einer Veröffentlichung mit Abmahnungen oder ähnlichem rechnen muss." Die kategorische Formulierung der Infomail sei der Dringlichkeit geschuldet aber vielleicht etwas unglücklich gewesen.

Offen bleibt trotzdem noch die Frage, die auch Herausgeber Gehrs stellt: Warum ausgerechnet seine Zeitschrift so verdächtig erscheint, dass sich Juristen damit beschäftigen. In der Tat ist nicht ganz klar, was die "Dummy"-Darstellungen von anderen Bildern, die in Boulevardblättern oder Erotikmagazinen abgedruckt werden, eklatant unterscheidet, "außer vielleicht einem kulturellen Anspruch", sagt Gehrs. Die Tattoo-Zeichnungen mit den nackten Frauen sind vorher schon in Galerien ausgestellt worden, der fotografierte nackte Mann ist ein Künstler.

"Was Kunst ist, darüber lässt sich ja streiten", sagt Gehrs. Da man nicht genau wisse, was hinter dem Ganzen steckt, ließen sich Hypothesen entwickeln - zum Beispiel die des "kulturfeindlichen Dünkels", wie er sagt. Oder ein Vorgehen nach dem Motto: "Das linksliberale Magazin aus Berlin, das prüfen wir mal".

Schon vor neun Jahren hat die Münchner Kanzlei der "taz" zufolge eine "Vertriebsempfehlung" ausgesprochen, die im Anschluss für Verwunderung sorgte. In dem Fall war es eine Ausgabe des Magazins "Steinstraße 11", die demnach nur "beschränkt" vertrieben werden sollte. Grund für die Beanstandung sollen zwei kopulierende Micky Mäuse gewesen sein. Die Kanzlei war für SPIEGEL ONLINE am Donnerstag nicht zu sprechen.

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