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24. Februar 2018, 12:50 Uhr

Psychologie

Endlich sind wir wieder wer

Eine Kolumne von

Sich aufzuwerten, indem man andere erniedrigt. Alter Trick. Funktioniert leider immer noch.

Was glauben die Wähler von rechtsnationalen Parteien eigentlich? Was haben sie sich gedacht, in Polen, Ungarn, Österreich, Tschechien und Amerika?

Dass ihnen jetzt endlich eine Gerechtigkeit widerfährt? Eine knuffige Regierung auf Augenhöhe, die darauf achtet, dass die Verteilung des Reichtums in einer echt okayen Art abläuft? Haben sie gedacht, wenn man ein paar Minderheiten abstraft, endlich aufräumt mit den Weibern, die über ihre Bäuche selbst bestimmen wollen, mit den Homos, die in aller Öffentlichkeit zu heiraten wagen, den Schwarzen, die darauf bestehen, dass ihr vom Pinken abweichendes Erscheinungsbild lediglich auf einem unterschiedlichen Melaninanteil in der Haut beruht?

Dachten sie, wenn sie auf andere, die auch keine Macht haben, herabsehen können, dann würde sich ihr Leben verbessern? Was erhofften sie sich von einer Diktatur der Verächtlichmachenden? Das System hat sich doch nie geändert, der mittelintelligente, mittelprächtige, mittelnormale Mensch war schon immer ungefähr sechs bis sieben Nullen hinter dem Komma von der Elite entfernt.

Diese Elite. Das sind doch nicht irgendwelche Beamten in zu glänzenden Anzügen, keine Journalisten, die es nicht zum Erfinder brachten, keine unterbezahlten Künstler oder Wissenschaftler. Die Elite besteht aus den Angehörigen der zwei Prozent, denen nicht einsichtig ist, wozu ein Staat benötigt wird, weil sie an sich und ihre Arbeit glauben, an ihr Erbe, an ihre Überlegenheit. Das würden wir vielleicht auch tun, hätten wir Ikea erfunden.

Es gab nie eine Gleichheit aller. Es gibt nur ein paar utopische Ideen der Fürsorge und den Gedanken, dass auch das Mittelmaß und jene, die am Rande der Gesellschaft leben oder die auffallen durch ihr unnormiertes Sein, unbehelligt menschenwürdig leben können. Es ist gerade in Mode, alles, was irgendwie links ist, lächerlich zu machen. Die Häme ist der neue Ausdruck ungezügelter Menschenfeindlichkeit geworden.

Wie kann einer Mitgefühl für andere haben und Turnschuhe kaufen?

Haha, die linken Gutmenschen. Der furchtbare Genderismus, die Minderheiten, die so betroffen rumjammern, die 68er, die an allem schuld sind, die aber auch nur shoppen wollen und Turnschuhe von blöden Labels tragen. Hoho - wie kann einer links sein und im Flugzeug fliegen? Wie kann einer Mitgefühl für andere haben und Turnschuhe kaufen? Meine Güte.

Natürlich will jeder gerne in einen Urlaub fahren und eine Miete zahlen, nicht frieren im Winter. Was soll denn für die Masse, die Applikationen, die über der Hardware laufen, sonst für ein Spaß bereitstehen? Was soll denn bitte besser sein als der Versuch, im Rahmen des Kapitalismus ein wenig gerechter mit jenen umzugehen, die anders sind. Die anders aussehen, benachteiligt sind, die eine andere Sexualität, einen anderen Körper, andere Startbedingungen haben.

Daran erkennt man doch Menschlichkeit, daran erkennt man doch eine Entwicklung. Eine Verbesserung für alle, denen es nicht langt, Ikea zu erfinden oder Apple oder einen Stahlkonzern zu erben. Was ist falsch daran, zu hoffen, dass die Anzahl der Toleranten steigt, jener, die nicht hungern und frieren, die sich bilden?

Was haben die Menschen gedacht, die ohne Not, ohne auf der Straße zu liegen und getreten zu werden, für diktatorische Nationalisten gestimmt haben? Wie geht es ihnen damit, zu sehen, dass ihr homosexueller Neffe zusammengeschlagen wird, ihr Nachbar, ein Journalist oder Professor arbeitslos wird oder ins Gefängnis wandert, was gibt es ihnen, zu sehen, dass Kunst endlich wieder verboten wird, die Presse reglementiert wird - und Frauen endlich wieder ihre ungewollten Kinder austragen müssen? Verbessert es ihr Leben?

Was ist das für ein Schwachsinn, als Gutmensch beschimpft zu werden, nur weil man menschlich ist?

Was haben sie gedacht, wer die neuen Machthaber sind? Arme Schlucker wie sie, die jetzt zum Wohl der grauen Masse regieren? Diktatoren, die von Milliardären in die Ämter gepusht worden sind, denen es in erster Linie darum geht, für sich Macht und Geld zu horten, zu hamstern, sich Paläste zu bauen, die von niemandem so weit entfernt sind wie von dem angeblichen Volk, das nie alle meint, denn ein Teil lebt nun wieder unter ihnen, als hätte eine Zivilisation nie stattgefunden. Im Verborgenen, auf der Flucht, unterdrückt, unfrei. Das soll die neue Zeit sein? Das soll ein großartiges Leben sein, durch das Teile der Bevölkerung in ihrem homoerotischen, paramilitärischen Rausch marschieren, alles abwerten und ausmerzen wollend, was nicht ihrem Bild vom Mittelmaß entspricht?

Was ist das für ein Schwachsinn, sich selber als Gutmensch zu beschimpfen, beschimpft zu werden, nur weil man menschlich ist? Was ist denn die Alternative? Unmensch? Arschloch? Einer, der sich daran weidet, dass es anderen immerhin noch schlechter geht als ihm. Er, der doch alles ordentlich gemacht hat, den Vorgarten, die Steuer, der nie auffiel durch nichts und sich daran erlabt, dass es jenen, die auffallen, an den Kragen geht, dass man sie endlich wieder anspucken kann auf der Straße, denunzieren kann und sich daran weiden, dass sie eine tüchtige Angst haben?

Ist das der Grund, warum Leute diese unendlich manipulativen, gekauften Pöbler wählen? Weil sie endlich andere anspucken wollen und dafür noch gelobt werden, weil es ihre Meinung ist, dass andere weniger wert sind, und sie die endlich äußern dürfen?

Es wird keinem mittelalten, mittelgut ausgebildeten Menschen bessergehen in einer Diktatur der Populisten. Das sehen wir in Amerika, das kann man rückblickend im Dritten Reich besichtigen. Das kann man in Geschichtsbüchern nachlesen. Oder im Internet.

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