E-Mail aus Hollywood Phil Spectors spektakulärer Spin

Hollywood-Millionäre, die mit dem Gesetz in Konflikt kommen, haben bessere Karten als der Durchschnitts-Amerikaner: Anwälte, Agenten, Publizisten, die so genannten Spin Doctors, versorgen Medien und Öffentlichkeit gezielt mit Informationen und Gerüchten. Die Wahrheit bleibt dabei oft auf der Strecke.

Von Helmut Sorge, Los Angeles


Polizei-Absperrung vor Spectors Villa (im Februar 2003): "Ich bin unschuldig, wirklich. Ich habe nichts getan"
DPA

Polizei-Absperrung vor Spectors Villa (im Februar 2003): "Ich bin unschuldig, wirklich. Ich habe nichts getan"

Lana Clarkson, die schöne Blondine, 1,83 Meter groß, lag ausgestreckt auf dem Marmorboden - tot. Ein kurz gewachsener Mann, in eine Art Nachthemd gehüllt, ebenso verwirrt wie seine zu langen Haare, trat der über einen Notruf alarmierten Polizei entgegen. Die Ordnungshüter legten Harvey Phillip Spector, 62, dem "Mozart der amerikanischen Popmusik" ("Esquire"), die Handschellen an. Wenige Stunden später war der legendäre Musikproduzent, der 50 Pop-Klassiker komponiert und mit John Lennon, George Harrison oder Leonard Cohen gearbeitet hat, wieder in Freiheit. Sein Anwalt, Robert Shapiro, holte ihn aus der Polizeihaft. Gegen eine Million Dollar Kaution.

Kleingeld für Spector, der jährlich Millionen an Tantiemen abkassiert. Kein Problem offenbar für Shapiro, einst einer der Verteidiger des wegen Mordes angeklagten Footballstars O.J. Simpson. Der Athlet und Gelegenheits-Schauspieler schält heute nicht etwa Kartoffeln hinter Gittern, sondern spielt Golf, zumeist in Florida. Fans klopfen ihm auf die noch immer muskulösen Schultern und freuen sich über sein Autogramm, obwohl ein Zivilgericht Simpson offiziell für den Gewalttod seiner Frau verantwortlich gemacht hat.

Auch Phil Spector, so scheint es zumindest, hat sich von seinem Schreck in der Morgenstunde gut erholt. Auf einem eben im US-Magazin "Esquire" abgedruckten Foto, Datum: 23. April, ist Spector nicht mehr verstört, sondern aufgeräumt und elegant zu sehen: kurzhaarig, bebrillt, Jeans, blauer Mantel, den Schnauzer "Helmut" an der Leine. Im zugehörigen Artikel beteuert Spector - erstmals öffentlich - seine Unschuld: "Ich bin unschuldig, wirklich. Es gibt keinen Fall. Ich habe nichts getan."

Schauspielerin Clarkson (1987 in dem Trash-Film "Amazon Women On The Moon"): Ex-Aktrice auf der Suche nach dem Märchenprinzen?
DPA

Schauspielerin Clarkson (1987 in dem Trash-Film "Amazon Women On The Moon"): Ex-Aktrice auf der Suche nach dem Märchenprinzen?

Der "Esquire"-Journalist war mit dem Produzenten im Charter-Jet von L.A nach New York geflogen, einschließlich Hund "Helmut", und Spector konnte widerspruchslos behaupten: Die schöne Lana, ehemals Hauptdarstellerin in Filmen wie "The Barbarian Queen", habe "die Waffe geküsst. Ich weiß nicht warum. Ich kannte sie nicht und habe sie vor dieser Nacht nie gesehen. Ich weiß nicht woher die Waffe kam". Spector beschwört: "Sie hat sich selbst umgebracht".

Mit welcher Waffe? Ihrer eigenen? Einfach so, nur um Spector zu erschrecken? Keine Nachfragen, keine Antworten. Stattdessen acht Seiten Story über das bizarre, surrealistische Leben des Musik-Genies, das vier Wochen vor dem Drama einem britischen Reporter in den Block diktierte: "Ich bin wahrscheinlich bis zu einem gewissen Grad relativ verrückt." Der "Esquire"-Reporter begleitete ihn zum Dinner ins New Yorker Society-Lokal "Elaine", gemeinsam hörte er mit dem Beschuldigten Jazz im "Fez", und letztlich zweifelt er mit keinem Wort an Spectors Behauptungen.

Der Artikel, "exclusive", wie "Esquire" auf dem Titel meldet, ist, so muss es scheinen, ein Element der Verteidigungsstrategie des Pop-Produzenten. "Spin" nennen das die PR-Agenten, die berüchtigten "Publicists", die einer Geschichte einen "Dreh" geben, in die gerade genehme Richtung, ganz gleich, ob es um die mutmaßlichen Massenvernichtungswaffen Saddam Husseins oder den Heroinkonsum einer Hollywoodschönen geht. Die Waffen habe der Diktator schon vor der Attacke vernichten lassen oder per FedEx an Bin Ladens Höhle in Afghanistan geschickt. Der Filmstar habe sich nicht etwa wegen Drogenmissbrauch in der Klinik einquartiert, sondern wegen "totaler Erschöpfung". Gerüchte werden verbreitet, Geschichten erfunden, die den Klienten vor Schlagzeilen oder gar Knast bewahren sollen.

