Emmy-Verleihung Die Besten wurden übersehen

Obwohl das amerikanische Fernsehen kreativer ist denn je, gingen viele Favoriten bei der diesjährigen Emmy-Verleihung leer aus. Stellt sich die Frage: Sehen die Mitglieder der Jury eigentlich selbst fern?


Ellen Burstyn hat den Emmy nicht bekommen. Es war ein Glück, denn allein die Nominierung der Schauspielerin als beste Nebendarstellerin in einem Fernsehfilm für die 58. Fernseh-Oscars sorgte in der amerikanischen Medienwelt für einen kleinen Skandal. Die Vorauswahl ihres Zehn-Sekunden-Auftrittes in HBOs "Mrs. Harris" führte das ganze Drama des schwächelnden Emmy-System vor Augen: Ganz offenbar sind die mehr als 1300 Mitglieder der Academy of Television Arts and Sciences mit anderem beschäftigt, als der aktuellen Fernsehsaison zu folgen.

Wie sonst wäre zu erklären, dass in diesem Jahr schon bei den Nominierungen zwei der besten neuen Comedyserien, UPNs "Everybody Hates Chris" und NBCs "My Name is Earl", fast völlig ignoriert wurden?

Dass die von Fox produzierte Arztserie "House" zwar als beste Dramaserie nominiert wurde, aber ihr Hauptdarsteller Hugh Laurie, der als schmerzmittelabhängiger Menschenverächter Dr. House die Serie praktisch allein trägt, außen vor blieb? Dass "Lost" trotz einer großartigen neuen Staffel, die die Geheimnisse um das Eiland mit den gestrandeten Absturzopfern auf ein neues Niveau hob, ohne Nominierung blieb? Und dass stattdessen Ellen Burstyns eingangs erwähnter Cameo-Auftritt, der noch dazu ein Insider-Witz auf Burstyns Verkörperung von Jean Harris in einem Film von 1981 war, für den Fernsehpreis kandidierte? Veteranen wie "Will and Grace", "The West Wing", "Monk", "Law and Order" und "24" auszuzeichnen, mag sich rechtfertigen lassen, doch es spiegelt die Innovationsfreude des amerikanischen Fernsehen nicht eben wider.

Goldenes TV-Zeitalter

Zumindest konnte Andre Braugher, der in der leider nach nur einer Saison eingestellten Serie "Thief" einen unerhört vielschichtigen Profiknacker mit kompliziertem Familienleben spielte, mit einem Hauptdarsteller-Emmy nach Hause gehen.

Hervorragende Autoren, mutige Produzenten und phantastische Regisseure haben in den vergangenen zwei Jahren halb Hollywood ins Fernsehen gelockt - Kiefer Sutherland, Geena Davis, Ray Liotta, Glenn Close, James Woods und Candice Bergen spielen Serienrollen; Top-Regisseure wie Quentin Tarantino oder Spike Lee inszenieren Episoden von "CSI" oder "Shark".

Lobeshymnen auf die kreative Blüte des amerikanischen Fernsehens waren denn auch bei den diesjährigen Emmys in aller Munde. Marc Buckland, der immerhin einen Regie-Emmy für "My Name is Earl" erhielt, rief ins Publikum: "Wir arbeiten im goldenen Zeitalter des Fernsehens – lasst es uns genießen!" Helen Mirren, für "Elizabeth I." ausgezeichnet, mahnte: "Es gibt mehr und Besseres im Fernsehen zu sehen als je zuvor." Und Eva Longoria von den angesichts einer uninspirierten Saison zu Recht nominierungslosen "Desperate Housewives" merkte an, dass "der kleine Schirm immer größer wird".

Es ist tatsächlich beeindruckend, wie "House" das vermeintlich totgenudelte Arztgenre neu erfand, wie die Feuerwehr-Serie "Rescue Me" eine ebenso wutentbrannte wie feinfühlige Aufarbeitung der Nachwehen vom 11. September 2001 bewerkstelligte, wie "The Office" der Sitcom eine völlig neue, von den "Dogma"-Filmern um Lars von Trier geprägte Perspektive abrang, wie sich die Late-Night-Satire "The Colbert Report" zum sozialkritischen Instrument emporschwang. Umso enttäuschender war das Übergehen von "Rescue Me" bei der Verleihung, und dass sich Stephen Colbert in der Kategorie "Beste Einzelleistung" gegen den Schnulzensänger Barry Manilow geschlagen geben musste, war einfach grotesk.

Bedrohlich verflachte Debattenkultur

Andere verloren würdevoller, wenn auch nicht unbedingt gerechter. Zwar wurden der Terroristenjäger-Thriller "24" (Fox), NBCs Spießer-Comedy "The Office", Jon Stewarts sarkastische Nachrichtenanalyse "The Daily Show" und das Reality-Wettrennen um die Welt, "The Amazing Race", verdientermaßen als beste Fernsehshows des Jahres ausgezeichnet. Doch Stewart nahm zum achten Mal einen Emmy entgegen, während sein vormaliger Kollege Stephen Colbert leer ausging – obwohl Colbert die Mechanismen des Fernsehen am Beispiel der bedrohlich verflachenden politischen Debattenkultur bloßlegt.

Und dass Kiefer Sutherland als Terroristenjäger in "24" der Emmy bis jetzt vorenthalten wurde, eröffnet eine bedrückende Perspektive: Wird "Rescue Me"-Macher Denis Leary ebenso lang auf eine Würdigung warten müssen, obwohl gerade er sich als erster Kreativer im amerikanischen Serienfernsehen mit den Auswirkungen des 11. September auf das nationale Gemüt auseinandersetzt?

Überhaupt kam der 11. September 2001 bei der Preisverleihung, nur wenige Tage vor dem fünften Jahrestag der Katastrophe, erstaunlich kurz. Gleich zwei Filme über den ominösen Flug United 93, der das Capitol zum Ziel hatte und nach dem Eingreifen der Passagiere über einem Feld in Pennsylvania abstürzte, gingen leer aus. A&Es Dramatisierung der Ereignisse in "United 93" und die Dokumentation "The Flight That Fought Back" vom Discovery Channel wurden von der HBO-Produktion "The Girl in the Cafe" ausgestochen, die vor dem Hintergrund des Kampfes gegen den Hunger spielte – ein Zeugnis für die ungebrochene Qualitätsarbeit des Senders, der mit insgesamt neun Preisträgern vor NBC (6) und Fox (3) das Feld auch in diesem Jahr anführt.

Wurden die Emmys - immerhin die wichtigste Preisverleihung der amerikanischen Fernsehbranche - der Blüte des Mediums, das sie feiern, gerecht? Die Juroren jedenfalls sollten öfter einschalten - sonst wird der Prestigeverlust der Veranstaltung Programm.



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