EM-Stimmung Zum Spielen keine Zeit

Mieses Wetter statt Fanmeilen-Jubel, Brexit-Schock statt Sommermärchen - und in den Stadien Nummer sicher: Die Fußball-EM schaffte es nicht, das Land in Euphorie zu versetzen. Kein Wunder.

Bangende Fußballfans in Hamburg
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Bangende Fußballfans in Hamburg

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Schon Urlaub gebucht? Island böte sich an. Klima eher rau, aber sonst alles schön übersichtlich: Wenig Einwohner, kaum Zuwanderung, man hat seine Ruhe, abgesehen von ein paar Vulkanen und heißen Quellen. So stellt man es sich als Mitteleuropäer jedenfalls vor.

Kein Wunder, dass die Isländer, diese unwahrscheinlichen und beherzten Viertelfinalisten bei der EM in Frankreich, noch am ehesten das Potenzial hatten, für Begeisterung und Euphorie zu sorgen. Die Männer von der Insel wirkten entspannt, sie hätten ja selbst am wenigsten damit gerechnet, so weit zu kommen. Das machte sie lockerer als ihre Konkurrenten, die sich ein vielleicht zu strenges Technokratiekonzept verordnet hatten, um zu gewinnen. Der kopfgesteuerte, durchkontrollierte Mannschaftsfußball, bilanzierten die Kollegen aus dem Sport, hat am Ende niemanden so richtig für dieses Turnier erwärmen können.

Die Isländer konnten sich etwas erlauben, was dieser EM über weite Strecken fehlte: Sie konnten spielen im eigentlichen Sinne. Spielen, das heißt, auch mal ein Risiko einzugehen, sich ins Spiel fallen zu lassen, sich mitreißen zu lassen von seiner Dynamik, alles um einen herum zu vergessen. Bei den Isländern wirkte plötzlich alles ganz einfach, vom Einwurf übers halbe Spielfeld bis zum ansteckend simplen Klatschritual. Für ihre Stadion-Euphorie brauchten sie keine Nationalhymne, keine elaborierten Fangesänge, ihnen reichte ein "Huh!".

Zusammenzucken am Fernseher

Gerade als Deutscher sehnt man sich nach so viel Unkompliziertheit. Auch deutsche Fans haben einen ähnlich kurzen und prägnanten Schlachtruf, aber wenn aus tausend Kehlen "Sieg" durchs Stadion hallt, wirds einem nicht warm ums Herz, sondern es fährt einem kalt durch Mark und Bein.

Nein, ansteckend war diese EM wahrlich nicht, auch wenn die deutsche Mannschaft gut gespielt hat. Die Anstrengung war den Spielern in jeder Partie von den Gesichtern abzulesen, nicht nur beim Angstgegner Italien. Kaum ein Lächeln, kaum sichtbare Spielfreude, zu sehr waren die bis zur Erschöpfung austrainierten Spieler damit beschäftigt, beim rabiat-rasanten Rasenschach keine Fehler zu machen.

Vielleicht übertrug sich diese Anspannung ganz unwillkürlich auf das Publikum. Nicht nur wegen der zeitweise eher herben Temperaturen konnte von Sommermärchen keine Rede sein. Hooligans aus Russland, England und auch Deutschland sorgten mit hässlichen Szenen und Reichskriegsflaggen gleich zu Beginn des Turniers für Ernüchterung. Den Fanmeilen fehlte Zulauf, die Flaggendichte an Balkonen und Fahrzeugen blieb gering - und Autokorsos? Machten am Tag des - gewonnenen - Deutschlandspiels gegen Nordirland in Kreuzberg nur die Türken und Kroaten.

Grundrauschen an Katastrophenmeldungen

Das lag nicht nur daran, dass man in Zeiten von grassierendem Rechtspopulismus und Neonazi-Angriffen auf Flüchtlingsheime und Politiker nicht unbeschwert und partypatriotisch mit schwarz-rot-goldenen Symbolen hantieren mag. Es liegt wohl vor allem daran, dass wir in einer Zeit leben, in der nichts so richtig unbeschwert erscheint und kaum noch etwas übersichtlich ist.

Noch nicht einmal die EM selbst war es, mit ihrer aufgepumpten Teilnehmerzahl und der verwirrenden Vorrundenlogik. Und wann immer in einem der Stadien ein Knall ertönte, weil es einem Idioten doch irgendwie gelungen war, einen Böller hineinzuschmuggeln, zuckte man selbst am Fernseher zusammen. Flitzer, Fangewühle und Feuerwerk? In normalen Zeiten vielleicht noch als Jux und Tollerei verbuchbar. In Zeiten des Terrors aber, zumal in Frankreich nach dem Trauma des 13. Novembers, eine verkrampfende Erinnerung daran, dass Sicherheit immer mehr zur Illusion wird. Wer kann, wer soll sich dabei noch entspannen?

