Bestseller "Ein wenig Leben" auf der Bühne Der Jesus von New York City

Die Ruhrfestspiele in Recklinghausen bringen den wegen seiner Gewaltexzesse umstrittenen Erfolgsroman "Ein wenig Leben" von Hanya Yanagihara auf die Bühne - in einer grandios nüchternen Inszenierung des belgischen Regisseurs Ivo van Hove.

Jan Versweyveld/ Ruhrfestspiele Recklinghausen

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Literweise Blut wird vergossen an diesem Theaterabend, und meist ist es der Held selbst, der sich den roten Saft aus seinem geschundenen Körper ritzt. Der Schauspieler Ramsey Nasr ist ein drahtiger Mann mit verwuscheltem Blondhaar und spielt den New Yorker Staranwalt Jude St. Francis. Dieser Kerl trägt seinen Heiligenstatus schon im Namen und verbirgt unter seinem weißen Hemd, das er fast nie ablegt, einen von Geißelungen vernarbten Rücken.

Im Lauf des vierstündigen Theaterabends färbt sich das Hemd mehr und mehr mit roten Flecken. Immer wieder sehen die Theaterzuschauer Jude dabei zu, wie er in der Mitte einer riesigen New Yorker Loftwohnung, die auf der Bühne aufgebaut ist, unter einem Waschbecken kauert und so lange an seinen Unterarmen herumsäbelt, bis sich kleine Blutfontänen auf den Boden ergießen - um, wie es einmal heißt, "die Wut herauszulassen" über das, wovon er nicht sprechen kann.

Jude St. Francis ist ein berühmter Schmerzensmann der jüngeren Literaturgeschichte. "Ein wenig Leben", im Original "A Little Life", heißt der Roman, mit dem der US-amerikanischen Schriftstellerin Hanya Yanagihara im Jahr 2015 ein sensationeller Bestsellererfolg gelang. Das Buch erzählt von vier begabten, hochsensiblen jungen Männern, die sich in ihrer Studienzeit ein Collegezimmer teilen und zu einer Freundschaft zusammenfinden, die über Jahrzehnte bestehen bleibt. Aus Malcolm wird ein gefeierter Architekt, aus JB ein Meistermaler, aus Willem ein weltweit angehimmelter Schauspieler.

Zusammen mit dem glänzenden Juristen Jude bilden sie ein unschlagbares Hipster-Quartett, in dem auf magische Weise alle Unterschiede durch Hautfarbe, Herkunft, sexuelle Vorlieben, Einkommensunterschiede aufgehoben scheinen - bis sich hinter dem Traum einer modernen, fluffig-leichten, ultratoleranten New Yorker Großstadtgesellschaft diverse Seelenabgründe auftun. Die Hölle, aus der Jude kommt, ist darunter die finsterste: Er wurde als Säugling ausgesetzt und von Mönchen und einem verrückten Psychiater missbraucht.

In Recklinghausen zeigt nun der belgische Regisseur Ivo van Hove eine Bühnenversion von "Ein wenig Leben", die er mit Schauspielern des Amsterdamer Internationaal Theaters als Koproduktion für die Ruhrfestspiele erarbeitet hat. Van Hove ist 60 Jahre alt und wird am New Yorker Broadway und in London seit ein paar Jahren als herausragender Regiekünstler gefeiert, wogegen die deutschen Kritiker seine demonstrativ schlichten, exakt durchdachten Inszenierungen (2013 zeigte er zum Beispiel ein kaum gespieltes Stück von Eugene O'Neill an den Münchner Kammerspielen) oft als verkopft und fade abgetan haben. Streng und ordentlich ist nun auch van Hoves Interpretation von "Ein wenig Leben" - und das ist in diesem Fall ein Segen.

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"Ein wenig Leben" auf der Bühne: Der Jesus von New York City

Auf den Seitenwänden des Lofts, das der Bühnenbildner Jan Versweyweld gebaut hat, sieht man Videoprojektionen, für die alle möglichen Straßen von New York in einer frühen, kaum durch Menschenaufläufe gestörten Morgenstunde im Flaniertempo abgefilmt wurden. In den Ecken des Wohnraums sind die Arbeitsplätze der drei Freunde und die Patientenliege von Judes Leibarzt verteilt. Der Architekt Malcolm (Mandela Wee Wee) hat Hausmodelle auf dem Tisch, bei JB (Majd Mardo) sind Leinwände zum Malen aufgehängt, der Schauspieler Willem (Marten Heijmans) lernt Rollen an einem Schreibtisch.

