Ehec-Debatte bei Illner Händewaschen nicht vergessen!

Wie debattiert man über Ehec, wenn es nichts Neues gibt? Man lässt den FDP-Gesundheitsminister mit seinem SPD-Konkurrenten rangeln und lädt noch einen speziellen Erreger ein! Das hätte spannend sein können, doch Maybrit Illners Epidemie-Talk verschnarchte im Einerlei sonorer Beschwichtigungen.

Moderatorin Illner (rechts), Gäste: Authentisches Krankenhaus-Flair
ZDF

Moderatorin Illner (rechts), Gäste: Authentisches Krankenhaus-Flair

Von


Alles gut bei Ihnen? Auch im Bauch? Keine Krämpfe oder blutigen Ausscheidungen? Dann ist es ja gut. Hoffen wir, dass es so bleibt. Seien Sie mal besser auch weiterhin vorsichtig bei Rohkost, und, ganz wichtig: achten Sie auf Hygiene! Besonders in der Küche und auf der Toilette!

So, nachdem Sie das zum tausendsten Mal gehört und gelesen haben, können Sie bis auf weiteres wieder aufhören, sich mit dem Ehec-Keim zu beschäftigen. Das Dumme ist nämlich: Es gibt nichts Neues. Die Quelle des Erregers ist zum Zeitpunkt der Sendung immer noch nicht mit Sicherheit bestimmt. Gehen Sie ins Bett, hier gibt es nichts zu sehen.

So einfach könnte das sein, aber eine derartig wahrhaftige Anmoderation würde Maybrit Illner selbstverständlich niemals über die Lippen kommen. Ihre Sendung wäre vorbei, bevor sie überhaupt richtig angefangen hätte. Die extra angereisten Gäste müssten irritiert ihre Thesen wieder einpacken, kein Streit, keine Aufregung, kein gar nix, die Moderatorin wäre sofort ihren Job los. Das geht natürlich überhaupt nicht. So wird das kein Talk.

Für alle, die aus Ehec-Angst auch ohne Neuigkeiten nicht ins Bett gehen wollten, versuchte es Illner also so: Woher kommt die tödliche Bedrohung durch den Ehec-Keim? Wie kann man sich als Verbraucher schützen? Und: Ist unser Gesundheitssystem überfordert von der Ehec-Krise? Die Antworten auf diese eingangs gestellten Fragen waren zwar ebenfalls schon klar, noch bevor sie den Mund der Moderatorin verlassen hatten: Das weiß niemand, auch das weiß niemand so genau, und: Die einen sagen so, die anderen so. Aber immerhin kann man diese nichtvorhandenen Erkenntnisse in vielfältiger Weise ausdrücken und dabei möglichst kompetent und ernst in die Kamera blicken. Mehr verlangt ja niemand. Oder?

Das mögen die Bürger nicht!

Daniel Bahr ist nicht zu beneiden. Zum einen natürlich als FDP-Mitglied. Und dann hat der junge Mann auch noch das Pech, wenige Wochen nach seinem Amtsantritt als Bundesgesundheitsminister den Kampf mit einem unheimlichen Bakterium aufnehmen zu müssen. In einer Situation, in der auch alte Polit-Hasen hilflos wären, da es schlicht nichts zu tun gibt, als Souveränität auszustrahlen und zu hoffen, dass der Apparat funktionieren wird, den man da gerade übernommen hat, steht Bahr unter besonderer Beobachtung: Ist der Mann nicht viel zu jung und unerfahren für sein Amt?

Neben Bahr sitzt Karl Lauterbach von der SPD, mit dem Wort "Gesundheitsexperte" ist der Professor Doktor med. heute nur sehr unzureichend beschrieben. Weiß Lauterbach doch schon im Normalfall viel mehr als alle anderen, wird hier auch noch sein Spezialgebiet verhandelt: Epidemiologie, die Wissenschaft von der Ausbreitung schlimmer Krankheiten. Wäre am Sonntag Bundestagswahl, könnte man angesichts der aktuellen Umfragen wohl davon ausgehen, dass Lauterbach am Montag als Gesundheitsminister einer grün-roten Regierung ausgerufen würde. Lauterbach ist der direkte Widersacher Bahrs, und zu erwarten war, dass der Professor den Betriebswirt auseinandernimmt wie einen Praktikanten.

Doch das geschah nicht. Zu ernst ist die Situation, als dass man Parteipolitik damit betreiben könnte. Denn, das wissen Bahr und Lauterbach, so etwas mögen die Bürger nicht: Im Krankenhaus sterben Menschen, und die Politiker kabbeln sich. Also übten sich beide im Gestus des Staatsmännischen, der eine, weil das sein Job ist, der andere, weil er diesen Job gerne hätte. Die Ärzte und Pfleger hätten Hervorragendes geleistet. Das Gesundheitssystem sei gewiss zu verbessern, aber es funktioniere: Keine Panik!

