Rassismus Lieber Elmar Hörig, was ist passiert?

Er war der "beste Radiomoderator Südwestdeutschlands", doch jetzt macht Elmar Hörig nur noch mit menschenverachtenden Äußerungen auf sich aufmerksam. Zeit für Arno Frank, ihm einen Brief zu schreiben.

Lieber Elmar Hörig,

oder darf ich Sie Elmar nennen? Ach, was soll's, ich duze und nenne Dich jetzt einfach mal Elmi, aus alter Verbundenheit. Auch kommt das schön schnoddrig und respektlos, und Schnodderigkeit und Respektlosigkeit habe ich von Dir gelernt.

Als Kind hatte ich einen Onkel, von dem ich Dir berichten will. Der Onkel erzählte fortwährend Witze, was sehr unterhaltsam war. Er erzählte sie in einer Tour, meistens sexistisches und rassistisches Zeug. Negerwitze auch. Nicht Witze über Schwarze, Negerwitze. Und Judenwitze. Nicht jüdische Witze, sondern Judenwitze mit Auschwitz und Gas und so. Als Kind verstand ich nur die Hälfte, und die andere Hälfte war mir unheimlich.

In der "FAZ" lese ich nun, dass eine Landtagsabgeordnete aus Rheinland-Pfalz (Du nennst sie "humorresistente Linksamöbe") Dich verklagt hat. Wegen einer fröhlichen Anspielung auf den Ku-Klux-Klan. Eine Lynchszene, nachgestellt mit Schokoladenweihnachtsmännern in selbst gebastelten Kapuzen, Rotebackengrinsesmiley: "Elmar Hörig war früher einer der bekanntesten Radio-Moderatoren Deutschlands. Jetzt macht er im Internet Stimmung gegen Flüchtlinge und Schwarze."

Typisch Lügenpresse. Du warst nicht "einer der bekanntesten", sondern schlicht der beste Radiomoderator zumindest Südwestdeutschlands. "Stimmung" machst Du auch nicht erst seit "jetzt", sondern seit Jahren. Bei Twitter nennst Du Dich in vorgetäuschter Ironie "xeno-, homo- und islamophob". Am wenigsten stimmte an diesem "FAZ"-Artikel aber die Dachzeile: "Elmar Hörigs Sendeausfälle". Denn diese Ausfälle sind keine Ausfälle. Sie sind die Sendung.

Deine alten Sendungen waren besser, darf ich das sagen? Das sehen die meisten Leute so, die in den Achtziger- und Neunzigerjahren in Südwestdeutschland aufgewachsen sind. Ich will nicht wissen, auf wie vielen Dachböden von Stuttgart bis Pirmasens noch Umzugskartons mit alten Kassetten lagern, Mixtapes, auf denen Du in das Ende von "In The Air Tonight" oder "Video Killed The Radio Star" irgendwas Bizarres hineinplapperst. Auf meinem primitiven Radiorekorder von ITT Schaub-Lorenz habe ich sogar versucht, mit eigenen Hörspielen Dein Tempo und Timing zu imitieren - so wie Du in Deinem Studio den begnadeten britischen Radiokomiker Kenny Everett imitiert hast. Verdammt, in guten Momenten kamst Du an ihn ran. Ich an Dich natürlich nie.

Einen meiner ersten Lachkrämpfe, so richtig mit schmerzendem Bauch und Tränen übers Gesicht, verdanke ich der "Elmi Radio Show". Du erinnerst Dich an diese Serie, bei der Du alle Stimmen selbst eingesprochen hast? "Käpt'n Kipp Dotter"? Du weißt, dass das Dein Hauptwerk war? Ein Weltraumabenteuer zwischen Perry Rhodan und Douglas Adams, freilich mit von Perry Rhodan stibitzten Motiven und bei Douglas Adams entliehenen Witzen. Was aber egal war, weil der flirrende Flachsinn dieser Collagen selbst bei kritischer Wiedervorlage noch funktioniert: "Achtung Autofahrer! Auf der A8 kommt Ihnen die A9 entgegen!"

Du kannst Dir nicht vorstellen, wie sehr wir Deine Stimme geliebt, wie sehr wir Dich bewundert haben, Elmi. Und wie entsetzlich peinlich uns das heute ist. Was ist passiert? Was hat Dich bloß so ruiniert, so bitter und böse werden lassen?

