"Emma" und die Karikaturendebatte Desolat

Wer dachte, die Debatte um Franziska Beckers Karikaturen sei problematisch, sollte in die aktuelle "Emma" schauen. Dort zeigt Alice Schwarzer, wie bodenlos man mit einem Kritiker umgehen kann.

Alice Schwarzer
Boris Roessler/ DPA

Alice Schwarzer

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Über Auszeichnungen sollte frau sich im Hause "Emma" zurzeit besser nicht freuen. Schon die Verleihung der Hedwig-Dohm-Urkunde an Franziska Becker hat gezeigt, dass die Stamm-Karikaturistin des feministischen Magazins von der Komplexität der Diskussion über ihre Zeichnungen überfordert war.

Den Vorwurf, dass sie rassistisch unterfütterte Vorurteile gegen Muslime und vor allem Musliminnen befördere, entsubstanzialisierte sie mit Ignoranz. Religion, so Becker in Interviews, interessiere sie nicht (was man aufgrund ihrer Gleichsetzung von Islam mit politischem Islamismus als leider zutreffend registrieren muss).

Außerdem wunderte sie sich, dass der Fokus jetzt auf ihren Karikaturen mit Islam-Bezug liegt: Sie werde doch für ihr Lebenswerk ausgezeichnet. Zudem seien die Zeichnungen alt (als wenn das deren Kritikwürdigkeit aussetzen würde). Gleichwohl bestätigte sie im SPIEGEL (lesen Sie hier das Interview) , dass sie die Karikaturen genauso wieder zeichnen würde, es also doch um ihre aktuelle Haltung geht.

Bei so wenig Überblick über die sie selbst betreffende Diskussion wundert es auch nicht, dass Becker keine Begriffe für ihre Kritikerinnen hat und zum Beispiel nicht zur Kenntnis nimmt, dass es mehrheitlich Frauen waren, die die Debatte ins Rollen gebracht haben. "Irgendjemand", so Becker im Interview mit "Cicero Online", wolle verhindern, dass die Hedwig-Dohm-Urkunde an sie übergeben werde. Wer das sei, fragt "Cicero Online" nach. "So politisch korrekte oder auch ideologisch verbohrte Leute", antwortet Becker, die ein Interesse daran hätten, "Diskussionen zu ersticken".

"Nicht im Blick gehabt"

Welche Diskussionen Becker selbst mit ihren aktuellen Statements zulässt, gutheißt oder gar befördert, ist dabei nicht leicht zu erkennen. Genauso auch die Diskussionen, die die Karikaturen zum Zeitpunkt ihrer Veröffentlichung ausgelöst haben. Neben einigem Gemurre von kritischen "Emma"-Leserinnen über fehlende Differenzierung gab es die nämlich nicht: Schon lange setzt das Magazin keine Themen oder Tonalitäten mehr. Und wie hatte der Journalistinnenbund, Stifterin der Hedwig-Dohm-Urkunde, schon beim Aufbranden der Diskussion eingestanden? Man habe die inkriminierten Zeichnungen "nicht im Blick gehabt".

Man kann die fehlende Resonanz der "Emma" auch als Gnade verstehen, denn wer in die aktuelle Ausgabe schaut, dem zeigt sich das Magazin in desolatem Zustand. Unter die Rubriken "Menschen", "Pionierinnen", "Frauen mit Leidenschaften" oder "Frauen & Männer" hat sich mittlerweile die Rubrik "Alice Schwarzer & die Antirassisten" gemischt. In diesem Heftteil schildert Schwarzer persönlich ihre Konfrontationen mit "selbst ernannten 'Anti-Rassistinnen' und 'intersektionellen Feministinnen'".

Von solchen Konfrontationen gibt es mittlerweile so viele, dass sie quantitativ eine Berichterstattung durchaus rechtfertigen. Qualitativ gesehen ist diese Art der Reportage gleichwohl fragwürdig, da sie qua Autorin nicht ausgewogen sein kann. Versteht man "Emma" aber nicht als Produkt einer eigenständigen Redaktion, sondern mehr als eine Art Personality-Magazin im Stile von "Barbara", "JWD" oder "Boa", kann das noch einigermaßen klargehen - auch wenn im aktuellen Heft eine Quellenangabe schön gewesen wäre, wer wo in Frankreich genau geschrieben hat, dass Schwarzers neuestes Buch "Meine algerische Familie" das "erste Buch über Algerien heute" sei.

Anzeige wegen Anfassen?

Oder wenn jemand angemerkt hätte, dass bei der Frankfurter Konferenz "Das islamische Kopftuch - Symbol der Würde oder der Unterdrückung?" womöglich nicht "erstmals" "an einer deutschen Universität öffentlich zwischen 'Islam' und 'Islamismus', zwischen Glauben und Ideologie" unterschieden wurde, wie Schwarzer schreibt, sondern es da schon einige Präzedenzfälle gegeben hat.