"Parteipolitik ist mir in dieser Situation völlig egal", sagte Bahr gar, dieser immer wieder gerne gehörte Satz ist zwar ein schönes Beispiel dafür, wie man offensichtlich Eigenwerbung betreiben kann, ohne allzu offensichtlich Eigenwerbung zu machen, aber möglicherweise stimmt er in diesem Fall sogar. Gemeinsam mit Lauterbach nickte er, wenn es die Leistungen der Nierenspezialisten zu loben galt, und gemeinsam mit ihm schüttelte er den Kopf, wenn Udo Pollmer sprach.

Provokantes auf Lager

Pollmer, Lebensmittelchemiker und Wissenschaftsjournalist, war als Erreger geladen. In seinen Büchern verbreitet der vom Verzehr gut durchgebratenen Fleischs wohlgenährte Mann schon lange die These, dass die sogenannte gesunde Ernährung krank mache. Und auch jetzt hat er Provokantes auf Lager: Die meisten Infektionen, sagte er, würden durch Obst und Gemüse übertragen! Absurd, konterte Lauterbach, von dem man weiß, dass er seit Jahren sogar auf Salz in seinen Speisen verzichtet und einen Burger, wenn überhaupt, nur vegetarisch auf einem Solargrill zubereiten würde, und: "Ich bitte die anwesenden Kollegen, das zu bestätigen!"

Und das taten sie dann auch. Der Nierenspezialist Reinhard Brunkhorst ebenso wie der Mikrobiologe Alexander Kekulé waren ansonsten dafür gut, authentisches Krankenhaus-Flair zu verbreiten. Entspannt und mit gesunder Gesichtsfarbe gaben sie kompetente Auskünfte, nach deren Erhalt sich kein potentieller Patient über Gebühr sorgen muss, andererseits aber auch nicht zu sorglos sein sollte. Ja, man könne schon von einer Epidemie sprechen, so wie es das Robert Koch-Institut getan habe, sagte Kekulé, aber andererseits müsse man Ehec auch nicht so hoch hängen. Ja, er habe tatsächlich manchmal das Gefühl der Hilflosigkeit, wenn auch der Plasmatausch nichts bringt, sagte Brunkhorst, aber andererseits funktioniere das Nierennetzwerk doch ganz hervorragend. Die Ärzte waren offensichtlich nicht aus der Ruhe zu bringen, das beruhigte doch ungemein.

Der einzige Streit, wenn man das denn überhaupt so nennen mag, drehte sich um die Frage, ob man nicht mit mobilen Einsatzteams und einer gebündelten Verantwortlichkeit nach US-Vorbild besser auf Krisen wie den aktuellen Ehec-Ausbruch reagieren könne, aber die Differenz in der Meinung der Anwesenden bestand eigentlich nur darin, dass Lauterbach am liebsten sofort damit loslegen würde und Bahr die Krise zunächst mit der vorhandenen föderalen Struktur bewältigen - und erst dann über Änderungen reden will. Da rangelten sie kurz, Illner war schon ganz elektrisiert. Die beiden merkten aber schnell, dass Rangelei nicht das Gebot der Stunde ist - und gaben sich sogleich wieder kompetent und seriös.

Denn das Gebot der Stunde, auch bei Maybrit Illner durften wir es am Ende noch einmal erfahren, ist: Seien Sie vorsichtig mit Rohkost. Und Händewaschen nicht vergessen!



