E-Mail aus Hollywood So nice, so great, so wonderful...

Alles für den Hype: Die Vermarktungsstrategien der Filmstudios werden immer ausgeklügelter und für kritische Reporter immer restriktiver. Auch die Hollywoodstars fügen sich - wenn auch widerwillig - den stressigen und geschickt kalkulierten Presseterminen, die den Erfolg ihrer Filme garantieren sollen.

Von Helmut Sorge, L.A.


"Herr der Ringe"-Star Tyler: "Ich bin völlig fertig"
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"Herr der Ringe"-Star Tyler: "Ich bin völlig fertig"

Sie wusste nicht mehr, wie viele Interviews sie an diesem Tag gegeben hatte, sie erinnerte sich an keine Namen. Sie wusste nur: "Ich bin völlig fertig." Sie fragte den letzten Reporter an diesem Tag: "Stört es Sie, wenn ich meine Schuhe ausziehe und mir eine Zigarette anstecke? Und mich nicht auf den Sessel setze, sondern mich aufs Sofa lege?"

Liv Tyler zog an ihrer Zigarette und antwortete einmal mehr auf Fragen über ihren bis dahin letzten Film "One Night at McCool's", dann sprach sie über den "Herrn der Ringe", für den sie 18 Monate in Neuseeland drehte, über ihr Leben an der East 9th Street in New York, ihren Freund Royston Langdon, der Musiker in der britischen Band Spacehog ist. Und dann stand wieder die Presse-Lady in der Suite der 18. Etage des "Four Season"-Hotels zu L.A. und zeigte auf die Uhr. Die zugestandenen 20 Minuten mit der Hollywood-Schönen waren um zehn Minuten überschritten worden - ein Akt der Wohltätigkeit in diesem System.

Keine böse Frage, selten eine zweite Chance

Reiste für "Moulin Rouge" nach Berlin: Nicole Kidman
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Reiste für "Moulin Rouge" nach Berlin: Nicole Kidman

In den dramatischen Tagen nach dem 11. September hat Hollywood die Marketing- und PR-Einsätze der Stars drastisch reduziert und sich zunächst gescheut ihre Stars zu Werbeauftritten nach Übersee zu entsenden. Nicole Kidman reiste schließlich nach Berlin, um für "Moulin Rouge" Propaganda zu betreiben, ihre schwangere Kollegin Cate Blanchett empfing die Presse für den Verkauf der "Banditen!" in London. Der Interviewtermin Liv Tylers mit "W", dem Glamour/Mode-Magazin, der für den 11. September angesetzt war, wurde um vier Tage verschoben. Sie traf den "W"-Schreiber in einem chinesischen Restaurant in Woodstock, außerhalb des "Big Apples" und erzählte, wie toll doch die Ring-Trilogie geworden sei, Tolkiens Märchen, deren erster Teil am 19. Dezember in die Kinos kommt. "W" druckte sechs Tyler-Seiten in der November-Ausgabe.

Wochen vor jeder Filmpremiere starten ähnliche Verkaufsgespräche oder auch "press junkets", PR-Begegnungen mit dem Star im Fließband-Rhythmus: fünf Journalisten aus aller Welt an einem Tisch, für 20 Minuten Kontakt mit einem Star in einer Hotelsuite. Heute eine Frage an Nicole, natürlich ist das Du angesagt, morgen an Bruce. Keine böse Frage, selten eine zweite Chance. Vor der Tür sitzen Kollegen und warten wie beim Kassenarzt im Wartezimmer. Next. 50 Journalisten. 50-mal dieselbe Frage. 50-mal Hollywood-speak als Antwort. "Nice" und "beautiful", natürlich "great" der Film, cool die Kollegen, "fascinating" der Regisseur, und überhaupt - "wonderful". Exklusiv für Tokio, exklusiv für Rio, exklusiv für alle. Und in Wahrheit für niemanden.

Hallo Tom, nice to see you Gwyneth...

Auftritt als Jazzer im verhassten L.A.: Woody Allen
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Auftritt als Jazzer im verhassten L.A.: Woody Allen

In einer bunt bedruckten Plastiktüte hat die PR-Abteilung für die kritischen Reporter ein zum Film passendes T-Shirt eingepackt, dazu eine CD mit der Filmmusik. Der Parkzettel wird abgestempelt, und einige der Journalisten rollen die belegten Brötchen vom Pressebüfett in Papierservietten - war das heute wieder mal ein stressiges Ding. Und morgen geht's weiter. In einer anderen Suite. Hallo Tom, nice to see you, Gwyneth. Immer wieder "hype", Verkaufsstrategie.

Zur Premiere der zehnteiligen Weltkrieg-Serie "Band of Brothers" wurden die Enkelkinder von Winston Churchill, Franklin Roosevelt und Dwight D. Eisenhower eingeflogen - Schlagzeilen und Fotos sind sicher. Zum deutschen Start des "Perfect Storm" schafften die Produzenten einen der Hauptdarsteller, einen Fischdampfer, über den Atlantik nach Hamburg. Woody Allen, das eher scheue Film-Genie, spielte mit "Eddie Davis and his New Orleans Jazz Band" in der "Jazz-Bakery" im von Allen verpönten Los Angeles auf - Werbung für den Allen-Film "The Curse Of The Jade Scorpion" musste sein. Über die Hauptdarstellerin Helen Hunt druckte "Talk" gleich sieben Seiten - pünktlich zur Premiere.