Nimmt man alle Unwägbarkeiten und Ungenauigkeiten eines solch radikal personalisierten Schreibens in Kauf, bleibt dennoch inakzeptabel, was Schwarzer über einen ihrer Kritiker schreibt. Als "Anstifter aus der 3. Reihe" stellt sie in einem Zusatzkasten den Aktivisten Zuher Jazmati vor. Jazmati gehörte zu den lautstarken Kritikern der besagten Frankfurter Konferenz und initiierte eine Gegendemo, die auch Schwarzer im Umfeld der Konferenz besuchte.

Bei dieser Demonstration kam es zu einem Vorfall, bei dem Schwarzer im Gespräch mit einer kopftuchtragenden Demonstrantin dieser an den Arm fasste. "Wie können Sie es wagen, mich ohne Erlaubnis anzufassen?", empörte sich die Frau und drohte mit einer Anzeige. "Ich dachte, nur ein Mann dürfe Sie nicht anfassen", antwortete Schwarzer.

Von der Szene gibt es verschiedene Videos. Auf manchen (siehe oben) ist Jazmati am Rande der wild diskutierenden Gruppe zu erkennen. Wie viele der anwesenden Männer hält er sich im Hintergrund und lässt vorrangig die Frauen diskutieren, und wie viele der Anwesenden hat er sich eine Kapuze zum Schutz vor Regen übergezogen, andere tragen Regenschirme. Zu einem Bild in Schwarzers Artikel von der besagten Szene steht jedoch, Jazmati verstecke sich in der dritten Reihe. "Während die Frauen ihr Gesicht zeigen, verbirgt er das seine unter einer Kapuze", schreibt Schwarzer.

"Hoher Ort der islamistischen Propagandaschulung"

Es ist nicht die einzige raunende Formulierung in Schwarzers Text, aber eine der harmloseren. "Zuher ist 'Programmdirektor' des Campaign Boostcamp, der sein Mutterhaus in London hat. Wer dahintersteckt, ist nicht herauszufinden", schreibt Schwarzer des Weiteren. Man muss die Aktivitäten von "Campaign Boostcamp" und dessen Trägerin, der Campaign Academy Ltd, nicht gutheißen, um zu befinden: Wer dahintersteckt, ist im Internet gut ersichtlich.

Diese leichte Online-Recherche hat Schwarzer offensichtlich auch gemacht, denn sie kritisiert Jazmatis dort hinterlegte Kurzbiografie. In dieser erwähne er nicht, "dass er in seiner Jugend in Saudi-Arabien gelebt hat und von 2012 bis 2013 in Kairo war - dem hohen Ort der islamistischen Propagandaschulung". Belege für mögliche Kontakte zwischen Jazmati und Islamisten lässt Schwarzer nicht folgen, sondern ergänzt nur: "Anschließend in London, der Station Nummer zwei für Islamismus-Geschulte". Jazmati hat, das ist derselben Kurzbio zu entnehmen, an der London School of Economics einen Master in "Empires, Colonialism and Globalisation" gemacht.

Schwarzers Aneinanderreihung von biografischen Bruchstücken ist einerseits sinnlos, da sie unvollständig ist und ohne Belege und Einordnungen erfolgt. Andererseits scheint die Sinnlosigkeit gerade Schwarzers Kalkül zu sein: Andere werden schon Sinnstiftendes darin erkennen und Jazmati als zutiefst dubiose, wenn nicht gar gefährliche Person abspeichern.

Sie selbst scheint ihre Vorbehalte derweil auch nicht greifen zu können. In der "Welt", so schließt Schwarzer ihren kurzen Text zu Jazmati, hätte dieser unwidersprochen erzählen dürfen, er sei ein liberales role model für die muslimische Community: "Role model ja - aber wofür wirklich?", fragt sich Schwarzer.

Es ist eine Frage, auf die sie keine Antwort hat und womöglich auch keine haben kann, denn das würde eine ganz andere Art der Auseinandersetzung mit Kritikerinnen und Kritikern bedingen. Am Ende ist die Frage, auf die Schwarzer keine Antwort findet, vielleicht ein Sinnbild für ihre Überforderung - von Diskussionen, deren Verläufe sie nicht überblickt, und von Kritikerinnen, für die sie keine Begriffe hat, im besten Fall nur Anführungszeichen, im schlimmsten Fall diffuse Diffamierungen.



