E-Mail aus Hollywood Der Seifen-King aus Bredenbek

Der populärste Deutsche in Hollywood ist bei uns ein Unbekannter: Seit fast 20 Jahren spielt der Norddeutsche Eric Braeden die Hauptrolle in der Dauer-Soap "The Young And The Restless".

Von Helmut Sorge


Soap-Star Braeden: "Wat mutt, dat mutt"

Soap-Star Braeden: "Wat mutt, dat mutt"

Er ist, kein Zweifel, der König der "Soaps", Amerikas populärster Held des Tagesfernsehens: Eric Braeden. Ein Angelsachse? Denkste - ein Deutscher, so deutsch, dass er immer noch fließend "platt snackt". Tatsächlich heißt er Hans-Jörg Gudegast und wurde 1941 in Bredenbek zwischen Kiel und Rendsburg geboren. Bredenbek, ein umnebeltes Dorf des Nordens mit geradlinigen Menschen, dem "Gasthof Krey" und den Gehöften der Bauern Schwanebek und Wulf.

In der Dauer-Soap "The Young And The Restless" spielt der "plattdütsche Jung" einen Milliardär namens Victor Newman. Seit zwei Jahrzehnten gibt der Deutsche, der 1990 mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet wurde, in der CBS-Serie den Hauptdarsteller, seit dreizehn Jahren erreicht die Seifenoper die höchsten Einschaltquoten im amerikanischen Tagesfernsehen. Soeben wurde Braeden wieder einmal von dem Fan-Magazin "Soap Opera Weekly" auf den Titel gehoben, bei den Popularitäts-Umfragen, etwa von Gallup, steht er regelmäßig ganz oben. Unlängst veranstaltete eine kanadische Kaufhauskette sogar ein Preisausschreiben. Der Hauptgewinn: Ein Dinner mit Eric Braeden im kalifornischen "Beverly Hills Hotel". 1,2 Millionen Kanadier bewarben sich, drei Paare saßen am Ende mit ihrem Star im Luxusrestaurant am Tisch.

Doch eigentlich scheut Braeden die Glamour-Szene. Er bewohnt zwar ein feines Anwesen mit Blick auf die kalifornischen Hügel und fährt einen schwarzen Mercedes 500 - doch tritt er selten bei Empfängen auf, beim Oscar-Zirkus nie. Wenn er nach dem morgendlichen Tennismatch (im "Riviera-Club" der Pacific Palisades) in "Dana's Coffee Shop" an der Montana Avenue seine mit Lachs verfeinerten Rühreier genießt, dann hockt Braeden diskret an einem Ecktisch, zumeist sogar mit tarnender Sonnenbrille. Die Stammgäste erkennen ihn zwar, respektieren aber seine Privatsphäre. Wehe aber, wenn er in New Orleans oder Toronto den Schritt vor die Hoteltür wagt, dann ist der 1,85 Meter große Braeden im Gedränge der Fans fast so gefährdet wie einst Elvis.

Braedens neu eingerichtete Website (www.ericbraeden.com) bietet nicht nur Braeden-Vorträge und Braeden-News, sondern neuerdings auch von Braeden persönlich signierte Fotos zum Stückpreis von 12 Dollar. Bereits in den ersten zwei Wochen verzeichnete Braeden 70.000 "Hits" - so mancher war eine Bild-Bestellung. Er ist davon überzeugt: "Ich bin derzeit der wahrscheinlich bekannteste deutsche TV-Schauspieler der Welt", populärer noch als der eher biedere "Derrick", der es aus Deutschland in die weite Welt schaffte. Die Braeden-Serie wird in 50 Ländern gesendet; nur in Deutschland blieb das Interesse an "The Young And The Restless" stets gering.

"Kein deutscher Name macht Karriere in Hollywood": Eric Braeden (hier als TV-Held Victor Newman) heißt eigentlich Hans-Jörg Gudegast

"Kein deutscher Name macht Karriere in Hollywood": Eric Braeden (hier als TV-Held Victor Newman) heißt eigentlich Hans-Jörg Gudegast

Beinahe wäre der Bredenbeker sogar James Bond geworden. Die Diskussion um den Filmvertrag war bereits weit gediehen, bis ein kleines Detail den Karriere-Sprung doch noch verhinderte: Man war davon ausgegangen, Braeden sei Brite oder stamme zumindest aus dem Commonwealth. Aber Braeden war natürlich deutscher Herkunft, ein Typ, der kurz zuvor in der beliebten US-Fernseh-Serie "Rat Patrol" einen Panzeroffizier namens Hauptmann Hans Dietrich derart sympathisch dargestellt hatte, dass die Hollywood-Produzenten an den spanischen Drehort telegrafierten, das Bild des Feindes müsse verdunkelt werden: "Setzt dem Braeden eine Augenklappe auf und lasst ihn humpeln".

Braeden verließ Deutschland, um dem amerikanischen Traum von unbegrenzten Möglichkeiten und Abenteuern zu folgen. Schon 1965 stand er mit Curd Jürgens am Broadway in "The Great Indoors" auf der Bühne. 1997 ging er als John Jakob Astor - dem einstmals reichsten Mann der Welt - auf James Camerons "Titanic" unter. Am Anfang seiner Laufbahn in Hollywood hieß Braeden noch Gudegast. 1970 freilich verkündete der mächtige Produzent Lew Wasserman öffentlich: "Kein deutscher Name macht in Hollywood Karriere". Selbst Arnold Schwarzenegger nannte sich in seinem US-Debüt noch Arnold Strong. Also änderte auch Gudegast schweren Herzens seinen Namen in Eric Braeden - Eric, weil es ein alter Familienname ist, Braeden, weil es an die Heimat in Bredenbek erinnert.

Der Hollywood-Fernsehstar hat die deutsche Geschichte nie vergessen. Kürzlich wurde der Schauspieler erneut zu einem Vortrag nach Israel eingeladen. Braeden akzeptiert solche Auftritte. Ihm geht es um die Aussöhnung zwischen den Kulturen, der Korrektur historischer Verfälschungen und die Erinnerung an die deutsche Katastrophe, die die Welt zerrüttete. Aber er streitet auch gegen jenes Klischee vom hässlichen Deutschen, dem uniformierten Symbol des Teufels, das Hollywood immer wieder auffrischen will.

Der seit 36 Jahren glücklich verheiratete Star - sein Sohn ist Drehbuchautor - ahnt: "Wenn ein so genannter Star spricht, hören auch jene zu, die sich schon lange von den Politikern abgewendet haben". Hofft er. Aufgeben wird er nicht: "Wat mutt, dat mutt".



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