insgesamt 41 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Jolly65 10.06.2011
1. ...
Kein richtig guter Aufsatz, weil die Diskussion eigentlich sehr interessant war (viel mehr als sonst, wenn mehr Politiker dabei sind), aber zu kurz. Der Verfasser befasst sich dagegen nur mit Beobachtungen über die persönlichen Interaktionen zwischen den Teilnehmern, nicht aber mit dem Thema selbst. OK, ich habe auch nicht mehr alles genau in Erinnerung, aber wenn ich einen Notizblock gehabt hätte, hätte ich heute mehr aus der Sendung herausholen können. Jolly65
rudig 10.06.2011
2. Daniel Bahr,
Mir ist aufgefallen, daß Daniel Bahr immer wieder erwähnte, daß er vom Ausland für sein Managment gelobt wurde. Das mag zwar sein, daß er aus Höflichkeit mal gelobt wurde, aber in Wirklichkeit denkt die EU so schlecht über sein Managment, daß sie Hilfe schicken wollten. Gibt es denn keine Politiker mehr, die unabhängig von Vorschriften, in Notfällen das notwendige tun, wie z.B. Helmut Schmidt bei der Flut in Hamburg.
istramadre 10.06.2011
3. endlich mal sachlich und schon hagelt es Kritik
Man könnte meinem, dem Autor dieses Artikels habe ein bisschen mehr Action gefehlt, wie zum Beispiel Panikmache, gegenseitige Schuldzuweisungen und Vorwürfe von Inkompetenz, kurz gesagt: Ein paar Schlammschlachten. Ich dagegen war heilfroh, dass endlich mal ein richtiger Arzt was zu dem Thema zu sagen hat. Denn die deutschlandweite Kooperation des Nierennetzwerkes, viel besser als die der Ursachenforscher, hat tatsächlich vielen Patienten den A**** gerettet. Gut, dass die praktisch Tätigen auch die Pragmatischen und gut Organisierten sind. Aber man hat ja in letzter Zeit oft genug gemerkt, dass diverse Medien, besonders im Internet, den Großteil der Panikmache und Verbreitung von Unfug geleistet haben. Im Ernst, anscheinend interessiert es niemanden, wie die Krankheitsbekämpfung organisiert war und was alles wirklich getan und gut organisiert wurde. nein, der Wutbürger soll bitte mit möglichst viel Verunsicherung gefüttert werden, um schön aufs System schimpfen zu können. Ich bin froh, dass endlich mal vernünftig informiert wurde (für alle, die es interessieren könnte), wie Epidemiologen vorgehen müssen und wie die Behandlung der Patienten koordiniert wurde, und dass in Zukunft tatsächlich eine zentrale Struktur für derartige Dinge geschaffen werden muss. Ich verstehe nicht, was für ein Verhältnis zu Informationsmedien ein Schreiberling hat, der von einer guten Talkshow hauptsächlich fliegende Fetzen erwartet. Und mal ganz davon abgesehen waschen sich unglaublich viele Deutsche tatsächlich nicht die Hände. Ich sehe genug Menschen, das das nichtmal in der Mittagspause vor dem Essen tun, und kenne auch genug Leute, die ihr Obst und Gemüse nicht waschen. "Ich brate die Pilze doch!". Ja, aber gebratener Pferdemist ist immer noch Pferdemist. Lecker. Vielleicht brauchen wir ein paar fiese Erkrankungen, damit wir wieder lernen, dass es hauptsächlich die Hygiene ist, die unsere Lebenserwartung deutlich verbessert hat. Und ja, dazu gehört vor allem Händewaschen vor dem Essen und das ordentliche Reinigen von Obst und Gemüse.
McWeb 10.06.2011
4. Einspruch
Zitat von Jolly65Kein richtig guter Aufsatz, weil die Diskussion eigentlich sehr interessant war (viel mehr als sonst, wenn mehr Politiker dabei sind), aber zu kurz. Der Verfasser befasst sich dagegen nur mit Beobachtungen über die persönlichen Interaktionen zwischen den Teilnehmern, nicht aber mit dem Thema selbst. OK, ich habe auch nicht mehr alles genau in Erinnerung, aber wenn ich einen Notizblock gehabt hätte, hätte ich heute mehr aus der Sendung herausholen können. Jolly65
Kann da nur beipflichten. Normalerweise schalte ich bei Illner spätestens nach 10 Min. um oder aus. Die gestrige Sendung war interessant. OK, bahnbrechend neues konnte man tatsächlich nicht erfahren, aber diese Engagement der Fachleute und der Vortrag der Gäste (Mutter und betroffene Tochter) waren doch beeindruckend. Und dass sich ein Herr Lauterbach so zurückhalten und differenziert sowie für den Laien verständlich argumentiern kann, hat mich dann doch überrascht.
Thomas Kossatz 10.06.2011
5. Titel
Zitat von rudigMir ist aufgefallen, daß Daniel Bahr immer wieder erwähnte, daß er vom Ausland für sein Managment gelobt wurde. Das mag zwar sein, daß er aus Höflichkeit mal gelobt wurde, aber in Wirklichkeit denkt die EU so schlecht über sein Managment, daß sie Hilfe schicken wollten. Gibt es denn keine Politiker mehr, die unabhängig von Vorschriften, in Notfällen das notwendige tun, wie z.B. Helmut Schmidt bei der Flut in Hamburg.
Stimmt nicht. Die EU-Kritik betraf LKänderminister, unter anderem in Niedersachsen, und Gerade der Minister hat jetzt Rückenwund vom RKI bekommen. Der Vorläufer der aufgeteilten Zuständigkeitenj war das Bundesgesundheitsamt, dass von Seehofer einst aufgelöst wurde - richtigerweise. Wenn die Grünen nun wieder eine solchge Monsterbehörde wollen, sollten sie sich anschaeun, wie es einst zum GAU mit den AIDS-infizierten Blutspenden kam. Bahr hat recht: Wir brauchen weder mehr Gesetze, noch eine Superbehörde.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.