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"Eine Odyssee": Erigierte Präsidenten-Penisse

Foto: Vincenzo Laera/ Volksbühne Berlin

Vergurkte "Odyssee"-Inszenierung Party-Papierschnipsel aus dem Panzerrohr

Der Regisseur Thorleifur Örn Arnarsson will in der Berliner Volksbühne Homers Irrfahrten neu erzählen. Leider wirkt die angebliche Gegenwart dabei wie eine Seifenoper aus den Neunzigern - nur deutlich zäher.
Von Christine Wahl

Auch in griechischen Vorzeigefamilien herrschen raue Sitten. "Du kleine Arschfotze", beschimpft Penelope ihren Sohn Telemachos. Während sie das sagt, muss sich die Frau mit der futuristischen Silberhaarfrisur (Johanna Bantzer) durch ein Meer aus Pappkartons kämpfen, in dem sie bei jedem Schritt zu versinken droht.

Als wäre sie nicht schon genug gestraft. Ihr Mann Odysseus, der König von Ithaka, kehrt seit Jahren nicht aus dem (Trojanischen) Krieg zurück, obwohl der längst vorbei ist. Und der gemeinsame Sohn (Nils Strunk) hockt schlaff und ödipal komplexbehaftet an der Rampe: in Jeans und Unterhemd und sichtlich not amused, sein Computerspiel unterbrechen zu müssen. Es läuft nämlich gerade ganz gut mit den hopsenden Lanzenkriegern, die netterweise auch fürs Publikum an die Bühnenrückwand projiziert werden.

Dirty Talk und Küchentischpsychologie

Aber: "Arschfotze", "Heulsuse", "Tränen wie Pisse" - diese Beleidigungssuada kann er dann doch unmöglich auf sich sitzen lassen. Er erhebt sich, gibt seiner Mutter eine Ohrfeige und schreit ihr ins Gesicht: "Du sagst, ich bin kein Mann? Ich werde es dir beweisen!"

Auch, wenn alles darauf hindeutet: Wir befinden uns hier definitiv nicht in einer Vorabendserie. Sondern es ist die Berliner Volksbühne , in der diese angestrengte Mixtur aus Küchentischpsychologie und dirty talk über die Rampe geht. Der Regisseur Thorleifur Örn Arnarsson führt sich dort mit einer Gegenwartsvariante der "Odyssee" als neuer Schauspieldirektor ein. Wobei man sagen muss, dass diese "neu erzählte" Version von Homers um 700 v. Chr. entstandenem Epos um die Irrfahrten des Kriegsheimkehrers Odysseus eher nach den Neunziger- oder Nullerjahren klingt als nach heute.

Bis René Pollesch die Volksbühnen-Leitung zur Saison 2021/22 vom derzeitigen Interims-Intendanten Klaus Dörr übernimmt, wird Arnarsson als Schauspieldirektor am Haus bleiben. Eingedenk dieser Auftaktpremiere, für die er den Text zusammen mit dem Autor Mikael Torfason selbst geschrieben hat, ist das keine uneingeschränkt erfreuliche Nachricht.

Pädagogisch wertvolle Poesiealbumssprüche

Andererseits könnte man einwenden: Der 1978 in Reykjavík geborene Arnarsson, der sein Handwerk an der Berliner Schauspielschule "Ernst Busch" lernte, ist ja vor allem fürs Optische bekannt. Gefeiert an den mythischen Klassikern, die Arnarsson auf den Theaterbühnen mit Gegenwart auflädt, wird in erster Linie die Bild-Architektur, nicht der Text.

Und für eine wirklich spektakuläre Ästhetik würde das Publikum ja über den einen oder anderen Poesiealbumspruch womöglich hinwegsehen: "Du verlierst dich in deinem trügerischen Ego! So wirst du nie zu deinem wahren Selbst finden!" Solche pädagogisch wertvollen Hinweise, wie sie die Nymphe und Odysseus-Affäre Kalypso (Sólveig Arnarsdóttir) ihrem Lover mit auf den Weg gibt, hört man hier am laufenden Band.

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"Eine Odyssee": Erigierte Präsidenten-Penisse

Foto: Vincenzo Laera/ Volksbühne Berlin

Das Problem ist, dass bei dieser "Odyssee" aber selbst die Bilder abgegriffen wirken. Auch, wenn der Regisseur die Bühnenmaschinerie exzessiv mit den Muskeln spielen lässt. Da trampeln die Akteure anfangs über 45 Minuten eine Kriegschoreografie auf die Bretter, immerhin der Livesound des Musikertrios Gabriel Cazes, Damiàn Dlaboha und Sir Henry hält einen bei der Stange.

Konfetti aus der Panzerkanone

Später wird eine lange Liste von Kriegen der Menschheitsgeschichte verlesen, während Odysseus (Daniel Nerlich) immer wieder - was sonst - in einer Kunstblutlache ausrutscht. Helena, derentwegen der Trojanische Krieg ausgebrochen war, fährt mit großem Brimborium auf einem Panzer ein, schwenkt eine rote Fahne und quäkt dazu mit dünnem Nölstimmchen "Gerechtigkeit" über die Rampe - in gefühlter Endlosschleife.

Damit auch der letzte Zuschauer begreift, dass es sich hier nicht etwa um ein revolutionäres Subjekt handelt, sondern um sein genaues Gegenteil, prasseln aus dem Panzerrohr bunte Party-Papierschnipsel in den Zuschauerraum. Schwer zu sagen, wie oft dieser Effekt im Theater schon bemüht wurde.

Die von der bekannten Filmschauspielerin Jella Haase verkörperte griechische Schönheit schaut bei alledem extra naiv vom Panzer herunter, während sie ihrem Gatten Menelaos (Theo Trebs) nach dem Mund redet. Der präsentiert seinen Körper, spricht über Fitness und Rindfleischdiäten und rekurriert damit auf Internetauftritte des umstrittenen kanadischen Psychologen Jordan Peterson.

Erigierte Präsidenten-Penisse

Noch platter wird es nach der Pause dieser vierstündigen Theateranstrengung, wenn vom Schnürboden die Konterfeis dreier grinsender US-amerikanischer Präsidenten heruntergefahren werden: Donald Trump, Bill Clinton und John F. Kennedy als überdimensionale Männerakte mit erigierten Schwänzen.

"Wir sind komplexer, als wir denken, das Leben ist komplexer, als uns die Politiker zu verkaufen versuchen, und das Theater ist leistungsstärker, als es oft zu scheinen scheint", wird der Regisseur im Programmheft zitiert. Da hat er sicher recht. Noch besser wäre es allerdings, Thorleifur Örn Arnarsson würde diese Erkenntnis in seiner verbleibenden Zeit als Schauspieldirektor auch auf die Bühne bringen.


"Eine Odyssee", Volksbühne Berlin , nächste Vorstellungen am 14., 21. und 22. September.