EM-Kolumne "Goosens Grätsche" Jack White hat's falsch verstanden

Das Jubeln fällt Frank Goosen gar nicht so leicht, selbst bei sensationellen Toren gegen Portugal - was aber nur am allzu bequemen Sitzmöbel liegt. Der Last-Minute-Sieg der Türken über Kroatien dagegen treibt seinen Erstgeborenen sogar zu Extrarunden um den XXL-Esstisch.


Warum ist so wenig Zuversicht im Menschen? Jedenfalls im deutschen? Um mich herum sind Donnerstagnachmittag fast alle der Überzeugung, dass Deutschland gegen Portugal rausfliegt. Ich nehme aus Prinzip eine gegenläufige Haltung ein, damit ich hinterher brüllen kann: "Ich hab es ja gleich gesagt! Defätistenpack!"

Grillwurst: Ein, zwei, Bierchen, dann mal ein Wasser?
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Grillwurst: Ein, zwei, Bierchen, dann mal ein Wasser?

Heute sind wir beim Bootsmann in Witten eingeladen, der auf seiner überdachten Terrasse für uns grillen will. Ich überlege, mal ausnahmsweise selbst mit dem Wagen zu fahren. Ein, zwei Bierchen, dann Wasser oder Schorle. Ist doch viel gesünder! Irgendwer lacht mich aus. Oh, ich bin es selbst! Soll ich mir ein Taxi gönnen? Meine Frau bestechen, dass sie mich hinfährt?

Manchmal ist es am besten, gar nichts zu tun, dann fällt einem die Lösung in den Schoß. Kurz nach sechs meldet sich die Schloss-Bodelschwingh-Corinna (die eigentlich ganz anders heißt, Sie erinnern sich?) und fragt, ob sie mich mitnehmen soll, sie sei gerade in Bochum in der Innenstadt. Gegen halb acht kommen wir beim Bootsmann an, der schon die Würstchen auf dem Grill wendet.

Die anderen sind bereits da, Scotty mit kompletter Familie. Die Tochter des Bootsmanns malt mir mit Wasserfarben Schwarz-Rot-Gold auf die Wange. Von der Gästetoilette hat man übrigens einen zauberhaften Blick übers Ruhrtal auf den Kemnader Stausee. Mittig stört nur ein großer Baum, aber Bäume werden ohnehin überschätzt.

Aysnchroner Jubel, defätistische Jugend von heute

Das Spiel sehen wir in zwei Gruppen. Die Frischluftfanatiker verharren auf der Terrasse vor dem kleinen Fernseher mit DVB-T (schon wieder!). Wir anderen verziehen uns ins Wohnzimmer. Scotty hat wieder seinen Deutschland-Stuhl mitgebracht. Babs, Bärbel und Corinna Bodelschwingh hocken sich auf den Boden, weil das irgendwie ursprünglich und jung wirkt, während ich mich in einem unfassbar bequemen Ledersessel vor dem großen Fachbildschirm (Sat-Antenne) niederlasse.

Noch bei den Hymnen stellen wir fest, dass die beiden Fernseher nicht synchron empfangen. Drei bis vier Sekunden sind wir denen draußen voraus. Das heißt, wir jubeln schon über Schweinsteigers einsnull, während auf der Terrasse noch der Flankenlauf von Podolski bewundert wird. Im Laufe des Spiels wird das richtig lustig, vor allem, wenn wir eine zu flach hereinfliegende Ecke wie ein Tor beschreien, was die Terrassenfraktion irgendwann schier in den Wahnsinn treibt.

Das Jubeln fällt mir übrigens nicht ganz so leicht, weil ich kaum aus diesem unfassbar bequemen Sessel herauskomme.

Ab der siebzigsten Minute brummt Scotty in seiner "So-hören-sich-Sieger-an"-Stimme: "Der Drops ist gelutscht! Da passiert nix mehr." Der sechzehnjährige Sohn vom Bootsmann wird schier wahnsinnig darüber und sieht sich durch das 2:3-Anschlusstor der Portugiesen bestätigt. Es ist wenig Vertrauen in der Jugend, die bis zum Schlusspfiff die Kassandra gibt und noch danach nicht ganz sicher ist, ob die Uefa nicht irgendeinen Grund findet, das Spiel zu annullieren. Die Sorge ist durchaus berechtigt, hat man doch unseren Bundestrainer, den noch niemand als Stimmungskanone beschimpft hat, wegen zu heftigen Ausatmens im Österreichspiel für dieses Match in einen Glaskäfig ganz oben auf der Tribüne verbannt. Permanent von Kameras beobachtet, lässt Joachim Löw sich beim Rauchen erwischen. Immerhin spürt er hier nicht den stammelnden Atem von Boris Becker im Nacken.

