Margarete Stokowski

Einverständnisgesetz für Sex Sterben jetzt die Schweden aus?

Sex ist wie Rauchen: Es geht allein, zu zweit oder zu mehreren - trotzdem sollte man niemandem ungefragt die Kippe in den Mund stecken. Ähnliches gilt beim Geschlechtsverkehr - womit manche Medien aber ein Problem haben.
Foto: BERTRAND GUAY/ AFP

Einer landläufigen Meinung zufolge sind Feministinnen diejenigen, die sich wahnsinnig schnell über Kleinkram aufregen, der nicht der Rede wert sei. Aber dann gibt es auch noch die Leute, die vergangene Woche auf das neue schwedische Einverständnisgesetz  reagiert haben, als würde da ein Staat sämtliches Sexualleben sabotieren wollen, aus Political-Correctness-Gründen, und da muss man dann vielleicht schon mal fragen: Was ist denn da los?

Die schwedische Regierung hat ein Gesetz erarbeitet, das ab Juli 2018 in Kraft treten soll: Dann soll juristisch festgelegt sein, dass man nur mit Leuten Sex haben darf, von denen man sicher ist, dass sie es wollen. Das heißt, bevor man mit einer Person schläft, soll diese auf irgendeine Art zugestimmt haben, durch Worte oder Gesten. Alles, was nicht einvernehmlich passiert, ist illegal.

Das ist eigentlich unglaublich banal. Oder zumindest sollte es das sein. Aber für die Deutschen und ihre Medien nicht. "Schweden treibt die sexuelle Korrektheit auf die Spitze" hieß es bei "Welt.de" , und: "Schweden ist jetzt das unromantischste Land der Welt, gleich hinter Saudi-Arabien und dem Iran" - ja, genau. So unromantisch, seinen Penis nicht einfach überall reinstecken zu dürfen.

Bei "Focus Online"  (und einigen anderen Medien) war man so aufgewühlt von der Meldung aus Schweden, dass man zuerst von einer schriftlichen Einverständniserklärung schrieb und sich dann nachträglich korrigieren musste. Es blieb jedoch die Betonung, dass Schweden in Zukunft "selbst bei der eigenen Ehefrau" nicht einfach drauflosrammeln dürfen. Gemein! Selbst wenn man eine eigene Frau besitzt, darf man sie nicht einfach benutzen.

Was dürfen Männer heute überhaupt noch? Werden die Schwedinnen und Schweden es noch schaffen, weiterhin Sex zu haben? Sterben sie aus? Es bleibt spannend! Diese Missverständnisse sind kein Boulevardmedien-Problem. Selbst "ZDF heute" formulierte es auf Twitter so, dass man in Schweden "künftig aktiv um Erlaubnis für Geschlechtsverkehr bitten muss". Prompt wurde "ZDF heute" ausgerechnet vom Satire-Medium "Postillon" korrigiert, wo man zwar gerne Quatsch macht, aber solchen Quatsch dann doch nicht .

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Nach diversen Mutmaßungen über schriftliche Verträge oder mündliche Vereinbarungen mit Handschlag, sowie über Männer, die von ihrer Partnerin aus heiterem Himmel wegen Vergewaltigung direkt ins Gefängnis gebracht werden, sah die schwedische Botschaft sich gezwungen , die Sache klarzustellen . "Entgegen vielen Medienberichten ist das Einholen einer schriftlichen Einverständniserklärung nicht erforderlich", erklärte die Botschaft . Und: "Die Unschuldsvermutung gilt selbstverständlich weiterhin."

Öffentliche Diskussionen über Sex sind immer etwas eigenartig. Aber die Diskussion zum schwedischen Gesetz ist speziell skurril. Es ist schon verrückt: Wenn man Leuten erzählt, dass Vergewaltigung in der Ehe in Deutschland erst seit 1997 strafbar ist, reagieren viele entsetzt. Wenn man Immanuel Kant zitiert , der die Ehe als Vertrag zwischen Mann und Frau zum "wechselseitigen Gebrauch ihrer Geschlechtseigenschaften" beschrieb, dann sagen sie: Wie merkwürdig und auch ein bisschen eklig.

