Ex-Glamour-Paar Wulff Ende einer RTL-2-Ehe

Haben Sie auch gebannt jede Folge von "Die Wulffens" gesehen? Die Ehe von Bettina und Christian Wulff war die perfekte TV-Soap, Glamour und glitzernde Bilder setzten die klassischen Regeln der Polit-Inszenierung außer Kraft. Doch eine solche Verbindung funktioniert eben nur im Scheinwerferlicht.

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Wer einen Präzedenzfall sucht für die Trennung von Bettina und Christian Wulff, sollte nicht in Geschichtsbüchern nachschlagen, sondern in Keith Richards' Autobiografie "Life": Dort taucht irgendwann der Name Margaret Trudeau auf. Die war in den siebziger Jahren die Gattin des damaligen kanadischen Ministerpräsidenten - international bekannt war das Paar weniger durch das staatsmännische Geschick des Mannes, als dadurch, dass es seine Frau verlässlich in die Klatschspalten brachte.

Die Ehe ist längst geschieden. Doch bis heute gibt sie das Muster ab für eine Beziehung, bei der Glamour und Nähe zum Showgeschäft wichtiger sind als die klassischen Regeln der politischen Inszenierung.

Leichtgewicht mit Foto-First-Lady

Etwas biederer, niedersächsischer eiferten auch Christian und Bettina Wulff diesem Modell nach. Anders als Margaret Trudeau mag Bettina Wulff nie Gast in der weltberühmten Discothek Studio 54 gewesen sein. Anders als Trudeau wurden ihr keine Affären mit Ron Wood und Mick Jagger nachgesagt. Doch ihr öffentlich gezeigtes Tattoo, die ebenso öffentlich gepflegte Freundschaft zu Veronica Ferres und Carsten Maschmeyer, ihr Posing im roten Minikleid mit farblich passenden Stiefeln auf dem Cover der Frauenzeitschrift "Emotion" waren schrill genug - vor allem im Vergleich zu dem in der deutschen Politik sonst vorherrschenden, graumäusigen Stil.

In Illustrierten und in der Boulevardpresse inszenierten der CDU-Politiker und seine junge Frau sich zunehmend als öffentliches Paar. Eine Tendenz, die sich verstärkte, als Wulff Bundespräsident geworden war und die Kulisse für gemeinsame Auftritte durch zahlreiche Auslandsreisen deutlich Jetset-kompatibler war als im westdeutschen Hinterland. Der zu Ehren gekommene, noch immer recht jugendliche Provinzpolitiker mit dem Schwiegersohn-Image, die fotogene First Lady - eine Kombination, die weniger in die Nachrichtensendungen als in eine Doku-Soap zu passen schien: Die Wulffens. Nur das Haus in Großburgwedel wäre zu popelig gewesen für RTL II. Das Genick gebrochen hat es dem Präsidenten trotzdem.

Dazu kam nach dem Rückzug aus Bellevue im Herbst 2012 Bettina Wulffs irrlichternd exhibitionistische Autobiografie "Jenseits des Protokolls", in der sie sich nicht nur gegen die Rotlichtgerüchte wehrte, die sie im Internet verfolgt hatten, sondern auch so offenherzig über ihr Privates plauderte, wie das sonst nur Sportler und Showstars zu tun pflegen. Die Ex-First-Lady, die doch ihr neues Selbstbewusstsein hatte demonstrieren wollen, verhedderte sich in den Strategien der Yellow-Press-Inszenierung und kam beschädigter aus der Sache heraus, als sie hineingeraten war.

Ohne Glamour kommt das Ende

Wie programmatisch nicht nur der Titel des Buchs, sondern auch die Wahl des für politische Literatur bislang nicht bekannten Riva Verlags für den Stil der Wulffs war, zeigt sich jetzt in der Trennung des Paars - auch die findet statt jenseits des bisher üblichen Protokolls.

Politikerehen mögen mitunter verlogen sein. Inszeniert auf eine Weise, bei der in der Regel der Mann - so zum Beispiel Horst Seehofer - profitiert. Der Frau bleibt da oft nur die Rolle der schweigsamen Dulderin, von niemandem so verkörpert wie von Hannelore Kohl. Trennungen waren in diesem System bislang nur vorgesehen, wenn der Alphamann - Gerhard Schröder, Joschka Fischer - eine neue, jüngere hat und somit sicher sein konnte, als Sieger vor den Scheidungsrichter zu treten.

