EM-Kolumne "Goosens Grätsche" Mein Quickie mit Ingolf Lück

Die Schweiz hat trotz EM-Aus was zu bieten, findet Frank Goosen: "Tschutti Heftli". Sein Debüt als TV-Komiker lief dafür nicht so gut, weil er über rumänische Kinderarbeiter statt halbnackte Schwedinnen witzelte. Aber was ist Comedy sonst als eine dreckiger Quickie?


Wer glaubt, das Sammeln von Fußballbildchen sei eine Narretei, die Kindern vorbehalten ist, der irrt. Auf Tauschbörsen und an dunklen Straßenecken findet man nicht wenige Väter in den Vierzigern, die Luca Tonis und Stani Sestaks feilbieten. Ein wenig plagt sie alle aber auch ein schlechtes Gewissen. Eigentlich ist es Kinderkram und vor allem Geldschneiderei. Wie es der Monopolist Panini schafft, bei einem Turnier mit sechzehn Mannschaften bestehend aus je 23 Spielern ein Album mit fünfhundertfünfunddreißig Bildern zusammenzuhauen, das grenzt schon an Frechheit. Aber die Kinder sind natürlich begeistert, lernen fremde Namen und Flaggen und erledigen selbst schwierigste Aufgaben im Haushalt freudig, wenn man ihnen nur ein Tütchen verspricht.

Für kulturbeflissene Erwachsene, die das ablehnen, dennoch aber gern dem Kind in sich freien Lauf lassen, gibt es nun "Tschutti Heftli" aus der Schweiz. Das kommt mit etwas über zweihundert Bildern aus, und jede Mannschaft ist von einem anderen Künstler, einer anderen Künstlerin, überwiegend aus der Schweiz, gestaltet. Bildende Kunst und Fußball, Nahrung für den Geist und lustvolles Abtauchen in die Kindheit – Bildungsbürgerherz, was willst du mehr!

In Deutschland gibt es das nur im Fußballshop "Der Geist von Malente" in Bochum, und es treibt Leute zum Sammeln und Tauschen, die damit schon längst abgeschlossen hatten.

Als ich am Freitagabend zum Spiel Italien-Rumänien in der Bochumer Gaststätte "Freibeuter" ankomme, finde ich auf dem gleich an der Leinwand reservierten Tisch zwei Dinge vor: Eine Packung Zwieback, welche den Wirt Jens Feddersen als aufmerksamen Leser dieser Kolumne outet. Nette Geste, auch wenn die eingangs beschriebenen Magen/Darm-Beschwerden mittlerweile überwunden sind. Außerdem hockt dort schon der Fußballkulturaufseher Ben Redelings mit "Tschutti Heftli" und einem ganzen Stapel Doppelter. Noch vor Spielbeginn stößt der Journalist Ralf P. hinzu, der ebenfalls dem Sammelwahn verfallen ist. Ganz entspannt wird getauscht. Bald bildet sich eine Traube Flaschenbier trinkender Mittzwanziger um uns herum, die noch keine Kinder haben, aber dringend einen Grund zum Bildersammeln suchen. Jetzt haben sie ihn gefunden.

Zweites Thema in der Runde ist mein morgiger Auftritt in der ZDF-Comedy-Sendung "Nachgetreten". P. hatte bereits in einem regionalen Presseorgan die Aktion "Rettet Frank Goosen" ins Leben gerufen, da die Sendung meiner nicht würdig wäre. Oder ich ihrer nicht, je nachdem. Ich bin selbst skeptisch, nicht zuletzt, weil ich noch nie in einem "Panel" gesessen und gerade erst fabrizierte Gags vom Stapel gelassen habe.

Auch das spontane, lustige Kommentieren witziger Spielszenen ist Neuland für mich. Die Sendung, die ich vorab gesehen habe, war jetzt nicht, sagen wir mal, durchgängig zum Weglachen. Hingehen werde ich aber auf jeden Fall. Auf öffentlichen Druck hin einknicken geht ja nun gar nicht, intellektueller Dünkel gegenüber Fernsehcomedy hat immer etwas Geschmäcklerisches und außerdem sollte man auch im Alter immer offen sein für neue Erfahrungen.

Immerhin macht sich die Runde ernsthafte Gedanken, welche Knallerspäße ich da abschießen könnte. Wirt Jens steuert einen bei, den ich in die engere Wahl nehme: Was ist der Unterschied zwischen den Italienern und den Rumänen? Die Rumänen kennen die Kinder, die ihre Trikots zusammengenäht haben, persönlich.