Darsteller-Ikone De Niro: "Was hat das alles mit Schauspielerei zu tun"
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Darsteller-Ikone De Niro: "Was hat das alles mit Schauspielerei zu tun"

Produzenten lassen sich diese Vermarktungskampagnen viel Geld kosten: Bei Disney stehen für "Pearl Harbor" allein in den USA mehr als 60 Millionen Marketing-Dollar zu Buche; weitere Millionen wurden im Ausland für PR und Werbung eingesetzt. Der "Hype" ist eine sichere Methode das Produkt hochzujubeln, und zwar genau auf das erste Wochenende gezielt. Denn bereits in diesen Tagen wird in den Kinos oft schon über Erfolg oder Misserfolg entschieden. Der "Planet Of The Apes" spielte am ersten Wochenende 68.5 Millionen Dollar ein, stürzte jedoch am nächsten Wochenende um 60 Prozent ab, "Jurassic Park III" (50,8 Millionen Dollar) büßte in einer Woche 56 Prozent ein, "American Pie 2" kassierte 45,1 Millionen, sieben Tage später sackten die Einnahmen um 53 Prozent auf 21,1 Millionen Dollar ab. "Der Druck", so einer der Manager von Warner Bros., den größten Teil der Investitionen sofort einzuspielen, hat "ungeheuer zugenommen".

"Exklusiv" natürlich

"Men Of Honor"-Star Gooding: Pressetermine trotz Kiefer-Operation
20th Century Fox

"Men Of Honor"-Star Gooding: Pressetermine trotz Kiefer-Operation

Die Hauptdarsteller verpflichten sich zwar in ihren Verträgen zur PR-Arbeit, schränken diese aber zugleich ein, "so weit der Zeitplan es zulässt". Über Robert De Niro, so begabt er als Schauspieler auch sei, notierte "Variety", so "schlecht ist er bei Interviews". Selbstkritisch bestätigt De Niro: "Nach Interviews muss ich erklären, was ich wirklich sagen wollte. Und überhaupt, was hat das alles mit Schauspielerei zu tun oder was sich in meinem Kopf abspielt? Nichts." Kollegen wie Sean Connery oder Clint Eastwood reisen selten zu Presseterminen, und wenn sie sich bereit erklären, einen Film in Übersee zu promoten, fliegen sie im Privatjet nach Venedig oder Deauville und spielen dort die meiste Zeit Golf. Auch für "Men of Honor" hat De Niro folglich keine Presse gemacht, sondern seinen Kollegen Cuba Gooding Jr. die PR-Arbeit betreiben lassen. Der Oscar-Gewinner sprach mit den Reportern, obgleich er am Tag vor dem "junket" am Kiefer operiert wurde. Michael Douglas, Produzent und einer der Hauptdarsteller von "One Night At McCool's", hat für die Komödie nicht geworben. Das Ergebnis: nur knappe 6,2 Millionen Dollar Einnahmen in den USA.

Auch Bruce Willis schätzt die Pressebranche wenig. Gleichwohl beantwortete er am Mittwoch in L.A. die Journalistenfragen zu seinem "Banditen!"-Film, der in den USA an der Kasse nicht recht in Schwung gekommen ist. Nun steht die Premiere auch in Deutschland an, und nur auf Drängen seiner Berater war er bereit, sich auch mit den Vertretern von zwei deutschen Illustrierten sowie einem Massenblatt zu Einzelinterviews im "Four Seasons" zu treffen. "Exklusiv" natürlich. Pro Gespräch bewilligte er zehn Minuten. Den Produzenten und PR-Strategen bleibt keine Wahl, als die Launen der Stars hinzunehmen: Denn Darsteller, die "einen Film tragen", wie es in der Branche heißt, die ihn also weltweit verkaufen können, sind auch in Hollywood dieser Tage Seltenheit: Typen wie Tom Hanks, Mel Gibson, Tom Cruise, Sandra Bullock, Julia Roberts oder Angelina Jolie.

Action-Star Willis: Zehn Minuten pro Interview
DPA

Action-Star Willis: Zehn Minuten pro Interview

Deshalb auch sind US-Magazine wie "Vanity Fair" oder Fernseh-Shows wie "Entertainment Tonight" oft zu weitgehenden Konzessionen bereit, wenn sie sich um exklusive Geschichten mit diesen Stars bemühen. Die Publizisten der Stars drängen den Chefredakteuren den Fotografen auf, der ihren Kunden vorteilhaft fotografiert, sie lehnen Journalisten ab, die den Filmhelden womöglich kritisch fragen. Mehr noch: Vier der erfolgreichsten PR-Firmen in Hollywood werden mittlerweile von einem Konzern kontrolliert: der McCann-Erickson World Group. Im "Los Angeles"-Magazin fragte eine Kolumnistin, ob unter diesen Umständen unabhängiger Entertainment-Journalismus - "eine Seltenheit dieser Tage" - womöglich zum Aussterben verurteilt ist.



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