Ehrliches Touristen-Magazin "Da liegen keine Minen mehr"

Willkommen in der Heroin-Hölle! Das Bordmagazin der afghanischen Fluglinie Safi Airways verzichtet auf Schönfärberei. Im SPIEGEL-ONLINE-Interview erklärt der deutsche Chefredakteur Christian Marks, warum die Passagiere nichts anderes lesen wollen als die reine Wahrheit.

Safi Airways

SPIEGEL ONLINE: Drogenabhängige, Hundekämpfe und Trümmer-Sightseeing - bei dem, was man im Bordmagazin der Safi Airways über Kabul liest, möchte man am liebsten sofort umkehren. Hat sich Ihr Auftraggeber schon beschwert?

Marks: Nein, der ist absolut zufrieden. Wer mit Safi Airways nach Afghanistan fliegt, ist kein typischer Tourist, sondern arbeitet meist dort. Das sind Diplomaten, Mitarbeiter von Hilfsorganisationen oder Sicherheitsfirmen, denen muss man nichts vormachen.

SPIEGEL ONLINE: Sie schicken Afghanistan-Besucher zum Darulaman-Palast, schreiben aber auch, dass dieser total zerbombt ist. Wen interessiert so etwas?

Marks: Man kann sich den Palast anschauen. Inzwischen liegen da auch keine Minen mehr! Kabul hat nicht mehr viele Sehenswürdigkeiten, die 30 Jahre Krieg überlebt haben. Der Palast ist faszinierend, dort hat sich ein König in den zwanziger Jahren eine Fußbodenheizung einbauen lassen, während der Rest des Landes noch heute wie im Mittelalter lebt.

SPIEGEL ONLINE: Außerdem findet sich in der Bordbroschüre ein Bericht über Hundekämpfe und den Frankfurter Karneval. Wie passt das zusammen?

Marks: Wir versuchen, aus jedem Land, das Safi Airways anfliegt, eine interessante Geschichte zu finden. Nicht nur Sehenswürdigkeiten und nicht nur Kultur, sondern eine bunte Mischung, um die Passagiere zu beschäftigen. Einige fliegen ja mit einem leicht angespannten Gefühl nach Kabul und wissen vielleicht noch nicht, was sie erwartet. Und Hundekämpfe sind in Afghanistan ein Riesenthema. Sie sehen dort abends Männer zu zweit mit einem Hund spazieren gehen, einer alleine könnte so ein Tier gar nicht festhalten. Bei uns werden nur Rennpferde so gehegt und gepflegt.

SPIEGEL ONLINE: Wie in jedem Bordmagazin sind auch in Ihrem Heft schicke Bars und schöne Hotels Thema. Wie exklusiv lässt es sich in Kabul leben?

Marks: Sie können ins 'Atmosphère' gehen, ein französisches Restaurant, da gibt es Champagner und Foie gras. Das ist eine alte, wieder aufgebaute Villa mit Pool im Garten, es gibt W-Lan. Am Wochenende trifft sich dort die Gemeinde der Hilfsarbeiter und Uno-Leute, unterhält sich, lebt in einer abgeschlossenen Oase, vor der Tür drei Sicherheitssperren.

SPIEGEL ONLINE: Wie kommen Sie als Münchner eigentlich zu Afghanistan?

Marks: Für ein Projekt der Weltba nk habe ich 2005 eine Radiosendung entwickelt, zusammen mit afghanischen Mitarbeitern. Ursprünglich sollte das Projekt nur drei Monate gehen, aber ich fand das Land so faszinierend, dass ich immer wieder verlängert und schließlich zwei Jahre mit meiner Familie in Kabul gelebt habe. Seitdem war ich immer wieder da.

SPIEGEL ONLINE: Und wie kamen Sie auf die Idee, ein ehrliches Bordmagazin zu machen?

