E-Mail aus Hollywood American Aldi

Die öffentlichkeitsscheuen Brüder Karl und Theo Albrecht machen nicht nur in Deutschland Geschäfte mit Billig-Discountern. In Kalifornien besitzen sie die Supermarkt-Kette "Trader Joe's" - ein tropisch-buntes Mekka für Surfer, Esoteriker und Hollywood-Millionäre.

Von Helmut Sorge, Los Angeles


"Trader Joe's"-Wegweiser in West Hollywood: Alternative zu den Neonlicht-bestrahlten, tiefgekühlten Supermarktgiganten
Volker Corell

"Trader Joe's"-Wegweiser in West Hollywood: Alternative zu den Neonlicht-bestrahlten, tiefgekühlten Supermarktgiganten

Ihr Vermögen wird auf 26,8 Milliarden Dollar geschätzt, womöglich sind es sogar einige Milliarden mehr, bei Jahresumsätzen von 30 Milliarden Dollar zählen ein paar Nullen mehr oder weniger kaum. Der eine Bruder, Karl Albrecht, so viel scheint sicher, ist ein bescheidener Mann geblieben. Allerdings hat er sich einen eigenen Golfplatz bauen lassen, damit er am Abschlag nicht mehr warten muss. Mit seinem Bruder Theo, einem Sammler alter Schreibmaschinen, redet er derzeit anscheinend nicht mehr. Sie sollen sich wegen unterschiedlicher Geschäftsstrategien entzweit haben.

Mit Schweigen begegnen die Aldi-Gentlemen auch der Presse. Photos von ihnen gibt's seit den siebziger Jahren kaum noch - damals ist Theo entführt worden. Gegen Zahlung von 7,5 Millionen Mark kam er wieder frei. Ungewiss ist, ob er, wie gefordert, das Lösegeld als "außerordentliche Ausgabe" von den Steuern absetzen konnte. Sicher ist: die Gentlemen sind über 80, stammen aus Essen und kaum einer ihrer Angestellten in ihren mehr als 6000 Läden hat sie je persönlich gesehen. Im Vergleich zu ihren öffentlichen Auftritten ist Bill Gates ein wahrer Karnevalsprinz.

Die US-Medien, an Milliardäre gewöhnt, drucken den Namen der Brüder allenfalls, wenn alljährlich wieder die Listen der reichsten Menschen der Welt gedruckt werden: die Queen in London, der Sultan von Brunei - weit oben stehen auch die Namen der Albrechts, Theo und Karl. Ihnen sind diese Enthüllungen sicher zuwider, denn selbst ihr Engagement in den USA ist für den Normalbürger weitgehend ein Geheimnis geblieben.

"Trader Joe's"-Filiale in Hollywood: Man kauft, man paludert - und trifft sich später im Bodybuildingstudio
Volker Corell

"Trader Joe's"-Filiale in Hollywood: Man kauft, man paludert - und trifft sich später im Bodybuildingstudio

Dabei sind die Deutschen in den USA zu Trendsettern geworden. Ihre Lebensmittelkette "Trader Joe's" ist eine Art Kultur-Institut, zumindest eine Alternative zu den Neonlicht-bestrahlten, tiefgekühlten Supermarktgiganten wie "Safeway" oder "Ralph's". Für Grüne, Alternative, Gesundheitsapostel, Yogavernarrte, Bush-Gegner und Ballerinas ist "Trader Joe's" eine Art Marktplatz - man kauft und plaudert, sagt "hello" und trifft sich später im Bodybuildingstudio oder bei der Dichterlesung. "Trader Joe's" ist für die Yuppie-Welt humaner Konsum, die Abkehr von Massen-Angebot und Plastikprodukten. Enten-Produkte werden bei "Trader Joe's" nicht angeboten, weil Tierschützer die Enten-Züchter der Tierquälerei bezichtigten.

In Albrechts Läden, inzwischen haben sie etwa 200 in den USA eröffnet, zählen nämlich vor allem jene zu den Kunden, die nicht Hamburger vertilgen, sondern Fondue, und wissen, dass Croissant kein Vorort von Paris ist. Die Verkäufer tragen so genannte Hawaii-Hemden (also mit Palmen, Wasserfällen und Surfmotiven bedrucktes Tuch) und sind so fröhlich wie wahrscheinlich Karl und Theo, wenn sie die steigenden Umsätze der "Trader Joe's"-Filialen studieren: rund zwei Milliarden Dollar im Jahr.

Auch "Joe's" in West Hollywood ist in diesen Tagen von Menschenmengen belagert. Die Kassierer erzählen gleichwohl Witze, einer singt häufig Weihnachtslieder und geduldig warten zwei Dutzend Kunden vor der Kasse. "Trader Joe's"-Kunden sind eben coole Typen. Hollywood-Schöne, wie wir sie aus den Klatschgazetten kennen, schieben ihre Einkaufskarren im Puschen-Look durch die Regalgassen - Armani-Trainingsanzug, dazu die passenden "Ugo", die derzeit im Trend liegenden Pelzstiefelchen. Oder sie kleiden sich im Mini-Rock, immerhin zeigt das Thermometer auf 23 Grad (plus, wohlgemerkt), die überlangen Beine sind allerdings bedeckt mit Wollstrümpfen, wie sie Ballerinas beim Aufwärmtraining tragen. Alles ist akzeptiert, jede Mode ist vielleicht Trend von morgen.

