Eklat bei Jelinek-Aufführung Regisseur rechtfertigt Kannibalen-Szene

Nazis und Kannibalismus: Bei einer Aufführung von Elfriede Jelineks Massaker-Stück "Rechnitz (Der Würgeengel)" in Düsseldorf platzte Zuschauern der Kragen. Sie verließen schimpfend den Saal - ein älterer Herr bespuckte gar die Abendspielleiterin. Der Regisseur sieht's trotzdem gelassen.

DPA

Dass das Stück verstörend ist, war dem Ensemble des Düsseldorfer Schauspielhauses bewusst. Dass es heftige Reaktionen hervorrufen würde, war auch einkalkuliert. Aber die Tumulte, die ein Teil des Publikums nach Aufführungen von Elfriede Jelineks "Rechnitz (Der Würgeengel)" veranstalteten, haben die Beteiligten dann doch überrascht.

Bei der Premiere und der zweiten Aufführung des Stückes am Wochenende reagierten Zuschauer mit heftigen Protesten vor allem auf die letzten Minuten der Aufführung. Jelineks Werk handelt von dem so genannten "Massaker von Rechnitz" im österreichischen Burgenland: Kurz vor Ende des 2. Weltkrieges hatten die Gäste eines Festes auf dem Schloss von Baronin Margit von Battyány-Thyssen 180 ungarisch-jüdische Zwangsarbeiter erschossen - sozusagen zum Nachtisch.

In der Schlussszene ihres Theaterstückes lässt Jelinek den "Kannibalen von Rotenburg" auftauchen und einen vier Minuten langen Dialog mit seinem Opfer halten. Der damals 39 Jahre alte Armin Meiwes hatte am 10. März 2001 einen Ingenieur aus Berlin mit dessen Einverständnis entmannt, getötet und Teile der Leiche gegessen.

"Der Holocaust war ein dionysischer Rausch"

Die Meiwes-Szene, die bei der gefeierten Uraufführung von "Rechnitz" an den Münchner Kammerspielen vor zwei Jahren noch gestrichen worden war, provozierte in Düsseldorf nun den Zuschauereklat. Scharenweise und lautstark protestierend verließen Zuschauer der beiden "Rechnitz"-Aufführungen den Saal. Ein älterer Schauspielhausbesucher bespuckte sogar die Abendspielleiterin aus Empörung.

Regisseur Hermann Schmidt-Rahner rechtfertigte am Dienstag in der "Rheinischen Post" seine Entscheidung, die Kannibalen-Szene zu zeigen. Das Motiv des Kannibalismus durchziehe das ganze Stück, so Schmidt-Rahner. "Wir Nachgeborenen haben uns einen Blick auf die NS-Zeit zurechtgelegt, der mehr oder weniger sagt, der Holocaust ist ein bürokratischer und verwaltungstechnischer Akt gewesen. Und die Jelinek sagt, es ist ein dionysischer Rausch gewesen, in dessen Verlauf Menschen gegessen worden sind."

In diesem Sinne sei die grausame, verstörende Schlussszene des Stückes ein "Weckruf, der den Widerstand geradezu provozieren muss." Bei der Münchner Aufführung habe man "am Ende nett klatschen können", so Schmidt-Rahner. Jelinek ermuntere die Regisseure ihrer Stücke dagegen dazu, die Grenzen der Zumutung auszuloten.

In Kritikerkreisen ist das Stück der Literaturnobelpreis-Trägerin unumstritten: Jelinek hatte für "Rechnitz" den Mülheimer Dramatikerpreis gewonnen, die Kritiker der Fachzeitschrift "Theater heute" kürten es zum Stück des Jahres 2009.

Das Düsseldorfer Schauspielhaus hat dennoch Konsequenzen gezogen: Vor jeder Vorstellung bietet es nun eine Einführung in das Stück an. Nichtsdestotrotz hätten auch am Montagabend wieder rund 30 Zuschauer in der Pause das Theater verlassen, erklärte Schauspielhaus-Sprecherin Manuela Schürmann am Dienstag. Die Zuschauerreaktionen auf der Homepage des Schauspielhauses reichen von "großartig" über "verstörend und verunsichernd" bis zu "aufreißerisch" und "brutal".

twi/dpa



insgesamt 18 Beiträge
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Zyklotron, 12.10.2010
1. *gähn*
Wenn Provokation zur Pflicht wird, wird sie langweilig.
KomischWetter 12.10.2010
2. Verstörend und brutal...
War das dritte Reich dies etwa nicht? Wie hätten es die Herrschaften denn gerne? Die Erschießungen zum Nachtisch als lustige Komödie? Wer sich mit der Thematik nicht auseinandersetzten will, soll ins Schwarzwaldmädel gehen.
Koltschak 12.10.2010
3. Ja dann solln die Leute halt nicht ins Theater gehen!
Ich finde Jelinek eh blöde und total überbewertet. Aber das ist meine persönliche Meinung. Dann sollen die Leute statt ins Theater in Schneewittchen gehen. Schön, dass es dem Regisseur gelungen ist, Menschen aufzurütteln. Ansonsten: Geh mich wek mit Jelinek!
marypastor 12.10.2010
4. Solche Stuecke,
Zitat von sysopNazis*und Kannibalismus:*Bei einer Aufführung von Elfriede Jelineks Massaker-Stück*"Rechnitz (Der Würgeengel)" in Düsseldorf platzte Zuschauern der Kragen. Sie verließen schimpfend den Saal - ein älterer Herr bespuckte gar die Abendspielleiterin. Der Regisseur sieht's trotzdem gelassen. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,722648,00.html
[QUOTE=sysop;6420321]Nazis*und Kannibalismus:*Bei einer Aufführung von Elfriede Jelineks Massaker-Stück*"Rechnitz (Der Würgeengel)" in Düsseldorf platzte Zuschauern der Kragen. Sie verließen schimpfend den Saal - ein älterer Herr bespuckte gar die Abendspielleiterin. Der Regisseur sieht's trotzdem gelassen. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,722648,00.html[/QUOTE wuerden sie nicht geschrieben oder aufgefuehrt, vermisst kein Mensch, es sei denn er ist abartig veranlagt. Zur Vergangenheitsbewaeltigung taugen sie auch nicht. Die ist abgeschlossen. Aber es ist auch ein Geschaeft. Frau Jelinek schreibt ja nicht umsonst. Und vielleicht kann man mit morbiden Inhalten noch etwas mehr verdienen.
Ares Skye 12.10.2010
5. Theaterförderung...
...haben wir offensichtlich VIEL zu viel. Wenn irgendwelche Regisseure glauben, Stücke gnadenlos am Besucher bzw. Kunden vorbei verhuntzen zu können, sollten sie das auf Rechnung des Theaters tun und nicht auf Steuerzahlerkosten. Die Kunst ist frei - aber dafür dass hier Leute am guten Geschmack und am Markt vorbeiproduzieren will ich keine Steuern zahlen. Es ist erschütternd wie schwer es ist, selbst in größeren Städten in ein nicht allzu modern (d.h. massiv geändert), nicht depri, nicht 3tes Reich Stück zu gehen.
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