Fotokatalog "Thomas Ruff" Alles wird wie neu sein

Großformatige Porträts haben Thomas Ruff berühmt gemacht. Seitdem kamen unscharfe Nacktbilder, Teleskop-Aufnahmen, Pixel-Tableaus und bunte Planeten hinzu. Ein Sammelband vereint 17 Serien des umtriebigen Fotokünstlers und stellt die Frage: Was ist ein typischer Ruff?

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Künstler brauchen Markenzeichen. Einen gleichbleibenden Stil. Rekurrierende Motive. Ähnliche Arbeitsweisen. Irgendetwas, womit sie beim Publikum den berühmten Aha-Effekt hervorrufen. Wie Monet mit seinen Seerosen, Warhols Dosen-Siebdrucke oder die kubistischen Gemälde eines Picasso. Natürlich haben diese Pioniere auch andere Werke erschaffen, doch der Ruhm kam mit der Wiederholung. Der Kunstmarkt scheut häufige Wechsel, sie schädigen das Geschäft.

Thomas Ruff tickt anders. Bei ihm ist jede Serie eine Neuerfindung. Mal entwickelt der Düsseldorfer Kunstfotograf ungeschönte Porträtaufnahmen, mal lichtet er graue Häuserfassaden ab, mal arbeitet er mit Planetenbildern, aufgenommen von Weltraumsonden, die er farbig koloriert, streckt und kippt. Statt Kontinuität herrscht Vielfalt. Ruff, 54, sucht nach neuen Themen, lässt sich in gegensätzliche Gebiete treiben. Astronomie und Pornografie, Mangas und Straßenarchitektur, Maschinen und mathematische Kurven - sie alle sind Teil seiner 32-jährigen Schaffensphase.

Doch was macht einen Ruff aus? Dieser Frage kann man dank des neuen Fotobands vom Haus der Kunst aus München auf den Grund gehen. Der Katalog Thomas Ruff: "Works 1979-2011" enthält Beispiele aus 17 Werkgruppen, die Ruff seit seines Studiums in der renommierten Fotoklasse von Bernd und Hilla Becher in Düsseldorf bis zum vergangenen Jahr geschaffen hat. Alles Teil einer gleichnamigen Ausstellung, vom Gastkurator Thomas Weski zusammengestellt. Weski, 58, gilt als Fachmann für die Arbeiten der Becher-Schüler, hat in den letzten Jahren Fotografien von Andreas Gursky, Thomas Struth, aber auch Thomas Ruff gezeigt.

Farbe und Monumentalaufnahmen

Dementsprechend interessant ist sein Ruff-Aufsatz mit dem Titel "Der wissenschaftliche Künstler". Weski erzeugt im Buch, was er in seiner Ausstellung vermeiden wollte: eine Chronologie und damit eine Retrospektive. Ausgehend von Ruffs Studienzeit erklärt er, wie sich die Arbeiten des Fotokünstlers verändert haben. Aber auch, was an ihnen innovativ war.

Die Farbigkeit etwa, die in den achtziger Jahren von Kunstfotografen gemieden wurde, weil sie dem Bereich der Werbung oder Zeitung entsprach. Ruffs Professoren Bernd und Hilla Becher hatten als Apologeten der Schwarzweißaufnahme eine Dunkelkammer, die nicht für Farbfotos ausgelegt war. Der junge Student musste seine Bilder außerhalb der Akademie entwickeln lassen. Mit Erfolg: Schon seine erste Serie von 1979, "Interieurs", setzte sich durch die Farbkontraste von den Arbeiten seiner Lehrer ab. Ruff zeigte biedere Tapetenmuster, Sofaecken mit Sitzkissen oder eine Topfpflanze vor blau-gelb-rosa Küchenkacheln und fing damit den ganzen Mief der bürgerlichen Wohnungen ein.

Nach der Farbe kam die Hinkehr zum Großformat. Ruff erschuf Porträtbilder seiner Kommilitonen, die er ungeschminkt und vor weißem Hintergrund abfotografierte. Gefühlsregungen waren verboten, gängige Porträtvorgaben außer Kraft gesetzt. Die Passbildmotive ließ der Künstler auf zwei Meter langes Plexiglas drucken - ein kostspieliges und für Kratzer anfälliges Verfahren. Das aber gleichzeitig durch seinen Monumentalcharakter "zu einer neuen Wertschätzung" der Fotos führte, wie Weski erklärt.