Die Italiener vermögen die Rumänen nicht zu knacken. Im Gegenteil. Kurz vor Schluss vergibt Mutu noch einen Elfer, der die "Azzuri" direkt nach Hause geschickt hätte.

"Der Arsch, den keiner kennt"

Das zweite Spiel wieder mit den Kindern, die am morgigen Samstag ausschlafen können, auf dem Sofa. Die Niederländer walzen Frankreich 4:1 weg. Zaubertor von Robben. Wer soll die stobben? Ich bereite mich offenbar innerlich schon auf die Sendung morgen vor.

Am nächsten Tag verfahre ich mich in dem Kölner Gewerbegebiet, wo "Nachgetreten" aufgezeichnet wird, gründlich. Das Tolle am Fernsehen aber ist: Man kommt zu spät, und wird trotzdem von einer netten Assistentin freundlich angelächelt.

Man verbringt mich in einen Raum, in dem fünf andere Komiker, nämlich Ingolf Lück, Mike Krüger, Oliver Welke, Guido Cantz und Elton zusammen mit einem halben Dutzend Autoren hocken und sich Ausschnitte der gestrigen Spiele ansehen.

Ich fühle mich wie "der Arsch, den keiner kennt, und der auch noch zu spät kommt". Tief verunsichert will mir einfach nichts Witziges zu den gestrigen Spielen einfallen. Man bemüht sich liebevoll, den tapsigen Novizen einzubinden. Ich kriege den Schnipsel ab, in dem die niederländischen Spieler ihre Kinder übers Feld tragen: Spielen einen Hammer-Fußball und fruchtbar sind sie auch noch! Jetzt sind sie noch klein und niedlich, aber später hauen sie meine Kinder weg im Endspiel 2026!

Schon interessant, wie hier Humor produziert wird: Alles geht. Der größte Schwachsinn darf in die Luft geblasen werden, und dann biegt man es sich unter Mithilfe aller zurecht. Ich bin ob der ungewohnten Situation nicht locker, deshalb traue ich mir Schwachsinn nicht zu. Immerhin kriege ich Jensens Rumänen-Witz durch.

Cantz kann's

Später sehen wir gemeinsam Schweden-Spanien und Griechenland-Russland. Zwischendurch verziehen sich die einzelnen Beteiligten in ihre Garderoben, wo ebenfalls Fernseher stehen, und frickeln an ihren Texten. Die Autoren der Sendung nehmen mich an die Hand und gehen mit mir meine Sachen durch. Man ist bereit, buchstäblich alles zu tun, damit ich mich besser fühle. Es funktioniert.

Wie gesagt, arrogantes Einteufeln auf Fernsehcomedy lehne ich ab. Unterhaltung ist etwas Flüchtiges, nur im Moment Existierendes. Und, verdammte Kacke, wenn ein Spieler sich bei der Ecke bückt, und der Linienrichter dahinter aussieht, als würde er dem Spieler am Hinterteil herumfuhrwerken – den KANN man sich einfach nicht entgehen lassen! Den Spaß mit den gegensätzlichen Bildern von leicht bekleideten, schmerzhaft attraktiven Schwedinnen und zwei spanischen Männern in Frauenkleidern zieht sich Mike Krüger an Land. Den hätte ich auch gerne gehabt.

Das Studiopublikum bei der Live-Sendung erweist sich als besonders, nun ja, lebhaft. Ich entdecke zwei Jungs in VfL-Bochum-Trikots und zeige ihnen den Daumen. Cantz, Krüger und Elton könnten mit den griechischen Fans auf der vom Panel aus gesehen rechten Tribüne sofort in Urlaub fahren. Sprechchöre wie im Stadion. Meine Hände sind kalt und blutleer.

Ich komme durch. Diese Panel-Geschichte muss man schon können. Das permanente Interagieren hat etwas Aufgekratztes, aber anders würde es nicht funktionieren. Und Cantz kann’s. (Muss man bringen, oder? Gibt es jetzt bei der nächsten Roman-Lesung auf die Mütze, weil ich mich an einen Comedian rangeschleimt habe?)

