Packendes Familiendrama in Hamburg Besser als Meryl Streep

Karin Neuhäuser glänzt als bösartige Diva, die der Verwandtschaft das Leben versaut: Antú Romero Nunes macht aus Tracy Letts' "Eine Familie" am Hamburger Thalia Theater ein bitterkomisches Seelendrama.

Armin Smailovic

Eine Bratpfanne wird zur Waffe an diesem Abend, ein Teller zum Wurfgeschoss, es wird gepöbelt, gekotzt und gelallt auf der Bühne. Und dennoch ist "Eine Familie" in der Inszenierung von Antú Romero Nunes am Hamburger Thalia Theater keine Klamotte, sondern ein bei aller Komik höllisches Familiendrama. Wenn es immer noch zutrifft, dass die Familie der Kern der Gesellschaft ist, dann kann einem nach diesem Abend angst und bange werden.

"Eine Familie", das sind in diesem Fall die Westons aus Osage County, Oklahoma, der platten, öden und heißen Mitte der USA. Der Patriarch Beverley hat nur einen Kurzauftritt, dann ist er plötzlich verschwunden - das ist der Beginn des Dramas. Denn während die Polizei den alten Mann sucht - und bald verkünden muss, dass man seine Leiche im See gefunden habe -, versammelt sich der Clan im Familiensitz. Der wird beherrscht von Beverleys Frau Violet, einer tablettensüchtigen, krebskranken, bösartigen Diva, deren Lebensrestinhalt darin besteht, die Menschen um sie herum fertigzumachen.

Das ist natürlich eine Traumrolle, und als das Drama des amerikanischen Autors Tracy Letts, 2007 uraufgeführt und im Jahr darauf mit dem Pulitzerpreis ausgezeichnet, 2013 unter dem Titel "August: Osage County" verfilmt wurde, spielte Meryl Streep die Violet. Streep kostete diesen Auftritt von der ersten Minute des Films an in all seinen Extremen aus, so dass das Zuschauen manchmal schwer erträglich war.

Das zu toppen, konnte nicht der Ehrgeiz von Regisseur Antú Romero Nunes und seiner Violet-Darstellerin Karin Neuhäuser sein. Ihre große Leistung besteht darin, dass sie vom ersten Moment an einen eigenen Ton findet. Mal nölig, wie man es kennt von ihr, mal vulgär, mal wie ein weinerliches Kind, meist aber kalt und dominant und immer manipulativ. Bei ihr ist die Violet anfangs von wesentlich klarerem Verstand als im Film, erst nach und nach lässt sie den Wahnsinn die Oberhand gewinnen. Sie ist tatsächlich besser als die Streep.

Screwball-Comedy mit giftigerem Grundton

Aber Neuhäuser könnte allein nicht so glänzen. Das ganze Ensemble hat sich zusammen mit dem Regisseur dieses Stück auf eine bemerkenswerte Art und Weise zu eigen gemacht. Anstatt die Originaldialoge auswendig aufzusagen, haben sie den Text bei den Proben offenbar so lange paraphrasiert, bis die Szenen alles künstlich-Amerikanische verloren hatten; nun wirken sie wie aus dem echten Leben. Vieles ist dazu erfunden, so dass das Ganze nun dreieinhalb Stunden dauert - die einem, und das ist nicht so häufig im Theater, aber deutlich kürzer vorkommen.

Da verhaspelt sich etwa Violet und spricht statt von "Vereinbarung" plötzlich von "Vereinsamung", und ihre älteste Tochter Barbara gerät mit ihrem Mann Bill in heftigen Streit, als er den Familiensitz der Westons ein "Irrenhaus" nennt. Sagt sie: "Dieses Irrenhaus ist mein Zuhause." Sagt er: "Ja, und über diesen Satz kannst du jetzt mal 'ne Sekunde nachdenken." Ein Schlagabtausch im Tempo einer Screwball-Comedy, aber mit giftigerem Grundton.

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"Eine Familie" in Hamburg: Das soll der Kern der Gesellschaft sein?