Eine Anhäufung exzessiver Gewalt und grotesk gemeiner Leidenserfahrungen

Judes Waschbecken im Zentrum der Bühne steht für das Badezimmer, in das er sich zur Selbstverstümmelung einschließt; und für das Schweigen, das er sich auferlegt hat. Er glaubt, er würde seine Lieben verlieren, wenn sie die Wahrheit über seine Kindheit erfahren, in der er von einem pädophilen Geistlichen, der ihn aus dem Kloster befreite, jahrelang an andere Kinderschänder vermietet wurde.

Yanagiharas Roman ist von deutschen und amerikanischen Literaturfachleuten nicht nur himmelhoch gepriesen, sondern wegen der Anhäufung exzessiver Gewalt und grotesk gemeiner Leidenserfahrungen auch attackiert worden. Er fühle sich "eingeseift" und manipuliert, klagte ein prominenter New Yorker Kritiker. Auch auf der Recklinghausener Bühne sieht man nun den Maler JB - weil er dem Crystal Meth verfallen und von kaltem Entzug geplagt wird - auf dem Boden zappeln, während ihm sein Freund Willem versichert: "Wir halten dich fest."

Judes Adoptivvater Harold (Steven van Watermeulen) erzählt schniefend vom Weinen und Sterben seines vierjährigen Kindes, das an einer seltenen Nervenkrankheit litt. Selbst Willem, Judes wichtigste Stütze und in späten Jahren sein Liebhaber, bricht irgendwann zusammen und berichtet von der Schwerstbehinderung und vom frühen Tod seines kleinen Bruders, den er im Rollstuhl herumschob, während die anderen Menschen auf den offenen Mund und die verdrehten Augen des Bruders starrten.

Orgie des Seelenleids

Der Roman "Ein wenig Leben" ist eine Orgie des Seelenleids und der körperlichen Torturen, und vermutlich werden spätere Zeitgeistanalytiker herausfinden, warum sich die Menschen unserer Zeit an Werken wie diesem - das die Motive der superpopulären Sexschnulze "Shades of Grey" praktisch ins Hochliterarische und Multisexuelle hievt - derart berauschen konnten. Die Kunst Ivo van Hoves aber ist die der redlichen Ausnüchterung. Gegen den Bibelkitsch des Buchs, der Jude, den Geschundenen, wie einen New Yorker Jesus die Schuld an allen an ihm verübten Sündentaten auf sich nehmen lässt, setzt van Hove die praktische Theatervernunft. Gegen die Schmerzbesoffenheit setzt er die Diagnose, gegen die Verzweiflung die Hilfsangebote der Psychotherapie.

Mit großer Sorgfalt, präzisem Musikeinsatz und wundersam lässigen Schauspielern macht der Regisseur van Hove aus der wilden, übersteuerten Passionsgeschichte des Romans eine kühle Fallbeschreibung. Sein Jude ist kein Erlöser, der gegen den Himmel wütet, indem er sich dem Tode entgegenritzt. Er ist ein sanfter, todessüchtiger Erdenmensch, der den Hass auf sich selbst und den eigenen Körper ebenso zu bestaunen scheint wie die merkwürdige Anziehungskraft, die seine Selbstkasteiung und sein Schmerz auf die Menschen um ihn herum ausüben. Anders gesagt: Sich selbst bleibt Jude ein blutiges Rätsel.

Am Ende des Premierenabends applaudieren die Recklinghausener Festspielhausbesucher minutenlang im Stehen.


Ein wenig Leben. Ruhrfestspielhaus Recklinghausen, nächste Vorstellungen am 18. und 19.5., www.ruhrfestspiele.de

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Seite 1
Kurt-C. Hose 20.05.2019
1. Nun j
Ich habe bisher (trotz Empfehlungen) vermieden, das Buch zu lesen und werde mir auch das Theaterstück nicht ansehen. Mein Bedürfnis, mir das eine oder das adere reinzutun, damit ich drei Tage lang deprimiert bin, hält sich in Grenzen. Ich schau mir gern etwas an, das mir das Herz weitet, und wo ich am nächsten Tag mit einem kleinen Lächeln denken kann, das mir Kraft und Zuversicht gibt. Masochistentheater gehört für mich nicht dazu.
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