Eklat um RTL2-"Frauentausch" "Die sollten sich schämen!"

Big Trouble in little Zerbst. RTL2 stellte den ostdeutschen Ort in der Sendung "Frauentausch" so negativ dar, dass die Bewohner auf die Barrikaden gingen. Im SPIEGEL-ONLINE-Interview wirft Bürgermeister Helmut Behrendt (FDP) dem Sender jetzt vor, Ressentiments gegenüber dem Osten zu schüren.

SPIEGEL ONLINE: Herr Behrendt, haben Sie die jetzt auch von der Medienaufsicht kritisierte Folge von "Frauentausch" selbst gesehen?

Behrendt: Ich habe später ein Video bekommen. Schon nach wenigen Minuten hat es mir eigentlich gereicht. Es hat mich richtig entsetzt, wie die Stadt Zerbst und damit der ganze Osten in Misskredit gebracht worden sind. Nur Klischees. So nach dem Motto: Guck mal, da gehen unsere Transferleistungen hin. RTL2 hat nur Ruinen gezeigt und beschmierte Wände und alte Leute, die mit dem Rolli durch die Gegend fahren. Alles traurig, trist und trostlos. Und wie die Familie gezeigt wurde – einfach entwürdigend. Das hat – 20 Jahre nach dem Mauerfall - viele hier in ihrem Stolz verletzt.

SPIEGEL ONLINE: So sehr, dass ein Pulk vor dem Haus der Familie demonstriert und sie bedroht hat.

Behrendt: Das stimmt. Da sind 50 bis 100 Menschen, hauptsächlich Jugendliche vor dem Haus aufgezogen und haben Eier geworfen und Frühstücksbrettchen durch den Postschlitz geworfen...

SPIEGEL ONLINE: ...weil in der Sendung die Tauschmutter aus Versehen ein solches Brettchen zerbricht und dafür vom Hausherrn zur Schnecke gemacht wird.

Behrendt: Gestern soll wieder eine kleine Ansammlung dagewesen ein. Das geschieht jetzt fast wöchentlich. Die Familie hat ja schon öfter in solchen Sendungen mitgemacht. Das regt die Leute auf. Aber jetzt wird sie schon bedroht, was natürlich nicht in Ordnung ist. Es sind ständig Polizeistreifen unterwegs, das Haus wird rund um die Uhr überwacht. Aber die Schuldigen sitzen ja ganz woanders. Ich bin entsetzt über die Macher der Sendung. Die sollten sich schämen!

SPIEGEL ONLINE: Ist das ein Einzelfall?

Behrendt: Wir hatten ja schon mal so eine Sendung hier, wo ein Restaurant auf Vordermann gebracht werden sollte. Da kommen dann die Retter aus den alten Bundesländern und sorgen für Ordnung, Sauberkeit und Schliff. Die Sendungen laufen natürlich so ab, wie die Fernsehleute es wollen. Das ist ja ganz offensichtlich. Bei "Frauentausch" wurde Zerbst mit Hamburg verglichen. Da werden in Hamburg nur die guten Ecken gezeigt. Alles sauber, sattes Grün, schön gestrichene Häuser. Wenn ich will, kann ich Hamburg auch ganz anders darstellen und kann die dreckigen Ecken filmen. Aber das passte nicht ins Konzept. Der Westen soll schlau und schön rüberkommen, und der Osten dumpf und grau.

Das Interview führte Markus Brauck

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