"Ein Sommernachtstraum" im Deutschen Theater Berlin Hiebe und Liebe

Tarzan-Schreie im sommerlichen Albtraum: Jürgen Gosch inszeniert einen Shakespeare ohne süßliche Romantik. Stattdessen müssen sein Darsteller auf der Bühne richtiggehend schuften - ein Schauspiel das komisch und brutal zugleich ist.
Von Christine Wahl

Drei Akte mit Ausnahme-Charakter waren ja eigentlich schon gelaufen, bevor die jugendfrischen Athener, die als Theatergruppe dilettierenden Handwerker und die somnambulen Elfenwesen aus William Shakespeares "Sommernachtstraum" am Deutschen Theater Berlin überhaupt die Spielfläche betraten.

Erster Akt: Wegen diverser "Erkrankungen im Ensemble" verschiebt sich die ursprünglich für Februar geplante Premiere um einige Tage. Zweiter Akt: Ein Bühnenunfall auf der Generalprobe verhindert - so weit, so pechsträhnenglaubwürdig - auch diesen Anlauf. Als es dann allerdings – Dritter Akt - einen Tag vor dem nummehr avisierten Premierentermin Anfang Mai heißt, die Premiere zögere sich erneut um eine Woche hinaus, ist endgültig klar, dass Regisseur Jürgen Gosch nachgerade Überirdisches aufbieten muss, um dieses Vorspiel künstlerisch zu toppen.

Die Schauspieler und ihr viel beschäftigter Regisseur hätten die Proben in Berlin erst kurzfristig wieder aufnehmen können und bräuchten einfach mehr Zeit, hieß es aus dem Theater. Man hätte also, mit Verlaub, nicht unbedingt einen Hunderter darauf verwettet, dass die Premiere im vierten Anlauf tatsächlich stattfindet – geschweige, dass man das Theater danach ausgesöhnt verlässt.

Ganz ohne süßlichen Romantizismus

Doch dann kam alles anders: Man verließ das Haus nicht nur ausgesöhnt, sondern nachgerade theaterglückstrunken. Gosch hat dem "Sommernachtstraum" jeglichen süßlichen Romantizismus ausgetrieben. Natürlich ist Gosch bei weitem nicht der erste, der seit Jan Kotts bahnbrechender Lesart vor über dreißig Jahren im Sommernachts- vor allem den Alptraum entdeckt. Aber: So konsequent, so körperlich und gleichzeitig konzeptionell durchdacht - bei alledem aber wunderbar unangestrengt - sah man den Liebes- selten mit dem Gewaltakt fusionieren.

Schon die Auftaktszene setzt einen exemplarischen Höhepunkt, von dem der Abend in den folgenden hundertsiebzig pausenlosen Minuten nicht mehr herunterstürzen wird. Die besiegte Amazonenkönigin Hippolyta und Theseus – Herzog von Athen – stehen kurz vor ihrer Hochzeit. Mit unfallsicherem Schuhwerk, Arbeitshose und T-Shirt, als wäre sie geradewegs von der Werkbank zum Rendezvous erschienen, umhüpft die Braut - gewohnt umwerfend von Corinna Harfouch gespielt -kampflustig ihren designierten Gatten.

Sie schießt so lange mit Amazonenpfeil und Bogen auf ihn, bis sie sämtliche Körperteile mindestens einmal getroffen hat. Beim genitalen Wurf hört der Spaß für den Bräutigam endgültig auf. Der tolle Bernd Stempel stattet ihn mit dem Anti-Charme eines cholerischen Chefs aus, der schon auf verhältnismäßig geringer Reizschwelle mit Blumentöpfen nach seinen Angestellten wirft. Theseus also rüpelt brachial zurück, schubst, jagt und stößt seine Gattin in spe zu Boden: Ein minutenlanger, von (echtem) Keuchen und Tarzan-Urlauten unterlegter Nahkampf, der in einer durchaus einvernehmlichen, von beidseitiger Vergewaltigung kaum zu unterscheidenden Liebesszene endet.

Wer nichts tun hat wird zum Baum

Ist es eine Komödie, ist es eine Tragödie? Über diese Frage ist Gosch längst hinaus. Es ist, was es ist, lautet die ebenso simple wie weise Antwort: Eros und Thanatos, Liebeslust und Zerstörungstrieb: Die Verquickung sieht nicht in jedem Falle schön aus. Sie fördert jede Menge nacktes Männerfleisch jenseits aller Model-Maße, viel Kunstblut, zerquetschte Früchte, wirklich tragische, verstörende Momente und echte körperliche Erschöpfung bei den Akteuren zu Tage. Aber zum sauertöpfischen Besorgnisträger muss man über die Tatsache, dass die brutale Nacht- nur eine Variante der lichten Tagseite ist, bei Gosch nicht werden: Ein Kunststück!

Nur konsequent also, dass sich das hohe, repräsentative Athener Paar Theseus und Hippolyta nicht umziehen muss, wenn es später – eine beim "Sommernachtstraum" gern praktizierte Doppelbesetzung – auch als Herrscherpaar übers Dunkle, über die Elfen- und Waldgeister, in Erscheinung tritt. Überhaupt muss sich hier keiner groß verstellen, wenn es darum geht, von der mehr oder weniger zivilen Existenz zu den politisch unkorrekten Abgründen vorzudringen: Die allesamt auf höchstem Niveau komischen Handwerker ziehen einfach ihre Oberteile aus und die Hosen herunter, unter denen grandios geschmacklose Röckchen zu Tage treten – und mutieren so von einer Sekunde auf die nächste zur postmodernen Elfenschar. Keine luftigen Fabelwesen, sondern infantile, abgeranzte, gern auch schmerbäuchige Triebtäter mit unverhohlener Lust am Grabschen und Wehtun sind hier am Werk.

Gosch löst Grenzen auf

Sprich: Wo Shakespeare die verschiedenen Ebenen und Handlungsstränge ineinander spiegelt, geht Gosch noch den entscheidenden Schritt weiter. Er löst die Grenzen auf oder macht sie doch zumindest bis zur Unkenntlichkeit durchlässig und treibt so Shakespeares Steilvorlage von der permanenten Verstörung, Fragilität und Verwandlung in ihre grandioseste Konsequenz. Bühnenbildner Johannes Schütz hat dafür wieder den Gosch-typischen, dreiseitig verschlossenen leeren Kasten gebaut, aus dem es kein Entrinnen gibt. Hier bedarf es keiner illusionistischen Ausstattung: Wer von den Schauspielern gerade nicht dran ist, stellt sich als Baum auf die Szene.

Man könnte noch weiterschwärmen von diesem Abend: Über die jungen Athener, allen voran Meike Droste, diese so nah am Wasser gebaute und doch so unbedingte Hermia. Oder über das finale Laienspiel der Handwerker, das man, nach den erotisch-abgründigen Nahkämpfen dieses Abends, selten so gekonnt täppisch, so rührend versöhnlich sah .

Wahrscheinlich ist es so: Der "Sommernachtstraum" kann – reich, wie er ist - zum Lebensthema werden. Jürgen Gosch hat ihn jetzt zum vierten Mal inszeniert – vor zehn Jahren übrigens auch schon einmal am Deutschen Theater. Aber diese großartige Konsequenz noch zu toppen, dürfte beim eventuellen fünften Anlauf nicht leicht sein.

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