Angeklagter Schauspieler Blake (im Februar 2003): Auf freiem Fuß für 1,5 Millionen Dollar Kaution
AP

Angeklagter Schauspieler Blake (im Februar 2003): Auf freiem Fuß für 1,5 Millionen Dollar Kaution

Lana Clarkson, verbreitete jetzt die Glamour-Gazette "Vanity Fair", sei in den neunziger Jahren als "1000-Dollar-pro-Stunde-Callgirl" unter dem Namen "Alana" von einer Madame Jody "Babydoll" Gibson vermarktet worden. Eine Arbeitskollegin, natürlich ungenannt, verriet dem Blatt, besonders Asiaten seien von Lana angetan gewesen, "innerhalb von Sekunden wurde sie für 10.000 Dollar verpflichtet".

Ein PR-Mann, der mit Lana in den achtziger Jahren die Kissen teilte, bestätigte unterdessen, dass die Ex-Aktrice eine Pistole besaß, "so eine wie James Bond sie hatte", mit der habe sie "einer Fliege aus 800 Meter Entfernung ein Auge ausschießen" können.

Aha. Hat sich Lana Clarkson also tatsächlich selbst ungebracht? Seit 1996 hatte sie nicht mehr vor der Kamera gestanden, sondern sich mit den Jet-Settern vergnügt - zuletzt arbeitet sie, um die 40 Jahre alt, in einem Lebensabschnitt, in dem in Hollywood Falten wie Gruben erscheinen, als Hostess im "House of Blues", am Sunset Boulevard. Hoffte sie auf die Begegnung mit einem Produzenten, Regisseur, auf die letzte Chance? Suchte sie einen reichen Freier wie Spector, der sie zu später Stunde von seinem Chauffeur im fabrikneuen Mercedes in sein 30 Minuten von L.A. entferntes Schloss kutschieren ließ - er nüchtern, wie er heute behauptet, sie trunken?

Sicher ist nur: Kurz nach 5 Uhr morgens am 3. Februar dieses Jahres wurde bei der Polizei der Alarm ausgelöst: "Schüsse am Grandview Drive". Danach trat Anwalt Shapiro auf, und Spector verschwand. Im März ließ der Musikproduzent, dessen Leben von Alkohol, Depressionen, Schizophrenie und Waffenwahn gekennzeichnet war, über E-Mail verbreiten, die Polizei werde den Tod der Blondine als "versehentlichen Selbstmord" klassifizieren. "Ich hab's euch doch gesagt", schrieb der Tatverdächtige, unschuldig also. Die Mordkommission wusste allerdings nichts davon. "Wir gehen weiterhin von einem Verbrechen aus - Totschlag oder Mord."

Einer der Spector-Vertrauten, der Staranwalt Mitch Mitchelson, der gerade an einem Drehbuch über das Leben Phil Spectors arbeitet, widersprach: "Er ist zu einem solchen Verbrechen nicht fähig." Gazetten verbreiten am liebsten solche Aussagen, die Behauptungen von Spector oder die Vermutungen des "Vanity Fair"-Schreibers, wonach es "vielleicht nie zur Anklage kommen wird". Zweifel werden geweckt, auch bei künftigen Geschworenen, geschürt in Interviews von Freunden und Anwälten, die sich "off the record" mit Journalisten treffen und versuchen, ihre Klienten als "unschuldig" darzustellen.

Pop-Guru Spector: "Ich hab's euch doch gesagt"
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Pop-Guru Spector: "Ich hab's euch doch gesagt"

Robert Blake zum Beispiel, ein Hollywood-Schauspieler, der am 4. Mai 2001 - angeblich - seine Frau erschossen hat, hockte elf Monate in Untersuchungshaft. Seine ermordete Lebensgefährtin wurde noch vor ihrer Beerdigung in den Medien als Erpresserin dargestellt, als unmoralisch charakterisiert, ähnlich wie Lana Clarkson.

Nach einem Interview hinter Gittern mit der Fernseh-Diva Barbara Walters entließ der zuständige Richter Blake (der bereits einen Mitbeschuldigten durch die Zahlung einer Million Dollar Kaution vor der Haft bewahrte) gegen Hinterlegung von weiteren 1,5 Millionen Dollar im März aus der Untersuchungshaft. Er sitzt nun, elektronisch überwacht, in einer Villa und wartet auf sein Verfahren.

Längst haben die US-Bürger erkannt, dass ihr Justizsystem nicht fair ist, sondern die Mächtigen und Reichen viel größere Chancen haben, ihrer Strafe zu entkommen. In den Todeszellen sitzt kaum jemals ein Millionär, kein armer Mordverdächtiger könnte auf die Nachsicht oder Milde der Justiz hoffen wie die Multimillionäre Robert Blake oder Phil Spector, der übrigens inzwischen erbost darüber ist, dass Anwalt Shapiro seinen Einsatz nicht als Freundschaftsdienst versteht, sondern ihm als Honorar eine "siebenstellige Zahl" anrechnete.

Auch über seine vermeintliche Freundin Nancy Sinatra ist der Musikproduzent enttäuscht, ließ er den "Esquire"-Reporter wissen. Sie habe ihm in der Stunde der Not "nicht beigestanden", sondern entsetzte Worte ihrer Mutter übermittelt: "Das tote Mädchen, Nancy, das hättest du sein können."



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