insgesamt 63 Beiträge
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Seite 1
mr.room 02.07.2019
1. Moment mal
Zitat"Von der Szene gibt es verschiedene Videos. Auf manchen (siehe oben) ist Jazmati am Rande der wild diskutierenden Gruppe zu erkennen. Wie viele der anwesenden Männer hält er sich im Hintergrund und lässt vorrangig die Frauen diskutieren, und wie viele der Anwesenden hat er sich eine Kapuze zum Schutz vor Regen übergezogen, andere tragen Regenschirme. Zu einem Bild in Schwarzers Artikel von der besagten Szene steht jedoch, Jazmati verstecke sich in der dritten Reihe. "Während die Frauen ihr Gesicht zeigen, verbirgt er das seine unter einer Kapuze", schreibt Schwarzer. " Zitat Ende. Also ich habe den Artikel nur aus Langeweile gelesen und auch besagtes Video geschaut. Das Thema interessiert mich auch nicht. Aber die Beschreibung des Mannes mit Kaputze kann ja nur ein schlechter Scherz sein. Er versteckt sich doch eindeutig. Der Mann neben ihm trägt gar keine Kapuze, manche Frau auch nicht. Es ist auch schwer zu erkennen ob es überhaupt regnet. Dazu hat er sich einen dicken Schal umgebunden, was der Temperatur offensichtlich auch nicht angemessen ist. Die Kapuze zieht er fast bis ins Gesicht und wann immer er das Gefühl hat direkt in eine Kamera zu schauen denkt er seinen Kopf nach unten. Er will hier ganz eindeutig nicht sofort erkannt werden. Das anders darzustellen ist doch ein schlechter Scherz...
Kalle84 02.07.2019
2.
Also die Karikaturen die ich gesehen habe, prangern an, was im Islam eben anzuprangern ist. Ich sehe da nichts Rassistisches darin. Schlimm, wie eine mittelalterliche Steinzeitkultur von Menschen in Schutz genommen wird, die sich mit dieser Ideologie offensichtlich noch nie wirklich auseinandergesetzt haben. Gerade Feministinnen müssten doch ein Interesse an Zurückdrängung haben, sofern sie nicht Verbohrtheit und Patriarchat des 19. Jahrhunderts zurück wünschen. Insgeheim werden das viele auch wissen, aber man will ja zu den Guten gehören und dazu gehört Toleranz gegenüber einer Ideologie, die ihnen selbst nicht die geringste Toleranz erwidert. Aber das zu berücksichtigen, wäre ja Nazi. Da stellt man sich lieber dumm. Natürlich legen Muslime ihre Religion in unterschiedlicher Liberalität aus, das ändert aber nichts an der Religion selbst.
vera gehlkiel 02.07.2019
3.
Schwarzer hat ohne Zweifel, als erkaltender Vulkan der Szene, dicke Schichten von Asche angesetzt. Ihre herausragende Intelligenz (ich kenne wahrhaftig fast niemand, der ihr intellektuell das Wasser reichen könnte) schützt vor sowas natürlich nicht, ganz im Gegenteil. "Intersektioneller Feminismus" bedeutet im Grunde halt nix anders als dass er wächst und gedeiht. "Revolution" zu etwas Andersartigen wird. Es nun um Vielfalt, nämlich die reichhaltige Kultivierung der Lava, die wir den Schwarzer und Co. verdanken, geht. Ich bewundere Schwarzer nach wie vor ganz enorm. Verehre sie sogar, aber total ernst habe ich sie von Anfang an (aus der Sicht meiner vierzig Lebensjahre heraus gesprochen) nicht genommen. Und nicht ganz selten so im Bahnhofskiosk will ich schon 'ne "Emma" nehmen, wegen langer Zugfahrt und alter Neugier... Diese schlagartige bleierne Müdigkeit, die dann manchmal meinen schon ausgestreckten Arm befällt und lähmt, ist, was sie ist. Weil ich weiß, was ich weiß, speziell zum ausnehmend engen Weltbild des weltweiten politischen Paternalismus in der Unendlichkeit aller diversifizierender Abschattungen. Ich kein "High Five Ach Ja" -Schwestern Gefühl dazu brauche, genauso wenig, wie ich wünsche, von Svenja Flasspoehler bekannt gemacht zu erhalten, dass mein kurzer Rock gegebenenfalls männliche Sexualität "depraviert". Tja, Alice, mit dem Alter wird man konservativer, dann auch halsstarriger. Ich liebe dich aber trotzdem, ganz offen und ehrlich, so wie du bist. Aber Fräulein Schick und Co. sind ziemlich cool, ehrlich wahr...
spon_4_me 02.07.2019
4. Einer der interessantesten
Kommentare auf SPON der letzten Zeit. Die ganze Zerrissenheit der Positionen Feministen vs. Islam, 2nd wave vs. 3rd wave-Feministinnen wird deutlich; dazu eine journalistische Aufsrbeitung und Recherche der für SPON anderen oder gegnerischen Seite, die ich mir ehrlich gesagt bei Euren Haus- und Hofkolumnistinnen auch mal wünschen würde.
sinnmacher 02.07.2019
5. Ich empfehle Peter Maxwill
Werte Frau Pilarzcyk, offenbar gefallen Ihnen die Argumentationsketten von Frau Schwarzer nicht, in denen ihnen zu viele Andeutungen und zu wenig Beweisbares vorkommen. Wenn Sie die ganz hohe Schule der unscharfen Andeutungen jenseits juristischer Fakten kennenlernen wollen, empfehle ich den Kollegen Peter Maxwill. Wenn es um die Ansprache an den Bauch und gleichzeitig das Sprechverbot für den kühlen Kopf geht, hat er mehr drauf als Frau Schwarzer. Anbei ein Beispiel für die Behandlung eines Themas, zu dem er kunstvoll alle emotionalen Entrüstungsklnöpfe drückt und die juristischen Fakten in die Tonne tritt. https://www.spiegel.de/panorama/justiz/mecklenburg-vorpommern-whatsapp-texte-an-maedchen-keine-anklagen-a-1272391.html.
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