EM-Kolumne "Goosens Grätsche" DVB-T, oje, oje

So muss Opa im Krieg BBC gehört haben: EM-Kolumnist Frank Goosen ringt mit der kleinen, schwarzen Antenne des Überallfernsehens um seinen Fußballempfang und fühlt sich beim Public Viewing in der Essener Messehalle wie Paris Hilton.

Von Frank Goosen


Mittwochabend - Das erste Spiel des Tages erleben die Kinder wieder im Trikot ihres Stammvereins Arminia Bochum, da sie bis halb sechs Training hatten: Junge Menschen mit schmutzigen, kurzen Hosen sind einfach ein erhebender Anblick – auch wenn sie das Sofa versauen.

Ich selbst installiere während der Halbzeit endlich das Programm, mit dem ich per DVB-T-Antenne auf meinem Laptop fernsehen kann. Das werde ich am Abend noch brauchen.

Fans der deutschen Elf in Bregenz: Der Kick geht den Bach runter
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Portugal macht Spaß. Christiano Ronaldo wird sogar dabei beobachtet, wie er auf einen besser postierten Mitspieler abspielt.

Nach dem Spiel mache ich mich auf den Weg nach Bonn, wo es mal wieder gilt, ein paar Dollars zu machen. Alex M. (der mit dem Kunstrasen in der Garage) arbeitet für ein großes deutsches Mineralölunternehmen, das an diesem Abend einige verdiente Tankstellenpächter im Haus der Geschichte bewirtet, und ich bin die komische Nummer nach dem Hauptgang. Das liest sich jetzt so abfällig, ist aber gar nicht so gemeint. Für die bin ich schon mal aufgetreten und habe die Erfahrung gemacht, dass man in diesem Kreis einen angstfreien Umgang mit kräftigen Worten übt.

Natürlich verpasse ich die erste Halbzeit des Spiels Schweiz-Türkei. Da der Westdeutsche Rundfunk auf UKW für meinen Geschmack zu wenig über das Spiel bringt, wechsele ich auf Mittelwelle, wo "WDR Event" sendet. Hier hat Radiohören noch etwas konsequent Archaisches. Nur mühsam setzen sich Musik und Sprache gegen die aggressiven Störgeräusche und ein trommelfellzersetzendes, hochfrequentes Fiepen durch. Und unter jeder Brücke schwillt die Kakophonie noch mal an. So ungefähr muss mein Uropa im Krieg BBC gehört haben.

Im Bonner Haus der Geschichte wird mir ein Seminarraum als Garderobe zugewiesen – und hier kommt der Laptop mit der DVB-T-Antenne ins Spiel. Ich will mir bis zum Auftritt noch die zweite Halbzeit geben. Nach dem, was ich aus dem Äther-Lärm filtern konnte, soll das Spiel nach heftigen Regenfällen praktisch im Freibad stattfinden. Ich stelle allerdings fest, dass Bonn zwar prinzipiell DVB-T fähig ist, nicht aber der Stadtteil, in dem ich mich befinde. Es hat ja schon was, wenn man diese kleine, schwarze Antenne auf Armeslänge aus dem Fenster hält und die Servicekräfte, die unten im Hof eine Entspannungszichte dampfen, belustigt nach oben schauen und nach einem Sprungtuch rufen. Empfang bringt das aber nicht.

Beim Auftritt geht es natürlich fast ausschließlich um Fußball. Und nachts schaue ich mir zu Hause noch große Teile des frustrierenden Wasserballettes an. Da meine Frau und ich einige Freunde in der Schweiz haben, ich erst kürzlich in Zürich aufgetreten bin und ganz allgemein die Schweiz und speziell Zürich als sehr angenehm empfinde, bin ich schon angemessen enttäuscht, dass "die Eidgenossen" jetzt keine Chance mehr aufs Viertelfinale haben. Vor dem Einschlafen noch ein Stück Toblerone.

Donnerstag - Ursprünglich hatte ich vorgehabt, heute mit einigen Gleichgesinnten das Public Viewing neben der Gelsenkirchener Arena zu besuchen, doch Temperaturen um die 13 Grad und unaufhörlich niedergehender Regen lassen den Besuch einer Freiluftveranstaltung als wenig attraktiv erscheinen.

