Ehemalige Zwangsarbeiterinnen Schuften für die Kunst

Die Herkunft seines Vermögens sorgte ebenso für Entrüstung wie seine Weigerung, in den Zwangsarbeiterfonds einzuzahlen: Der Kunstsammler Friedrich Christian Flick ist stark umstritten. Wie gut, dass die Berliner FU vier ehemalige Zwangsarbeiterinnen eingeladen hatte: Die alten Damen fanden so klärende wie deutliche Worte.

Von Henryk M. Broder


Ehemalige Zwangsarbeiterinnen Elisabeth Szenes, Lilli Viragh, Éva Fahidi-Puztai(v.r.n.l.): "Sklavenarbeit unter unmenschlichen Bedingungen"
Henryk M. Broder

Ehemalige Zwangsarbeiterinnen Elisabeth Szenes, Lilli Viragh, Éva Fahidi-Puztai(v.r.n.l.): "Sklavenarbeit unter unmenschlichen Bedingungen"

Einen Tag vor der Eröffnung der "Flick Collection" am gestrigen Dienstag hatte das Frankfurter Fritz Bauer Institut zu einer Veranstaltung in das Otto-Suhr-Institut an der Berliner FU eingeladen. Vier ehemalige Zwangsarbeiterinnen, die unfreiwillig geholfen hatten, den Reichtum der Familie Flick zu mehren, waren aus Ungarn bzw. den USA angereist.

"Wir sind die lebendige Geschichte auf zwei Beinen", sagte Éva Fahidi-Puztai aus Debrecen, die in einem Außenlager von Buchenwald im hessischen Allendorf bei der Herstellung von Granaten geschuftet hatte. Sie hat über ihre Zeit im Arbeitslager ein kleines Buch geschrieben ("Anima Rerum - Die Seele der Dinge"), damit ihre Kinder und Enkel erfahren, wie es "damals" war, als ein menschliches Leben weniger als eine Granate wert war.

"Ich fühle keinen Hass, mit Hass kann man nicht leben, mit Hass kann man nicht sterben." Vier reizende ältere Damen, zusammen etwa 320 Jahre alt, zeigten, was Würde ist. Fein herausgeputzt, als würden sie eine Familienfeier besuchen, erzählten sie, was sie vor 60 Jahren erlebt hatten, nachdem die Nazis Ungarn besetzt und die ungarischen Juden deportiert hatten. Und was sie heute empfinden. Nein, sie hätten keinen Groll im Herzen, sie seien auch Herrn Flick nicht böse, Kunst wäre ein wunderbare Sache, nur müsse den Besuchern der Ausstellung gesagt werden, woher das Geld für die Kunstwerke kommt.

Gefragt, was sie davon halte, dass der Kanzler die Ausstellung eröffnet, sagte Eva Fahidi: "Der Bundeskanzler weiß, was er macht." Sie wolle ihm keine Ratschläge geben, sie hätte nur einen Wunsch. Es solle eine Marmortafel an der "Collection" angebracht werden: "Für diese Ausstellung haben Tausende Arbeiterinnen unter unmenschlichen Bedingungen Sklavenarbeit geleistet."



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