Hinzu kommt ein Grundrauschen an Katastrophenmeldungen, das selbst der phlegmatischste Eskapismuskünstler nicht mehr ignorieren kann. Ob Anschläge in der Türkei und im Irak, Polizeigewalt in den USA oder das Brexit-Debakel der britischen Politik: Das aus den Achtzigern und Neunzigern auf wundersame Weise herübergerettete bundesdeutsche Lebensgefühl der Stabilität weicht möglicherweise erst jetzt einem Bewusstsein für die Unruhe, die im Rest der Welt schon seit längerer Zeit herrscht.

Da fällt es dann schwer, sich an den Arbeitssiegen der Fußballteams zu berauschen, die letztlich ja auch nur bestrebt sind, Waden, Knie und Kondition zu schonen, für das, was noch kommt: Das nächste Match, die nächste Ligasaison, das nächste Turnier - all das wird eher nicht leichter, aber ganz sicher härter. Zum Loslassen und unbeschwerten Spielen bleibt da gerade nicht viel Zeit.

Isländer müsste man sein.

Zum Autor
Jeannette Corbeau
Andreas Borcholte ist Autor mit Sitz im Hauptstadtbüro von SPIEGEL ONLINE.

E-Mail: Andreas_Borcholte@spiegel.de

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insgesamt 30 Beiträge
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Seite 1
joes.world 11.07.2016
1. Nicht Europameister zu sein, hat auch Vorteile.
Man kann sich nicht länger damit ablenken, was andere primär für sich gemacht haben. Nämlich ein Turnier zu gewinnen. Und so kann man sich, als Franzose, Deutscher, Engländer so wie so, nicht weiter betäuben lassen. Sondern muss den Blick heben, will den Blick heben; weg vom Fußball, der als Narkotikum nicht mehr taugt. Und das ist ja auch gut. Denn dann können wir unsere Politiker ausgenüchtert betrachten. Und entdecken so schneller ihre Fehler und ihre Versuche die zu verschleiern. Wir kommen ihnen leichter auf die Schliche, um in der Fußballsprache zu bleiben, wenn sie ihre versteckten Fouls uns gegenüber spielen. Weil wir nichts mehr zum Ablenken haben. Also Tschüss EM. Und willkommen der ganze Ärger mit TTIP, einer Kommission die immer mehr Selbstzweck wird und sich von uns Bürgern immer mehr ins Abseits gespielt hat. Jetzt sind wir die Schiedsrichter! Und einige Typen brauchen schon seit längerem die rote Karte. Wir sollten da endlich ein paar vom Feld stellen.
nbrunsch 11.07.2016
2. Was will uns
der junge Mann damit sagen ?
knok 11.07.2016
3. Gute Analyse
Aber ich würde das alles nicht so pessimistisch sehen. Diese EM war alles in allem ein friedliches und fröhliches Fußballfest, und ein Zeichen gegen Terrorismus, Gewalt und Intoleranz. Und dass es eine der europafreundlichsten Nationen, eines der wenigen Länder in welchen dumpfer Populismus und Fremdenhass kaum eine Chance haben, zum Titel gebracht hat, freut mich. Es ist eben nicht alles schlecht, auch wenn die Probleme natürlich nicht aus der Welt sind. Dennoch war die EM eine würdige Antwort der freien Gesellschaft Europas auf die Katastrophe des 13.11.
wutbürger2010 11.07.2016
4. Mieses Wetter statt Fanmeilen-Jubel, huch ?
Ich glaube, dass Journalisten manchmal so schreiben müssen, vor allem, wenn sie keinen Spaß am Fußball haben. Die EM hat den Fans doch Spaß gemacht. Es waren doch teils tolle Spiele. Und die deutsche Nationalmannschaft hat bei den Fans für so manchen schönen Abend gesorgt. Da ging es in den Kneipen, auf den Straßen und in den Häusern ab, bis zu fast 30 millionenfach gegen Italien. Dieses Spiel war mit dem dramatischen Elfmeterschießen DAS Highlight dieser EM. Warum waren denn die Fans aus Irland, Island, Frankreich, England, Schweden etc. so aus dem Häuschen ? Und nach der Niederlage hat man sich gegenseitig getröstet. Deutschland kann ja nicht immer gewinnen.
Putin-Troll 11.07.2016
5. Nicht immer von sich auf andere schließen
---Zitat--- aber wenn aus tausend Kehlen "Sieg" durchs Stadion hallt, wirds einem nicht warm ums Herz, sondern es fährt einem kalt durch Mark und Bein. ---Zitatende--- Ist das so? Warum? Ich fand die EM zwar auch eher langweilig, das lag aber nicht an der Nachrichtenlage, sondern an der langen Vorrunde, den wenigen Top-Begegnungen und dem doch sehr defensiven Fußball. Und bei geschätzen 40.000 Toten im Jahr durch Luftverscmutzung (Stichwort: Diesel) mache ich mir nun wirklich keinen Kopf, wenn mal irgendwo 30 Menschen bei einem Terroranschlag sterben...
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