Wie gut, wenn man Kontakte hat. Thomas Siepmann betreibt als Hobby eine Marketing-Agentur in Essen. Hauptberuflich ist er bekloppt in Sachen Fußball. Er verehrt den Fußball seiner Jugend (siebziger Jahre) und besitzt eine liebevoll eingerichtete Fußballkneipe ( www.11freunde-diebar.de). Außerdem veranstaltet er das Public Viewing in der Messehalle 6 in Essen. Das schlechte Wetter "spielt ihm natürlich in die Karten", wie man heute sagt, aber schon am sonnigen Sonntag hatten sich dort mehr als 5000 Leute versammelt.

Da dies das einzige Deutschland-Spiel ist, das um 18 Uhr beginnt, machen wir daraus einen Familienausflug. "Hast du bemerkt, wie dezent ich mich schwarz-rot-gold kostümiert habe?", fragt meine Frau. Tatsächlich: Sie trägt eine schwarze Hose, ein rotes Oberteil und einen goldenen Armreif. Ich fürchte nur, für den überwiegenden Teil der Menschen, denen wir heute begegnen werden, ist das ein wenig zu dezent. Als Ausgleich malt sie sich die Nationalflagge auf die Wangen.

Schon um kurz nach vier fahren wir los. Na ja, was heißt fahren! Am Ruhrstadion gelangen wir auf die A40, aber dann ist erstmal Schluss. Es geht so was von überhaupt gar nicht weiter, und wenn, dann nur im Schritttempo, so dass das ganze Unternehmen kurz vor der Absage steht. Im Gemeindehaus wird doch auch Fußball geguckt, oder?

Der Doyen der Bochumer Fußballkultur Ben Redelings steht mit seiner Frau im gleichen Stau, nur weiter vorne. Über Mobiletelefon verhandeln wir die Situation. Ich bin streng für Durchhalten. Wer im Ruhrgebiet lebt und eine Fahrzeit von einer Stunde für 18 Kilometer nicht ertragen kann, der soll ins Allgäu ziehen!

Tatsächlich treffen wir erst um viertel nach fünf an der Messe ein. Vor der Grugahalle wartet das Ehepaar Redelings.

Wir dürfen den Eingang für Gäste und Presse benutzen, wo uns Thomas Siepmann abpasst und an der Schlange vorbei geleitet. Ich kriege so ein Paris-Hilton-Gefühl.

Die "EM-Arena" in Halle 6 übertrifft, ehrlich gesagt, alle Erwartungen. 110 qm große Leinwand, Biertische – und ein ViP-Bereich, der es in sich hat. Hier stehen alte Sofas der Marke "Gelsenkirchener Barock" sowie dazu passende Couchtische und Stehlampen. Sensationelles Ambiente! Freie Sicht auf die Leinwand, Bier satt, Currywurstpommesmayo und Snackplatten mit Hackfleischbällchen, Käsewürfeln, Knabberzeug. Das Paris-Hilton-Gefühl verliert sich aufs Angenehmste. Die Kinder ziehen sich die Schuhe aus und toben über die nachgemachten Perserteppiche. Das hier ist die größte Schnittmenge aus Stadiongefühl und Wohnzimmeratmosphäre, die überhaupt möglich ist.

Das Weltklasse-Ambiente hätte ein besseres Spiel verdient als das, was wir zu sehen kriegen. Redelings regt sich auf. Vorsitzender im Christoph-Metzelder-Fanclub wird er nicht mehr. Der Kick geht 1:2 den Bach runter.

Auf der Rückfahrt vermag die A40 wieder mal zu überraschen. Auch um halb neun abends kriegen wir hier einen soliden Fünf-Kilometer-Stau hin, weil kurz vor der Ausfahrt Bochum-Stahlhausen eine Baustelle die rechte Fahrspur blockiert.

Das zweite Spiel (den größten Teil davon) verfolgen wir mit den Redelingsens als Ehepaarabend. Alles ist sehr harmonisch, Österreich erzielt noch den Ausgleich in der Nachspielzeit. "So", sagt Ben R. danach. "Jetzt lass uns gehen, bevor einer Partnertausch vorschlägt." Irgendwie findet meine Frau den Spruch nur halb charmant, aber das ist mir lieber, als wenn sie "Au ja!" gerufen hätte. Was jetzt nicht heißen soll, dass Frau Redelings ...

Schluss jetzt! Konzentrieren wir uns auf das Wesentliche. Das nächste Spiel hat immer 90 Minuten. Nur die Zeit bis dahin kommt einem immer so lang vor.



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