Kunden bei "Trader Joe's": Jede Mode ist vielleicht Trend von morgen
Volker Corell

Kunden bei "Trader Joe's": Jede Mode ist vielleicht Trend von morgen

Gleich um die Ecke indes ist vom eitlen Sonnenschein nichts mehr zu spüren. Vor so manchem Supermarkt der "Trader Joe's"-Konkurrenz, "Vons" etwa oder "Albertsons" (an dem die Albrechts rund elf Prozent der Aktien halten), stehen seit Oktober Streikende, die um die Zahlung ihrer Krankenversicherung durch den Arbeitgeber kämpfen - bislang vergebens. Die Supermarkt-Eigner erhoffen sich Einsparungen von Hunderten Millionen und Solidarität für die von den Arbeitgebern ausgesperrten 70.000 Gewerkschaftler ist kaum noch zu spüren - der Gedanke an den Weihnachtsmann, der damit verbundene Kauf und Konsumzwang, lässt die Streikenden im wahrsten Sinne des Wortes auf der Straße stehen.

Keinen Protest gibt es vor den Türen bei "Trader Joe's". Kein Posten der Wach- und Schießgesellschaft ist zu sehen - Fröhlichkeit ist Teil der Vermarktungsstrategie. Der Manager ist nicht "Manager", sondern "Captain", und er muss in diesen Tagen, wie in manchen Shops der Konkurrenz, kein Weihnachtskostüm tragen. Es weihnachtet allerdings auch bei "Joe's" in Hollywood - Adventskränze, Pfeffernüsse, "Schloß Biebrich"-Sekt aus Wiesbaden, Gebäckssortiment der Marke "Komplimente".

Natürlich bleibt "Hollywood" auch in diesen Stunden Hollywood. War das nicht eben die von "Friends", die mit einem halben Dutzend Orchideen an der Kasse stand? Der da drüben, sieht der nicht aus wie Jack Nicholson? Nein, der kann's nicht sein, der sitzt heute Abend bei seinen "Lakers" direkt am Spielfeldrand. Die Kunden bei "Trader Joe's" sind jene der besonderen Art - sie "schützen ihre Tätowierungen mit Sonnencreme", notierte die "Los Angeles Times", sie spielen Gitarre und zahlen ihre Steuern und einige von ihnen kurven auf Rollschuhen aus den Hügeln von Hollywood hinab zu ihren Werbe- oder Schauspieleragenturen.

Begehrter Billig-Wein: Trader Joe's "Two buck chuck"
Volker Corell

Begehrter Billig-Wein: Trader Joe's "Two buck chuck"

"Trader Joe's" hat nie wirklich auf Reklame gesetzt, gelegentlich ein Rundfunk-Spot, das war's. Alle vier Monate verteilt das Unternehmen an der Kasse eine Broschüre, in der für neue Produkte geworben wird - den "Fearless Flyer". Auf E-mails von Kunden reagiert "Trader Joe's" grundsätzlich nicht. Die Begründung: die Beantwortung würde das Engagement weiterer Arbeitskräfte bedeuten und die Mehrkosten müssten auf die Ware übertragen werden. Und das wolle man den werten Kunden nicht antun.

Die lieben ihren "Trader Joe's" gleichwohl, zumal die Kette tatsächlich - meist - die Konkurrenz preislich unterbietet. Während die Supermärkte am und um den "Sunset", "Ralph's" etwa oder "Vons", 25.000 bis 40.000 Produkte im Angebot haben, beschränken sich die "Trader Joe's"-Verantwortlichen auf rund 2500. 80 Prozent der Ware wird unter firmeneigenen Etiketten angeboten, etwa "Trader Joe's", "Trader Jacques'", "Trader Ming's" und 20 - 25 Prozent aller "Trader Joe's"-Produkte werden von den Einkäufern direkt in Übersee gekauft, etwa "Liebfrauenmilch" (2,99 Dollar) oder "Piesporter Michelsberg" (Spätlese), der für 4,99 Dollar im Angebot ist.

Aber nicht die genialen Albrecht-Brüder haben das "Trader Joe's"-Konzept erfunden, sondern ein Krämer namens Joe Coulombe. Der hatte sich in den sechziger Jahren Sorgen um seine Existenz gemacht, als die Billig-Kette "7-Eleven" auf den Markt drängte und seine "Pronto"-Geschäfte bedrohte. Joe entschied sich, seine Marktstrategie grundsätzlich zu ändern: Dekoration wie in den Tropen, Fröhlichkeit der Verkäufer, Billigpreise, Importe aus aller Welt. Coulombe setzte auf die aufgeschlossenen Amerikaner, die Wein nicht nur zum kirchlichen Abendmahl genossen und Knoblauch nicht als französischen Kautabak missverstanden. 1967 eröffnete er im kalifornischen Pasadena seine ersten "Trader Joe's", 1979 übernahmen die Albrechts das Unternehmen.

Derart billig bietet "Trader Joe's" manche Produkte inzwischen an, dass selbst Hollywoodstars oder in Beverly Hills residierende Multimillionäre sich die Schnäppchen nicht entgehen lassen: als der Berliner Bürgermeister bei ihm als Ehrengast dinierte, eingerahmt von alten Meistern an den Wänden des 20-Millionen-Dollar-Anwesens, ließ der Gastgeber, ein deutsch-amerikanischer Immobilien-Krösus", "Trader Joe's"-Wein zum Flaschenpreis von 1,99 Dollar servieren, einen in Kalifornien auf die Flasche gezogener Wein der Marke "Charles Shaw".

Von "Trader Joe's"-Fans wird dieser Wein als "two buck chuck" verehrt. Er liegt im Trend, wie die deutschen Brüder, deren "Trader Joe's" nicht an der Börse notiert wird. Ihr Gewinn? Ein weiteres Albrecht-Geheimnis.



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