Marks: Ursprünglich wollte ich ein Stadtmagazin in Kabul gründen, für dort lebende Ausländer. Ich habe so etwas vermisst, als ich dort hingekommen bin. Ich wusste nicht, wo man Essen gehen kann oder welche Hotels sicher sind. Meine Idee war, das Heft auf allen Flügen von Dubai nach Kabul zu verteilen. Da hat man zweieinhalb Stunden Zeit zum Lesen.

SPIEGEL ONLINE: Wie haben Sie die Fluggesellschaft überzeugt?

Marks: Auf einem Flug mit Safi Airways von Kabul nach Dubai ist mir ein Mann im Anzug aufgefallen, der herumsprang und Kommandos gab. Nach der Landung habe ich ihn gefragt, ob er etwas mit der Airline zu tun hat. Es war der CEO und Präsident, ein ehemaliger Lufthansa-Kapitän. Der fand meine Idee toll.

SPIEGEL ONLINE: Im Bordmagazin fallen die vielen Anzeigen auf, zum Beispiel von Firmen, die Fahrzeuge panzern oder Funknetze installieren. Das Geschäft läuft gut?

Marks: Wie von selbst. Von meinen anderen Magazinen bin ich es gewohnt, dass ich hinterhertelefonieren muss, damit ich die Anzeigen zusammenkriege. Bei dem Bordmagazin kommen die meisten Anzeigen einfach per E-Mail. Wenn ich nicht schnell genug antworte, schreiben die gleich noch mal hinterher, dass sie auch den vollen Preis zahlen. Für Deutschland eher unüblich, hier gibt es meistens Rabatte.

SPIEGEL ONLINE: Neben den Anzeigen finden sich auch die passenden Artikel, etwa bei einem Arztservice. Kaufen sich die Firmen die Berichterstattung dazu?

Marks: Nicht unbedingt. Ich fand es einfach gut, was die machen, gerade wenn man weiß, wie schwierig es ist, in Kabul medizinische Versorgung zu bekommen. Noch schwieriger ist es, wenn man außerhalb ist. Das Angebot ist winzig!

SPIEGEL ONLINE: Da es so gut läuft - planen Sie schon die Expansion in weitere Krisengebiete?

Marks: Geplant war das nicht. Aber tatsächlich wäre eine Kette von Magazinen sinnvoll, für Fluglinien, die in Krisengebiete fliegen. Die Anzeigenkunden sind praktisch identisch. Eigentlich könnten wir weltweit für diese spezielle Zielgruppe Hefte anbieten.

SPIEGEL ONLINE: Kabul kennen Sie bereits, ziehen Sie als nächstes nach Bagdad?

Marks: Mir macht es Spaß, dass ich für das Safi-Magazin als Autor überall hinfliegen kann, um Geschichten zu schreiben. Manche Gegenden würden mich schon interessieren, auch Bagdad.

Das Interview führte Ole Reißmann

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insgesamt 3 Beiträge
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mediamunich 06.09.2010
1. Ehrliche Bordmagazine
sieht interessant aus. aber handwerklich besser finde ich ein anderes ehrliches bordmagazin: air. http://www.v8-verlag.de/arbeit.html
mavoe 06.09.2010
2. lol
Zitat von sysopWillkommen in der Heroin-Hölle! Das Bordmagazin der afghanischen Fluglinie Safi Airways verzichtet auf Schönfärberei. Im SPIEGEL-ONLINE-Interview erklärt der deutsche Chefredakteur Christian Marks, warum die Passagiere nichts anderes lesen wollen als die reine Wahrheit. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,713901,00.html
Die Situation in Kabul scheint nicht unähnlich der Situation in Karachi, Pakistan, zu sein, wo ich schonmal war. Dies allerdings 1989 in einem Anfall von Backpacker-Wahnsinn. Naja, Pakistans Norden war ja wirklich toll, Leute und Landschaft dort :D
Nikolai C.C. 06.09.2010
3. Die alte Garde
Ein alter Haudegen in der Entwicklungshilfe Afghanistan, Jupp Wald, berichtet: http://bit.ly/3x8dYx
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