Überhaupt räumt der Kurator in seinem Katalog dem Vergleich mit Gemälde-Stilen und Fotografie-Genres viel Platz ein. Weski zeigt Parallelen auf zwischen den Porträts des Künstlers und Warhols "Most Wanted Men". Er erkennt in der Serie "nudes", die Internet-Pornobilder mit Weichzeichnern, Vergrößerungen und Unschärfen verfremdet, eine Weiterführung der Aktmalerei. Und sieht die Nähe zum Pointillismus in den Pixelbildern der Gruppe "jpeg", in der Web-Fotos berühmter Ereignisse bis zur Unkenntlichkeit aufgeblasen wurden.

Verwandlung des Betrachters in einen Fährtenleser

Gleichzeitig, das macht Weski deutlich, geht es in Ruffs Werk um das Wesen des Mediums. Wie werden Bilder erzeugt? Zu welchem Zweck? Wie kann man sie verändern? Die selbstreflexive Methode ist besonders in der Serie "Zeitungsfotos" deutlich. Von 1981 bis 1991 sammelte der Künstler mehr als 2500 Aufnahmen aus Tages- und Wochenblättern in einem Archiv. 400 Bilder ließ er im neuen Maßstab drucken, wobei er bewusst auf die Bildunterschrift verzichtete. Die grobkörnigen Schwarzweißaufnahmen, ihrer Erklärung beraubt, verwandeln den Betrachter in einen Fährtenleser. Man versucht, Gesichter und Orte einem bestimmten Zeitgeschehen zuzuordnen. Und hat nur selten Erfolg.

In eine andere Richtung führt die Gruppe "Nächte", die zwischen 1992 und 1996 entstand. Inspiriert von Nachrichtenbildern über den Golfkrieg nahm Ruff die Düsseldorfer Straßen mit einem Nachtsichtgerät auf. Parks und Alleen verwandeln sich durch ihren Grünstich in ein Militärszenario. Es ist eine Gefahr, die nur vom Aufnahmegerät erkannt wird. Bilder, die für das menschliche Auge unsichtbar sind.

Genau wie die Teleskop-Aufnahmen und Weltraumfotos, mit denen sich der Künstler in letzter Zeit beschäftigt. Längst hat Ruff das analoge Fotografieren aufgegeben und arbeitet mit dem Computer. Seine neuesten Serien "Cassini" (über den Saturn) und "ma.r.s." zeigen Motive, die die NASA auf ihrer Homepage zur Verfügung gestellt hat. Ruff nimmt die Planetenaufnahmen und koloriert sie zu neuen Gebilden. Mit Fotos im klassischen Sinne haben diese Arbeiten nichts mehr zu tun. Aber Ruff sieht sich heute auch nicht mehr als Fotograf an (SPIEGEL 11/2012).

So gelungen der Katalog ist, einen Makel hat er doch: Die Bilder können nur in komprimierter Größe abgedruckt werden. Effekte wie in der Reihe "jpeg", bei der die Pixel der Internetfotos auf Handgröße gestreckt wurden, gehen verloren.

Solche Bilder wirken nur im Original. Das Haus der Kunst in München zeigt Ruff noch bis zum 20. Mai.

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insgesamt 4 Beiträge
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weshalbwarumwohin 03.04.2012
1. Man muss nur an seinen Schrott glauben
und die anderen machen Gold daraus!
fahcgn 03.04.2012
2. Thomas Ruff ist.....
einer der spannendsten Deutschen Kuenstler. Der Katalog macht es deutlich: Er erfindet sich immer wieder neu! Kleine Korrektur am Rande: Hilla Becher war nie Professorin von Thomas Ruff. Es war ausschliesslich Bernd Becher, der Professor an der Duesseldorfer Akademie war und in dessen Klasse Thomas Ruff Student war, was an der Wertschaetzung fuer Hilla Becher natuerlich nichts aendert!
dumedienopfer 03.04.2012
3. der unglaubliche Thomas Ruff
Zitat von weshalbwarumwohinund die anderen machen Gold daraus!
Aber hallo, Menschen kann man jeden Müll verkaufen und der gute Thomas kann das besonders gut...
Aryabhata 03.04.2012
4. "...eine Weiterführung der Aktmalerei
.. Nähe zum Pointillismus..", ein bisschen mehr Kreativität ihr Werbetexter auch wenn das angesichts des zu bewerbenden Produkts sehr schwer fällt...
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