Vermutlich war es das Fernsehen mit seinen finanziellen Verlockungen. Da wolltest Du hin, dort hattest Du Deine Chance. Aber die Kunstfigur "Elmi" ließ sich nicht auf den Bildschirm übersetzten. Alles, was die Leute bei Sat.1 sahen, war ein dauerschlüpfriger Gebrauchtwagenhändler, der am Ende über seine eigenen Hoden stolperte. Oder waren es die Zoten? Zwinkersmiley! Zuletzt wollten sie Dich nicht einmal mehr im "formatierten Hosenscheißerradio" haben, und mir tat's leid. Denn an der Kritik ist etwas dran.

Aber was soll's? Dir geht es gut, das lässt Du die Welt wissen. Gesundheit mit 67, Vermögen, auf Lanzarote eine Wohnung und Wellen zum Surfen vor der Tür. Was willst Du denn mehr? Elmi, Du hast doch alles! Moment! Wenn Du alles hast, dann hast Du auch Sorgen.

Ist es das? Sorgen um Deutschland, die in dünnem Strahl aus Dir rauspladdern? So wie auf YouTube, wo Du für eine Weile "Arschgeigen TV" betrieben hast, eine dilettantische Mischung aus "Pleiten, Pech und Pannen" und "TV Total". Ein gelernter Lehrer mit Nutella im Gesicht, der "Neger" spielt. Wollte auch kein Mensch sehen. Sonnenbrillensmiley.

Geblieben sind Dir Twitter und Facebook. Und dort geht's plötzlich richtig ab. Das muss sich gut anfühlen nach all den Jahren, dieser Wind unter den Flügeln. Du bist stehen geblieben, während die Welt sich weiterdrehte. Und nun stehst Du auf Facebook und spürst, dass sich Dir die Welt wieder entgegendreht. 35.000 "Freunde" sind schon da, eine ganze Kleinstadt, der Du in gewohnt "flotten Sprüchen" regelmäßig die chauvinistische Meinung arschgeigst über Umvolkung, Verschwuchtelung, Lügenpresse, Linksamöben und Spaßbremsen.

Dein Motto ist "'N Scheiß muss ich". Ein gutes Motto. Trotzdem musst Du eben doch etwas, nämlich mit konvulsivischer Zwanghaftigkeit den ganzen Schleim raushusten. Den Frust über die verarschgeigte Karriere, den ruinierten Ruf und eine Gesellschaft, die Dich nicht mehr wiedererkennt - und sich peinlich berührt abwendet, wenn sie's doch tut. Social Media Killed The Radio Star.

Neulich traf ich meinen Onkel wieder, er wandelt weiter in einer Wolke aus Witzen - vielleicht erzählt er sie heute noch eine Spur krasser, wie der Süchtige die Dosis erhöhen muss. Sein unablässiges Blödeln, merkte ich, hat etwas Verzweifeltes. Er braucht es. Wer nicht lacht, ist sein Feind. Wer lacht, sein Freund. Denn nur für die Dauer eines Lachers ist er im kalten Folterkeller seiner Seele nicht allein. Mein Onkel hat, anders als Du, nie mit Gags sein Geld verdient. Du solltest ihn kennenlernen, ihr könntet euch gegenseitig hochschaukeln und euch die gesammelten Werke von Akif Pirinçci vorlesen.

Beide repräsentiert ihr eine ganze Generation von Männern, die aus ihren Herzen nie Mördergruben gemacht haben, weil es schon immer Schlangengruben waren. Horrorclowns und Hassrentner, die sich in ihrer digitalen Kloake gegenseitig mit Dreck bewerfen, dabei "Sarkasmus! Humor! Meinungsfreiheit!" brüllen - und aggressiv werden, wenn sich ausnahmsweise mal jemand über den Gestank beschwert. Früher roch's doch immer so!

Wenn Verehrung in Verachtung umschlägt, lieber Elmi, macht man normalerweise nicht viele Worte. Wäre ich kein so gelehriger Schüler, würde ich mich jetzt für die Respektlosigkeit dieser Zeilen ein wenig genieren. Aber 'n Scheiß muss ich.

Winkewinkesmiley!

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