Lück als Moderator hilft mir ein bisschen mehr als den anderen, indem er mich öfter mal anspricht (meine Späße "abruft", wie das hier heißt), weil ich vorher habe durchblicken lassen, dass ich fürchte, mit der Reihenfolge durcheinander zu kommen. Die Vorlage, ich hätte ja schon einige Fußballbücher geschrieben, kann ich nicht so richtig verwandeln. Ich könnte/sollte Lück hops nehmen und anfrotzeln, dass er offenbar nicht gut vorbereitet sei (das tun dann die anderen), mache das aber nur beiläufig. Auch als ich gefragt werde, wann mein Fußballbuch komme und wie es heiße, gehe ich fast ein wenig drüber hinweg, weil ich denke, wir müssen doch mit dem Material durchkommen.

Aber das ist natürlich Quatsch. Am Ende haben wir nur etwas mehr als die Hälfte dessen, was wir vorbereitet haben, in die fünfundvierzig Minuten gekriegt. Das ist jedoch wurscht. Es geht hier darum, eine Dreiviertelstunde die Nebensache Unterhaltung zu produzieren. Wenn man noch mal unter Gürtellinie gehen möchte: Es geht nicht um einen romantischen Akt mit Vorspeise, Hauptgang und Nachtisch, sondern eine schnelle Nummer in einer dunklen Toreinfahrt. Die aber auch Spaß machen kann.



insgesamt 12 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
jokl, 15.06.2008
1. Comedy???
Das was Lück, Krüger und Co. seit Jahren machen ist einiges, aber mit Sicherheit nicht witzig oder unterhaltend. Vorteilhaft ist allerdings das man die Sendung nur umbennen braucht in die 10 schäbigsten deutschen, dann wären 75% schonmal anwesend! Die wirklich guten Künstler sieht man zum Glück nicht in solchen "Sendungen" und es ist schon ne riesen Sauerei dass das ZDF auf diese ganzen RTL-Leichen zurückgreift. Da hat selbst Waldi Weltklasse!!
ornelsio 15.06.2008
2. Äh....
irgendwie merkwürdig eine forumsdiskussion um diesen artikel zu eröffnen. aber als ehemaliger bochumer freu ich mich was über diesen supermenschen goosen sagen zu dürfen. seine bücher sind total scheisse und geklaut. ich durfte den kerl mal bei bochum total erleben und war mit freude dabei als die zuschauer ihn nach 1 minute von der bühne buhten. tresenlesen lebte sowieso nur von malmsheimer. leider hat der typ so was von keine selbstwahrnehmung was seine "kunst" angeht so das er uns wohl noch ein weilchen quälen wird. naja
aqualung 15.06.2008
3. Frank ...who
Goosen kenn' ich nicht, dieses "Nachgetreten"-Dingens hab' ich mir am 1. Spieltag angetan und dann nicht mehr - absolut unterirdisch. Wenn das für Goosen 'n Quickie in der Hofeinfahrt war - ich halt das Ganze eher für 'ne verunglückte Nummer mit 'ner Gummipuppe auf'm Fakirbrett. Mannomann, der Stoff ist ja höchst infektiös. Wäre übrigens 'ne nette Aktion von SPON, mal 'nen Thread über die TV-Berichterstattung zur EM 08 aufzulegen. Wäre bestimmt lustig !
greenhawk 15.06.2008
4. In Leere gegrätscht ...
Ein gewissen Arroganz muss man als Kolumnenschreiber ja schon an den Tag legen. Aber die Art der Selbstdarstellung provoziert bei mir eher Desinteresse als besondere Spannung. Auch wenn diese Comedy-Panel-Sendungen oftmals nicht gerade geistreiche Unterhaltung bietet, sollte man nicht von einem hohen Ross darüber urteilen. Wenigstens konnte der Autor durch den Selbstversuch etwas Verständnis für die Arbeit der Berufskomiker erlangen. Hätte aber lieber eine vernünftig geschriebene Spiegel-Reportage über die Arbeit hinter den Kulissen gelesen als dieses selbstverliebte Gesülze.
hanjo136 15.06.2008
5. Nachgetreten
Wer zu Lück geht und weiß, dass dort andere "Geistreiche" sitzen, der geht nicht dorthin, wenn er halbwegs bei Verstand ist. Warum ist Goosen nach den Tiraden des "Hasspredigers" Elton nicht entweder entschieden eingeschritten oder gegangen ? Mitgehangen, mitgefangen. Aus der Kiste kommt er nicht mehr raus. Wer auf dämlichst-dümmlichstem Niveau mitmacht, gehört dazu.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.