Barbara und Bill sind Teil der neunköpfigen Schar, die zu Violets Unterstützung in ihrer schweren Stunde angereist sind. Neben Barbara sind auch ihre Schwestern Ivy und Karen da. Alle drei sind in ihren Vierzigern und haben entsprechende Probleme: Bill betrügt Barbara mit einer Jüngeren, die 14-jährige Tochter pubertiert heftig. Ivy liebt heimlich ihren Cousin, der als Versager gilt. Und Karen hat sich offenbar nicht zum ersten Mal einem windigen Aufschneider in die Arme geworfen, den sie heiraten will. Dazu kommen Violets Schwester samt Mann und Sohn. Natürlich eskaliert das Ganze am Tag der Beerdigung, angefeuert von viel Alkohol und diversen Drogen. Lange gehütete Familiengeheimnisse werden verraten und zerstören die letzten Reste möglicher Zukunftsträume.

Es geht um Probleme, wie man sie aus dem Freundeskreis kennt, wenn man Pech hat, auch aus der eigenen Familie: Da ist die Geldgier der Mutter, die in brutaler Armut aufgewachsen ist, und ihr Vorwurf, sie habe ihr Leben vergeudet, damit es die Kinder mal besser haben. Da ist der Streit der Töchter, wer sich um die hinfällige Mutter kümmern muss. Da ist die Auseinandersetzung von Barbara und Bill, wer daran schuld trägt, dass die Tochter so ausflippt.

Die Kostüme erzählen ganze Geschichten

Matthias Koch hat den Ort dieser Dramen mit viel Liebe zum Detail zweistöckig auf die Bühne gestellt. Ein durch eifrigen Zigarettenkonsum vergilbter, düsterer Ort voll schwerer Möbel und staubiger Bücher, links die Küche, rechts das Wohnzimmer und Beverleys Arbeitszimmer, oben das Schlafgemach von Violet, dominiert von einem übergroßen, glamourösen Porträt von ihr aus besseren Tagen. Und weil in diesem Stück nichts unausgesprochen bleibt, sagt Violets Schwager auch gleich: "Das macht doch was mit einem, so eine Umgebung", und Violet raunt wiederholt: "Da stimmt was nicht mit dem Fundament des Hauses."

Auch die Kostüme von Gwendolyn Jenkins erzählen ganze Geschichen: Die hohen Absätze und sexy Kleider von Karen, die als einzige das Credo ihrer Mutter, wonach die Schönheit einer Frau ihr einziges Kapital ist, offenbar niemals hinterfragt hat. Dagegen die klassischen Herrenschnürschuhe von Ivy, die verzweifelt versucht, ihren eigenen Weg zu gehen.

Und dann die biederen halbhohen Blockabsätze von Barbara, der immer so kraftvoll auftretenden Pragmatikerin - Cathérine Seifert spielt sie grandios als Frau zwischen Verzweiflung und Herrschsucht, bei der zunehmend transparent wird, wie Familientraumata sich weitervererben: In besonders heiklen Momenten rettet sie sich in die von der Mutter vorgelebte Boshaftigkeit und flüchtet sich bei Nunes am Ende gar selbst in den Tranquilizer-Frieden.

Auch Violet ist nicht ohne Grund so gemein. Dass das Leben für sie ein andauernder Kampf ist, ist einer Art posttraumatischen Belastungsstörung geschuldet: Es ist die Folge des andauernden Kriegszustands, in dem sich ihre eigene, von Armut geprägte Familie befand, als sie ein Kind war. In diesen Momenten, wenn Karin Neuhäusers Violet, mit dickem Schmuck behängt, auf dem Fußboden sitzt und in die Abgründe der Vergangenheit blickt, erinnert "Eine Familie" an Klassiker von Eugene O'Neill oder Edward Albee. Well made plays mit klarer Rollenverteilung. Die werden häufig als konventionell geschmäht. Antú Romero Nunes und sein Team widerlegen dieses Vorurteil: Es kommt drauf an, was man draus macht.


"Eine Familie". Thalia Theater Hamburg, nächste Vorstellungen am 24.2. sowie 5., 9., 10. und 25.3

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virginia 24.02.2019
1. und das hier haette in den artikel auch gehoert...
das lernt man bereits im volontariat in der ersten stunde.................... Mit Günter Schaupp (Beverly Weston, Sheriff Deon Gilbeau) Karin Neuhäuser (Violet Weston) Cathérine Seifert (Barbara Fordham) Felix Knopp (Bill Fordham) Toini Ruhnke (Jean Fordham) Marina Galic (Ivy Weston) Anna Blomeier (Karen Weston) Gabriela Maria Schmeide (Mattie Fae Aiken) Andreas Leupold (Charlie Aiken) Björn Meyer (Little Charles Aiken) Sylvana Seddig (Johnna Monevata) Rafael Stachowiak (Steve Heidebrecht)
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