Bevor Gräfin Bodelschwingh mich freundlicherweise nach Hause fährt, brüllen ich noch in die Runde: "Ich habe es doch gleich gesagt! Defätistenpack!" Am Freitagnachmittag besorge ich mir im Elektronikgroßhandel die neuen CDs von Paul Weller und Aimee Mann und lasse meine Gedanken zum Thema Musik und Fußball schweifen. Da gibt es ja nicht so viel Schönes. Die Silberscheiben mit den eilig zusammengehauenen Party-Mixen sollte man höchstens als Untersetzer benutzen und gegen von offizieller Seite in Auftrag gegebene Harmlosliedchen wie "Fieber" von Christiane Stürmer spricht schon, dass meine Omma die auch ganz nett findet.

Stadionrock gehört nicht ins Stadion

Umso erstaunlicher, dass es ein cooler Kracher wie "Seven Nation Army" von den White Stripes in die Stadien der EM geschafft hat. Andererseits beruhigt es auch wieder. Kitschiger Bombast-Dreck gehört nicht ins Stadion, sondern in die Mülltonne. Und tatsächlich sind Nationalmannschaften mittlerweile aus bis zu sieben Nationen zusammengesetzt. Der türkische Spieler Kazim ist in England geboren, spricht kein Türkisch und betritt das Land, für das er spielt, praktisch nur für Heimspiele.

Angeblich hat Jack White übrigens als Kind den Begriff "Salvation Army" (Heilsarmee) immer falsch verstanden, nämlich als "Seven Nation Army". Ein Fall für Axel Hacke.

Na ja, jedenfalls passen die ersten Zeilen der Nummer zum Fußball: "I’m gonna fight em off / A seven nation army couldn’nt hold me back." Der FC St.Pauli hat sein Monopol auf coole Stadionmusik verloren, auch wenn das Ding demnächst von Burghausen bis Bremen überall gespielt werden und damit wieder extrem uncool sein wird.

Am Freitagabend versammelt sich dann wieder die komplette Familie vor dem heimischen Fernseher. Die Finalspiele dürfen die Kinder jetzt komplett gucken. Es wäre auch zu brutal, vor dem Elfmeterschießen zu sagen: "So jetzt aber ab ins Bett!" Nur ist das Spiel der Kroaten gegen die Türken leider sterbenslangweilig. Keine Tore, keine spektakulären Fouls. Eigentlich sollte man die ganze Zeit nur den türkischen Trainer anschauen, der auch bei den "Sopranos" nicht auffallen würde.

Kroaten vegeigen das Elfmeterschießen geradezu englisch

Immerhin lässt die Uefa ihn und den ebenfalls sehr agilen kroatischen Trainer Slaven Bilic weitgehend gewähren. Gehässige Einwände wie: "Wenn die den Jogi auf die Tribüne geschickt haben, dann gehören die beiden ja wohl in den Knast!" sollte man unterlassen. Man kann nicht ein Unrecht mit einem anderen tilgen. Genau solche Typen wie Terim und Bilic will ich sehen! Fußball ist schon der einzige Bereich, wo Männer Gefühle zeigen können, dann lasst sie doch auch! Die angetraute Mitbewohnerin dämmert in der Verlängerung einfach weg, der Zweitgeborene hält die Augen mühevoll offen, nur der Thronfolger zeigt keinerlei Ermüdungserscheinungen.

Beim Einsnull durch Klasnic nach hundertneunzehn Minuten fallen wir zu zweit vom Sofa, und als drei Sekunden vor Ablauf der Nachspielzeit Semih doch noch ausgleicht, rennt der Thronfolger drei Runden um den immerhin drei Meter langen Esstisch. Nicht zu fassen! Dieser Semih wird in keinem Café in der Türkei jemals wieder einen Mokka bezahlen müssen – zu Recht.

Die Kroaten sind so von der Rolle, dass sie das Elfmeterschießen geradezu englisch vergeigen.

Entlang der Herner Straße in Bochum leben nicht wenige türkische Mitbürger. Was von dort durch die Nacht herüberweht, klingt schon nicht mehr nach einem Autokorso, denn das impliziert Bewegung. Es wird einfach eine lange, durchgehende Blechschlange sein. Rush-Hour um Mitternacht. Und am Mittwoch, beim Halbfinale Deutschland-Türkei wird man das, was hier im Ruhrgebiet los sein wird, auf der Richterskala ablesen können.



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