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26. April 2015, 20:40 Uhr

Handybilder privat

"Unglaublich, wie dick man werden kann, oder?"

Viele von uns haben unzählige Fotos auf dem Handy gespeichert - und eines davon ist das wichtigste. Für "Eins aus tausend" spricht Anne Backhaus mit Menschen über ihr Lieblingsbild. Dieses Mal: Eine Frau, ihr Tattoo - und ein neues Leben.

SPIEGEL ONLINE: Frau Dalton, Ihr Lieblingsbild zeigt Ihre frisch tätowierte Schulter. Was hat es damit auf sich?

Dalton: Das ist meine allererste Tätowierung und zugleich die wichtigste. Ein freundlicher Mann im Studio hat das Foto für mich aufgenommen. Ich war so überwältigt, dass ich kein scharfes Foto hätte machen können.

SPIEGEL ONLINE: Was bedeutet Ihnen das Tattoo?

Dalton: Ich habe es vor genau zehn Monaten stechen lassen. Es ist ein Phoenix und er steht für mich selbst. Das klingt jetzt vielleicht merkwürdig, aber nach meinem Empfinden bin ich, genau wie der Phoenix, aus der Zerstörung auferstanden.

SPIEGEL ONLINE: Hört sich esoterisch an.

Dalton: Glauben Sie mir, die vergangenen vier Jahre waren die Hölle.

SPIEGEL ONLINE: Was war denn bei Ihnen los?

Dalton: Zuerst war ich einfach traurig und habe viel gegessen, bis ich über 120 Kilogramm wog. Dann wurde bei mir Brustkrebs diagnostiziert und als ich mitten in der Behandlung war, habe ich meinen Partner verloren.

SPIEGEL ONLINE: Wie sind Sie damit umgegangen?

Dalton: Überhaupt nicht. Ich habe über ein Jahr lang eigentlich nur Fernsehen geschaut und wurde noch dicker. Sie können sich gar nicht vorstellen, wie betäubt ich war.

SPIEGEL ONLINE: Und wie kamen Sie da wieder raus?

Dalton: Ich habe irgendwann mein Leben so sehr gehasst, dass ich es nicht mehr haben wollte. Dabei hatte ich den Brustkrebs überlebt. Darüber dachte ich ein halbes Jahr nach, immer noch vorm Fernseher. Irgendwann blieb nur ein Gedanke: Du holst dir jetzt ein Leben!

SPIEGEL ONLINE: Womit fingen Sie an?

Dalton: Mit einer Operation. Ich habe mir ein Magenband einsetzen lassen und 60 Kilo abgenommen.

SPIEGEL ONLINE: Das ist so viel wie ein einzelner Mensch wiegt.

Dalton: Unglaublich, wie dick man werden kann, oder? Nach dem Gewichtsverlust haben mich viele überhaupt nicht mehr erkannt.

SPIEGEL ONLINE: Da haben Sie das Tattoo machen lassen?

Dalton: Erst habe ich mein Haus verkauft und nahezu all meine Sachen. Parallel dachte ich über die Tätowierung nach und suchte im Internet nach passenden Bildern. Der Phoenix ist eine Kombination aus drei Motiven. Mir war besonders wichtig, dass die Federn nicht umrandet sind und wie Feuer aussehen. Als ich dann im vergangenen Jahr tatsächlich in dem Studio stand, war ich unfassbar aufgeregt. Es hat sich aber für keine Sekunde falsch angefühlt.

SPIEGEL ONLINE: Wie fühlen Sie sich heute?

Dalton: Noch immer genau richtig. Inzwischen habe ich sogar sieben Tattoos.

SPIEGEL ONLINE: Und wo leben Sie?

Dalton: Im Prinzip in meinem Auto. Am 15. Januar habe ich meine Heimat Melbourne verlassen. Ich bin einfach in meinen SUV gestiegen und losgefahren.

SPIEGEL ONLINE: Ohne Ziel?

Dalton: Ich habe nichts geplant und wollte nur weg. Sie sehen ja, ich bin nun schon am anderen Ende Australiens. Auf dem Weg habe ich aber oft gehalten und auch Freunde besucht, die ich bislang nur aus dem Internet kannte. Zum Beispiel aus den Tattoo-Foren.

SPIEGEL ONLINE: Was war das Schönste auf Ihrer bisherigen Reise?

Dalton: All die Menschen. Ich schlafe oft in Hostels und treffe so viele nette junge Leute.

SPIEGEL ONLINE: Vermissen Sie nichts?

Dalton: Meine beiden Kinder, die sind aber auch schon 31 und 25. Außerdem verstehen sie mich nicht. Sie denken, ich bin verrückt geworden. Aber es ist mein Leben und das lebe ich nun so, wie es mir gefällt.


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