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31. Januar 2003, 16:17 Uhr

E-Mail aus Hollywood

Sauerkraut in "Sowjet Monica"

Von Helmut Sorge, Los Angeles

"Baywatch" brachte den Boom: Seit die Fernsehserie das ehemalige Künstler-Örtchen auf die Mattscheibe bannte, ist Santa Monica eines der kontrastreichsten Bezirke von Los Angeles geworden. Zwischen Nobelrestaurants und Aussteiger-Refugien fühlen sich besonders die Hollywood-Deutschen wohl.

Strandleben von Santa Monica: Das ganze Jahr über Juni
Volker Corell

Strandleben von Santa Monica: Das ganze Jahr über Juni

Die bunten Fahnen des Riesenrads werfen ihr Licht in den Pazifik. Die Obdachlosen haben unter den hohen Palmen an der Ocean Avenue ihre Schlafsäcke ausgebreitet, auf der entgegengesetzten Straßenseite lassen die Gäste vom Nobel-Restaurant "Ivy on the shore" ihre Cadillacs und BMWs vorfahren. Im "Casa del Mar", zweifellos an diesem Küstenstreifen das eleganteste Hotel mit Meeresblick, hockt Klaus Menneckes, der Hoteldirektor, an seinem Schreibtisch und studiert zu später Stunde die Gästeliste. Menneckes hat vor nahezu einem Jahrzehnt das luxuriöse 198-Zimmer-Hotel "Shutter's" eröffnet, seit 1999 untersteht ihm auch das benachbarte "Casa", das 1926 schon einmal existierte, als "Club del Mar". Santa Monica, behauptet der Hotelmanager, "muss wie ein Paradies erscheinen" - weißer Strand, Palmen, Pazifik, seichte Luft und romantische Sonnenuntergänge, Jogger, Yoga-Gläubige, Skateboarder, Bodybuilder, Fahrradfanatiker, Surfer, vereint im kalifornischen Lifestyle und der Überzeugung, dass es zu diesem Dasein eigentlich nur eine Alternative gibt, den göttlichen Garten Eden.

Schon 1899 notierte ein Magazin mit dem treffenden Titel "The Land Of Sunshine": "Im Sommer wird das Klima durch die Brise vom Ozean temperiert, im Winter durch den Sonnenschein - folglich ist das ganze Jahr hindurch Juni."

Montana Avenue: Bentleys und Jaguars vor den Nobelrestaurants
Volker Corell

Montana Avenue: Bentleys und Jaguars vor den Nobelrestaurants

Nach Santa Monica, 1887 als souveräne Stadt etabliert, hat sich so mancher Schauspieler, Regisseur und Autor vor den Nazis gerettet. Bertolt Brecht beispielsweise, der sich 1942 an der 26. Straße ein Häuschen kaufte, zugleich aber im August 1941 notierte: "Ich komme mir vor wie aus dem Zeitalter herausgenommen, das ist ein Tahiti in Großstadtform…". In seiner Nachbarschaft wohnte Salka Viertel, Drehbuchautorin und engste Vertraute der scheuen Greta Garbo, hat sich das Theatergenie Max Reinhardt niedergelassen, starb Heinrich Mann, der am Beach Santa Monicas von einer Übersiedlung in die DDR träumte, und residierte, mehr als zwei Jahrzehnte lang, Henry Miller, der mit Marta Feuchtwanger eng verbunden war.

Das Seeklima, die Distanz zu Hollywood, der Charme von Avenues wie der Montana, an der etwa der aus Norddeutschland stammende US-Serienstar Eric Braeden im "Caffé Dana" seinen Stammtisch hat, lässt auch heute noch so manchen Europäer nach Santa Monica ziehen: Wolfgang Petersen, der Hollywoodregisseur, der seine an der Montana Ave. etablierte Produktionsfirma "Radiant" nach einem Kino benannte, das er in Hamburger Jugendtagen frequentierte, Architekt Frank Gehry, der für L.A. die Disney-Konzerthalle konzipierte und mit seinem revolutionären Museumbau das spanische Balboa auf die Landkarte brachte, Filmkomponist Hans Zimmer wie auch Arnold Schwarzenegger. Der ehemalige Bodybuilder, der für weniger als 20 Millionen Dollar Honorar heute nicht mehr vor die Kamera tritt, ließ an der Main Street einen Klinkerbau errichten, in dem er seine Filmfirma "Oak Productions", sowie sein - wegen übergroßer Schnitzel und der Zigarrenabende - gerühmtes Lokal "Schatzi's" unterbrachte.

