Eingestürztes Stadtarchiv Einsatzkräfte bergen verschüttetes Kulturgut

Nach der Bergung der beiden Toten aus den Trümmern des eingestürzten Kölner Stadtarchivs versuchen die Einsatzkräfte nun, möglichst viele der wertvollen historischen Dokumente zu retten. Ein paar tauchten bereits auf - darunter Teile des Nachlasses von Konrad Adenauer.


Köln - An der Einsturzstelle des Historischen Archivs der Stadt Köln sind am Samstag die Aufräumarbeiten fortgesetzt worden. Nach der Bergung der Leiche des zweiten Vermissten gehe es nun darum, das verschüttete Kulturgut zu bergen, sagte ein Stadtsprecher. Dabei dürften die Archivalien nicht beschädigt werden.

Einsturzstelle: Vorsichtige Bergung verschütteter Archivalien
DDP

Einsturzstelle: Vorsichtige Bergung verschütteter Archivalien

Wie viel des Archivbestands bislang gesichert werden konnte, ist noch unklar. Unter den gefundenen Schriftstücken befindet sich unter anderem ein Teil des Nachlasses von Konrad Adenauer aus seiner Zeit als Kölner Oberbürgermeister. Auch zwei Handschriften des Kirchenlehrers Albertus Magnus wurden entdeckt.

Feuerwehr und Technisches Hilfswerk reduzierten ihre Kräfte, es wird nur noch tagsüber von montags bis samstags gearbeitet. Der Abtransport des Schuttes werde so länger dauern als in den ersten Tagen, als noch nach den beiden Verschütteten gesucht worden war.

Am Samstagnachmittag besuchte der Direktor der Anna Amalia Bibliothek in Weimar, Michael Knoche, die Unglücksstelle. Die Anna Amalia Bibliothek war bei einem Brand 2004 zerstört worden. Der Brand in Weimar und der Einsturz des Stadtarchivs werden in ihrer verheerenden Bedeutung für den Kulturbestand miteinander verglichen.

Knoche besuchte für rund 30 Minuten mit dem Kölner Kulturdezernenten Georg Quander das Trümmerfeld. Knoche zeigte sich erschrocken über die "Plötzlichkeit dieser Kulturkatastrophe". Er besuchte neben dem Trümmerfeld an der Severinstraße auch die Lagerhallen in Köln-Porz, wo der Schutt in Handarbeit nach Fragmenten und Schnipseln durchsucht wird. Knoche bezeichnete die "Erstversorgung" der geborgenen Schätze als hervorragend.

Unterdessen erhob der ehemalige Kölner Baudezernent Bela Dören schwere Vorwürfe gegen die Stadtspitze und die Kölner Verkehrsbetriebe (KVB) wegen des U-Bahn-Baus, der vermutlich die Ursache für den Einsturz des Stadtarchivs war. Die Verfahren und Techniken beim Bau der Nord-Süd-Bahn im Grundwasserbereich seien "eindeutig risikobehaftet" und bei vorangegangen U-Bahn-Bauten in der Domstadt nicht angewendet worden, sagte Dören der "Süddeutschen Zeitung". Er könne nicht verstehen, weshalb bei den Arbeiten im Grundwasserbereich nicht die erprobten Verfahren wie Unterwasser-Beton oder Gefriertechniken angewandt worden seien.

Ehemaliger Baudezernent erhebt schwere Vorwürfe

Stattdessen habe sich der Bauherr KVB dazu entschieden, das Grundwasser abzupumpen. Dies aber sei möglicherweise die Ursache für Bodenverschiebungen und einen sogenannten "hydraulischen Grundbruch", der mit hoher Wahrscheinlichkeit zum Archiv-Einsturz geführt habe.

Dören, der zwischen 2001 und 2003 Baudezernent der Stadt war und in jener Zeit das entsprechende Planfeststellungsverfahren der Bezirksregierung Köln begleitet hatte, erklärte, er könne sich vorstellen, dass die KVB das Abpumpen des Grundwassers "alleine aus Kostengründen" favorisiert habe.

Der Sprecher der KVB, Joachim Berger, bestätigte auf Anfrage der Zeitung, dass Unterwasserbetonage oder Gefriertechniken bei der U-Bahn-Baustelle am Kölner Waidmarkt, die unmittelbar an das eingestürzte Archiv angrenzt, "in der Planung nicht vorgesehen gewesen" seien. Auf die Frage, ob sich die KVB aus Kostengründen für das Abpumpen des Grundwassers entscheiden habe, antwortete Berger: "Diese Fragestellung kann so nicht beantwortet werden, da die Kosten nur ein Faktor unter vielen sind."

Der Sprecher der Stadtverwaltung wollte den Zeitungsbericht zunächst nicht kommentieren. Für Sonntag (15. März, 14.00 Uhr) sei eine Pressekonferenz geplant, auf der der KVB Stellung zu diesen und weiteren Vorwürfen nehme, hieß es.

Michael Bosse, ddp

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