Eine Trennung aber, wie sie nun Christian und Bettina Wulff vollziehen, hat es in der bundesdeutschen Spitzenpolitik so noch nicht gegeben. Auch sie folgte den Regeln des Showgeschäfts, selbst sie hatte etwas soap-haftes: Kai Diekmann, Chefredakteur des Boulevard-Organs "Bild", sandte die Nachricht per Kurznachrichtendienst Twitter aus den USA nach Deutschland.

Anders als die alte, christliche Ehe, bei der man sich versprach, in guten und in schlechten Zeiten zusammenzubleiben, funktioniert die Showbiz-Ehe nur im Scheinwerferlicht, auf dem roten Teppich und so lange, wie beide Partner selbstverliebt genug sind, um sich ineinander zu spiegeln (und voneinander profitieren können).

Doch sobald die Inszenierung einen Riss bekommt, verliert die Showbiz-Ehe ihren Glamour und damit ihre Grundlage - jetzt müssten sich die Eheleute neu arrangieren. Oder sich trennen. Genauso wie jüngst auch Vanessa Paradis und Johnny Depp, Heidi Klum und Seal, Sylvie und Rafael van der Vaart.

insgesamt 178 Beiträge
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Seite 1
bettw 08.01.2013
1.
Bitte, bitte, bitte: können wir das Thema zu den Akten legen? Ganz sicher haben die beiden die Medien genutzt. Dass fröhliche Nachtreten, das nun dieselben Medien inszenieren, ist genauso erbärmlich. Bei der Breite, mit der der Spiegel das hier auswalzt, könnte man zudem einen Diekmann-Komplex in der Redaktion vermuten.
otto1939 08.01.2013
2. Ambivalenz
Was am Anfang für Aufsehen sorgt, dient am Ende zu Spott und Hohn. Das Gesetz der Medien besteht darin, selbst zu bestimmen, wann ein Politiker erfolgreich ist und wann er zur Lachnummer wird. Die Eigenschaften bleiben die Gleichen. Und da Öffentlichkeit in einem öffentlichen Amt unverzichtbar ist, findet sich zum Schluss immer genug Munition, um einen Aufsteiger abzuschießen. - Der Begriff Shooting-Star bekommt so eine ganz neue Bedeutung. Erbarmungslos.
lehmann5439 08.01.2013
3. Wieviele Artikel
Zu ein und demselben Thema will SPON eigentlich noch bringen? Gibt es so viele nebenberufliche Schreiber, die ihr Bafög aufbessern müssen?
zeitmax 08.01.2013
4. Ja, so könnte man es tatsächlich sehen
Zitat von sysopDPAHaben Sie auch gebannt jede Folge von "Die Wulffens" gesehen? Die Ehe von Bettina und Christian Wulff war die perfekte TV-Soap, Glamour und glitzernde Bilder setzten die klassischen Regeln der Polit-Inszenierung außer Kraft. Doch eine solche Verbindung funktioniert eben nur im Scheinwerferlicht. Ehe und Trennung der Wulffs folgt den Regeln des Showbiz - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/ehe-und-trennung-der-wulffs-folgt-den-regeln-des-showbiz-a-876199.html)
...obwohl individuell passend, zeigt es auch die große Linie des Zeitgeistes und der Mediendemokratie. Alle kennen ihre Rechte, keiner will seine Pflichten wissen. Gier allerorten - nur nicht Gier nach Verstand.
Schacht 08.01.2013
5. Lieber Herr Hammelehle,
dieser Artikel strotzt vor unnötigem Zynismus. Es ist schrecklich niveaulos, mit derartigen Metaphern und Vergleichen zu agieren, wenn man die Trennung eines Politikerpaars zu kommentieren hat. Ich habe seinerzeit den Rücktritt Wulffs begrüßt. Trotzdem sind die Vorverurteilungen in der Presse kein Ruhmesblatt gewesen. Sie verdienen an dieser Stelle eine kritische Rückschau, die hier leider vollkommen fehlt. Herzliche Grüße
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