EM-Kolumne "Goosens Grätsche" Chips und Schicksalsspiele

Fürs EM-Schicksalsspiel Deutschland-Österreich muss es schon ein Schauplatz vom Feinsten sein. Kolumnist Frank Goosen wird in einem Schloss in Dortmund vorstellig - und stopft sich mit Kartoffelchips voll, um dem faden Fußballereignis ein wenig Biss zu verleihen.

Von Frank Goosen


Man soll es ja kaum glauben, aber nach einer Woche Turnierstress beginnt sich die Ahnung des Gefühls einzustellen, irgendwann könne auch mal gut sein. Nachdem ich erst gegen drei ins Bett gefallen bin, wache ich gegen neun schon wieder auf und fühle mich wie Ballack, der gegen Kroatien gespielt hat. Nur die Kinder sind immer noch topfit und kicken in ihrem Spielzimmer die soundsovielte EM nach.

Ständig werde ich gefragt, was ich bei Kroatien gegen Tschechien, Türkei gegen Frankreich oder Italien gegen Portugal tippe. Als ich behaupte, dass Österreich (5 Jahre alt) sich ganz sicher gegen Spanien (7) durchsetzen werde, kriege ich zu hören: "Das glaubst du doch selbst nicht."

Den Tag über vertiefe ich die Mulde im Sofa fast bis zum Boden und lese mal was, das nichts mit Fußball zu tun hat, nämlich den neuen Roman von Klaus Modick über einen deutschen Schriftsteller, der als Writer in Residence an einem College in Vermont das Manuskript eines Historikers findet, der in den Dreißigern aus Deutschland flieht, um später in den Mühlen des McCarthyismus zu landen. Spannend und, wie üblich bei Modick, sehr schön geschrieben.

Unglaublich! Wahnsinn!

Am frühen Abend zwei lustlose Anrufe bei Redelings und Scotty, ob man nicht doch irgendwo hingehen solle, um die heutigen Spiele zu sehen. Die Bereitschaft, sich vor die eigene Tür zu bewegen, ist bei uns Dreien allerdings so gut wie gar nicht vorhanden. Also wird das hier ein Solo mit Bier und Chips. Tschechien gegen die Türkei. Meine Frau hat instinktiv gespürt, dass sie sich die erste Halbzeit sparen kann und stößt erst in der sechzigsten Minute dazu. Als die Türken in einer denkwürdigen Schlussphase den 0:2-Rückstand in einen 3:2 gedreht haben, murmelt sie: "Unglaublich!" Ich korrigiere sie: Der Fachterminus in diesem Fall lautet: Wahnsinn!

Auf ewig wird mir von diesem Spiel das Gesicht des armen Feldspielers Tuncay in Erinnerung bleiben, der nach der roten Karte für Torwart Volkan Demirel für die letzten paar Minuten ins Tor musste. Handschuhe groß wie Bratpfannen und ein Trikot, in dem er noch ein oder zwei Familienmitglieder hätte unterbringen können. Nur Sekunden nach dem Spiel hören wir das Gehupe des türkischen Autokorsos von der fernen Herner Straße.

Schicksalsspiel gegen Österreich

Der Montag stellt sich ganz anders dar. Vom Aufstehen an fiebrige Erwartung: Schicksalsspiel gegen Österreich! Allein diese drei Worte sind an Absurdität nicht zu überbieten. Und wenn ich noch einmal "Cordoba" höre, zerlege ich ein argentinisches Steakhaus.

Nach dem Mittagessen aber muss ich erstmal wieder nach Köln. Während dieser EM mache ich mehr Fernsehen als in den letzten zwei Jahren zusammen. Heute bin ich Kandidat im NRW-Duell, einer von Bernd Stelter moderierten Quizsendung, in der es ausschließlich um unser so heterogenes Bundesland geht. Nordrhein-Westfalen ist ja letztlich ein Gebilde wie das frühere Jugoslawien: Verfeindete Volksstämme in ein künstliches Staatsgebilde gepfercht. Das Rheinland allein hätte doch ein prima Bundesland abgegeben, genauso wie Westfalen! Warum muss man zusammenzwingen, was nicht zusammengehört?

Ebenfalls zu Gast in der Sendung: Ingo Oschmann, Doktor Stratmann und Tanja Schumann. Ich bin der einzige ohne "mann" im Namen. Ist bedeutungslos, fällt mir aber auf. Beim freundlichen "Get together" in Oschmanns Garderobe (die, wie ich befriedigt feststelle, nur halb so groß ist wie meine) kommen wir schnell auf das Lieblingsthema aller Komiker und Schriftsteller: Kritiker. Meistens legen wir uns ja so eine distanzierte Haltung zu, von wegen: Kritiken lese ich ja schon laaange nicht mehr! Stelter gibt zu, sie doch zu lesen und sich immer noch zu ärgern.

Um halb fünf wird aufgezeichnet, danach wollen alle schnell weg, um rechtzeitig zum Schicksalsspiel wieder zu Hause - oder wo auch immer, jedenfalls vor einem Bildschirm oder einer Leinwand - zu sein.

Blanke Nerven vor dem Spiel

Ohne die erst demnächst auszustrahlende Folge vorwegzunehmen, kann ich doch so viel sagen, dass ich nicht gerade als der beste Kandidat in der noch jungen Geschichte dieser Sendung durchgehe. Immerhin weiß ich jetzt, wo die diesjährige Landesgartenschau stattfindet und wie ihr Maskottchen heißt. Mittendrin fällt dann irgendein Grafik-Computer aus, und aus 45 Minuten werden fast zwei Stunden.

Die Kohlen, auf denen ich sitze, werden immer heißer. Ich rechne noch mit einem Monsterstau auf der A1 zurück ins Ruhrgebiet, und um halb acht will man mich abholen, um in Corinnas Penthouse in einem Schloss in Dortmund das Spiel zu sehen. Klingt nach einem höchst exotischen Ort. Erst um halb sieben komme ich in Bocklemünd vom Parkplatz, aber rätselhafterweise ist die Autobahn praktisch menschenleer. Die stimmen sich alle schon aufs Schicksalsspiel ein.

Zu Hause reicht die Zeit gerade, mich ins Trikot zu zwängen, da stehen schon Babs und Bärbel vor der Tür, die beiden VfL-Fanatikerinnen, die irgendwie einen ganz miesen Tag hinter sich haben und meinen, jetzt könne es nur noch besser werden.

Auf der Fahrt nach Dortmund-Bodelschwingh stellt Bärbel fest, dass ich sie eher unangenehm an ihren "Holden" erinnere, und zwar nur weil ich ständig so Sachen sage wie: "Hier ist aber nur achtzig", "Hat der Wagen keine Klimaanlage" oder "Hier ist jetzt Hundertzwanzig, da würde ich mal ein bisschen Gas geben." Das ist alles die Nervosität vor dem Spiel.



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