Hotelmanager Menneckes: "Santa Monica muss wie ein Paradies erscheinen"
Volker Corell

Hotelmanager Menneckes: "Santa Monica muss wie ein Paradies erscheinen"

Über Jahre verketzerten Konservative die 84.000 Einwohner zählende Stadt, heute ein südlich von Beverly Hills gelegener Teil der Megalopolis Los Angeles, als "Volksrepublik", oder "Sowjet Monica", eben weil der liberale Stadtrat Obdachlose nicht vertrieb, sondern duldete, die Bürger noch dazu durch "rent control" vor Mieterhöhungen schützte und unlängst die Hoteliers an der Küste zwingen wollte, die Mindestlöhne für Mitarbeiter auf 10 Dollar und 50 Cents zu erhöhen. In einer Volksabstimmung entschieden die Bürger - bei knapper Mehrheit - für die Unternehmer, die freilich ahnen, "dass damit die Sache nicht ausgestanden ist", wie Hotelier Menneckes prophezeit.

Noch immer lagern mehr als Tausend Obdachlose Nacht für Nacht an der Küste, doch inzwischen haben Hotels, Restaurants und Läden an der Fußgängerzone, der 3rd Street Promenade, die Stadtoberen dazu gebracht, härtere Gesetze zu verabschieden, mit denen die "homeless" aus dem Beach-Paradies vertrieben werden sollen. Wegen der dramatisch ansteigenden Immobilienpreise sind Hunderte von Malern und Bildhauern in den letzten Jahren aus Santa Monica verjagt worden und Design-Studios und Galerien nachgerückt. "Die Kontraste", beobachtete Klaus Menneckes, sind zunehmend "stärker zu erkennen". An der Promenade, am "Santa Monica Pier", der sich in den Pazifik erstreckt und mit Andenken-Buden und Imbiss-Stuben besetzt ist, treffen sich Gangmitglieder und andere Aussteiger, College-Studenten wie Latinofamilien, und lassen sich von Straßenmusikanten und Zauberern unterhalten. Vor Restaurants wie den Italienern "Georgio Baldi" auf der "Channel Road", oder "Valentino" auf dem Pico Boulevard, parken allerdings keine verbeulten VW-Busse oder rostige Thunderbirds, sondern luxuriöse Bentleys und Jaguars.

3rd Street Promenade: "Die Kontraste sind stärker zu erkennen"
Volker Corell

3rd Street Promenade: "Die Kontraste sind stärker zu erkennen"

Wolfgang Petersen bucht zu Spargelzeiten schon mal bei seinem Landsmann Roeckenwagner an der Main Street einen Tisch oder bittet Hollywoodstars wie Brad Pitt zu Verhandlungen ins "Black Forest", einem gediegenen deutschen Lokal am Wilshire Boulevard. Hier der auf Gesundheitskost spezialisierte Supermarkt an der Montana, dort "Shoop's", ein Diner/Delikatessenshop, der im Sortiment das "Neue Blatt" und Nivea Creme führt, Sauerkraut genauso wie "Haribo"-Lakritz, "Klosterfrau Melissengeist", Gewürzgurken und Kartoffelsalat. Der Chef, Matthew Schuppel, war einmal Koch im Haushalt der Box-Ikone Muhammad Ali. Er steht in kurzen Hosen hinter dem Tresen und lässt sich von der Hollywood-Elite, die bei ihm Schlange steht, nicht beirren: "In Santa Monica benehmen sie sich anders als auf dem roten Teppich".

Das Städtchen, so der Koch ist "laid back" - gelassen und entspannt. Krawatten sind verpönt, Rollschuhfahrer "in". Selbst der nachdenkliche Hotelier Menneckes trägt jetzt im linken Ohr einen Diamanten und knattert mit seiner Honda "Shadow" über den Pacific Coast Highway, vorbei an jenen Stränden, an denen einmal "Baywatch" gedreht wurde, die Fernsehserie, die Santa Monica global auf die Klatschseiten brachte...

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