Aber wenn eine Regierung 2017 im Gesetz verankern will, dass man nur mit Leuten schlafen soll, bei denen man sich sicher ist, dass sie es wollen - selbst wenn es der Partner oder die Partnerin ist - , ist die Panik groß. Als würde man ihnen etwas wegnehmen oder ihnen zutiefst perverse Sexualpraktiken aufzwingen wollen. Wie vögeln die Leute denn, wenn nicht im Einvernehmen?

"Was daran aufregend sein soll, wenn der Sexualpartner keinerlei Begehren zeigt, sondern alles nur mit sich geschehen lässt, wurde bislang allerdings noch nicht hinreichend beantwortet", schrieb Julia Bähr in der FAZ . In anderen Bereichen verhalten sich die Leute, die sich über das schwedische Gesetz aufregen, schon von alleine so, wie sie es beim Sex tun sollten (und vielleicht auch längst tun), zumindest wenn sie sich halbwegs zu benehmen wissen. In vielerlei Hinsicht ist Sex wie Rauchen, nur besser für die Lunge: Es geht alleine, zu zweit oder zu mehreren, und wenn man Leute schon länger kennt, weiß man ungefähr, wann und wie sie gerne rauchen, aber man sollte ihnen trotzdem nicht ungefragt eine Kippe in den Mund stecken, wenn sie nicht wollen, und auch nicht während sie schlafen.

Aber natürlich ist mit der schwedischen Gesetzesänderung nicht alles geklärt, was schiefgehen kann. Die Beweislage wird immer noch oft schwierig sein, oft wird Aussage gegen Aussage stehen. Oder: Wenn jemand ein Ja zum Sex signalisiert, kann diese Person sich währenddessen immer noch umentscheiden und aufhören wollen, unter anderem, weil Sex nicht gleich Sex ist: Vielleicht hat sie Ja gesagt zu einer Viertelstunde Blümchensex, aber nicht zu einer Stunde Analsex. Oder sie sagt Ja, aber nur weil sie nicht stark genug ist, Nein zu sagen, weil sie den Abend oder die Beziehung nicht verderben will. Ein solcher Fall wäre kein Straftatbestand, aber bei Weitem nicht der Idealzustand.

Die tausendfach geteilte Kurzgeschichte "Cat Person"  aus dem "New Yorker" handelt von einem Fall, der keine Vergewaltigung ist, aber sehr schlecht laufender Sex zwischen zwei Leuten, die sich erst seit Kurzem kennen. Offenbar konnten sich sehr viele Leute in die Protagonistin hineinversetzen. Es ist eine logische Folge  der #MeToo-Debatte, mehr darüber zu reden, was Leute in sexueller Hinsicht mitmachen, obwohl sie eigentlich nicht wollen.

Das kann bei ersten Dates und in langen Beziehungen passieren. Auf "Zeit Online"  erklärte im Sommer ein Sexualtherapeut: "Es gibt zum Beispiel auch ein Nötigen und Drängen nach dem Motto: 'Du musst dich mir sexuell erkenntlich zeigen, weil ich das Geld bringe und ich für die Familie sorge.' Das ist zwar keine Vergewaltigung, aber natürlich eine Form der strukturellen Gewalt, legitimiert durch eine fantasierte hierarchische Überlegenheit."

Es gibt tausend denkbare Fälle, in denen potentielle sexuelle Zusammentreffen auch mit einem Einverständnisgesetz immer noch kompliziert sein können, aber eben gerade weil es nur eine Selbstverständlichkeit beinhaltet. Natürlich reicht ein besseres Sexualstrafrecht nicht. Juristische Verbesserungen helfen nur wenig, wenn sich nicht auch die Vorstellungen der Leute davon ändern, was gleichberechtigter, guter Sex ist. Deswegen brauchen wir ja die feministische Weltrevolution. Wenn schon, denn schon.