Stefan Kuzmany

Kommentar zu Ebola in Deutschland Angst essen Vernunft auf

Noch ist Ebola nicht in Deutschland angekommen, aber die Angst davor ist schon da - und die ist eine ganz eigene Seuche.
Ebola-Übung in Hamburg: "Die bringen uns die Seuche"

Ebola-Übung in Hamburg: "Die bringen uns die Seuche"

Foto: Christian Charisius/ dpa

In Hamburg wartet ein Seuchenschutzkommando auf einen Zug, in dem sich ein junger Mann übergeben hat. In Berlin riegelt die Polizei eine Kneipe hermetisch ab, weil jemand angerufen und gesagt hat, ein Gast habe Ebola. In München torkelt ein kranker Türkei-Urlauber durch den Flughafen, übergibt sich und wartet lange vergeblich auf Hilfe - er hat Angst davor, an Ebola sterben zu müssen.

Dreimal Fehlalarm, zum Glück. Noch ist die Seuche nicht in Deutschland angekommen. Doch ihr Vorbote ist schon da: die Angst.

Keine Frage: Es ist gut, wenn wachsame Passanten solche Verdachtsfälle melden. Nur so kann einem eventuellen Ebola-Patienten schnell geholfen und eine Ausbreitung der Krankheit verhindert werden. Und klar kann man der Ansicht sein, die deutschen Behörden seien noch nicht ausreichend auf einen Ausbruch in Deutschland vorbereitet, obwohl sie versuchen, die Bevölkerung mit der Behauptung des Gegenteils zu beschwichtigen.

Praktisch keine Möglichkeit zur Infektion

Aber die Sorge um die Gesundheit scheint manchem den klaren Blick auf die Realität zu vernebeln. Laut "Bild"-Zeitung hat jeder zweite Deutsche Angst vor dem Virus. Und das, obwohl es hier mangels Kranker praktisch keine Möglichkeit gibt, sich zu infizieren. Man ängstigt sich vor Ebola und raucht dabei eine Zigarette, steigt in sein Auto und zieht sich beim nächsten Drive-in einen fettigen Burger rein - lauter Aktivitäten, die wesentlich höhere Risiken bergen als die Gefahr, sich in Deutschland mit Ebola anzustecken.

Bei besonders bedauernswerten Zeitgenossen löst die Angst vor dem noch gar nicht eingetroffenen Virus bereits bedenkliche Reaktionen aus. Weil zur Zeit sehr viele Menschen aus Syrien vor dem Krieg fliehen, wird in Deutschland der Platz in den Flüchtlingsheimen knapp. In vielen Gemeinden werden Flüchtlinge jetzt auch in Gebäuden untergebracht, die nicht, wie früher immer, außerhalb der Stadt und der Wahrnehmung liegen, sondern mittendrin.

"Das geht doch nicht, da geht mein Kind vorbei zur Schule!", "Jetzt kommt Ebola zu uns!", "Warum hilft man denen, uns hilft auch keiner", "Die bringen uns die Seuche" - das sind lauter Zitate aus einem Heimatforum im Internet, abgesetzt innerhalb kürzester Zeit unter der Meldung, dass am Abend ein Bus mit Flüchtlingen in der Stadt eingetroffen sei. Der Name der Stadt spielt keine Rolle, Rassisten gibt es leider überall. Als hätten Menschen, die aus ihrer Heimat fliehen, automatisch ansteckende Krankheiten, als seien sie auf unsere Kinder und unser Geld aus - und nicht schlicht auf einen Platz zum Überleben.

Die Angst befeuert dumme Vorurteile. Die Angst verstellt den Blick auf die tatsächlichen Katastrophen: in Syrien, wo der IS mordet. Und in Westafrika, wo tatsächlich Tausende an Ebola sterben und dringend Hilfe gebraucht würde, um die Seuche einzudämmen.

Die größte Gefahr in Deutschland ist nicht Ebola. Es ist die Ignoranz.

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