Engelkes Abschied Bye, bye Hampelmuse

Wer ist schuld an Anke Engelkes Abschied als Late-Night-Talkerin? Sie selber? Roger Schawinski? Der weibliche Humor im Allgemeinen und Elke Heidenreich ganz speziell? Alles Quatsch. Wir sind's: Wir haben ihr Genie verkannt.

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Glücklose Moderatorin Engelke: Jetzt bloß nicht die Mitleids-Orgel anschmeißen
DDP

Glücklose Moderatorin Engelke: Jetzt bloß nicht die Mitleids-Orgel anschmeißen

Jetzt bloß nicht die Mitleids-Orgel anschmeißen; bloß nicht irgendwelchen Senderchefs, dem übergroßen Vorgänger oder anderen finsteren Mächten die Schuld geben; und erst recht nicht auf der Künstlerin Anke Engelke selber herumhacken: Nee, nee, wir haben's versiebt. Anke Engelke stellt ihre Late-Show ein - und wir deutschen Fernsehzuschauer sind schuld.

Wir haben ihr Genie verkannt. Wir haben über ihre Scherze nicht gelacht. Wir haben uns gepeinigt und beschämt auf unserer TV-Couch gewunden. Wir haben probeweise den Ton abgedreht. Wir haben auch das Bild nur noch durch die Finger unserer Hand angeguckt, die wir aus lauter Verzweiflung vors Gesicht geschlagen hatten. Und dann haben wir immer öfter gar nicht mehr hingeschaut.

Was für trostlos verklemmte, übel versnobte Miesepeter sind wir eigentlich?

Warum nur wollten wir den Gesundbetern nicht glauben? Dass ihr nur eine "gewisse Feinabstimmung" fehle, wie der große Sat.1-Sender-Steuermann Roger Schawinski es kürzlich so unvergleichlich formulierte. Dass sie eigentlich wahnsinnig witzig sei, nur hier nicht ganz so, "als ob sie in ein Korsett gezwängt werde, das ihr nicht passt." ("Süddeutsche Zeitung"). Dass sie, der "Comedy-Darling der Nation", regelmäßig im zweiten Teil der Show zu großer Form auflaufe, weil "dann ihr Ding kommt: Gäste befragen" ("Frankfurter Rundschau"). Dass jetzt, so noch vor Wochen Deutschlands Komik-Fachorgan Nummer eins, offenbar "Schluss" sei "mit lauen Gags und schwacher Quote" und Frau Engelke "auf einem guten Weg","witzig und spritzig" und mit viel "Sexiness" ("Bild").

Quotenentwicklung der Engelke-Show
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Quotenentwicklung der Engelke-Show

Einer ihrer neuen Hammer-Witze, die nach Versendung in der "Bild" abgedruckt wurden, ging so: "56 Prozent aller Frauen bestrafen die Männer gerne mit Sex-Entzug - oder wie es in Deutschland heißt: Ehe". Ein anderer: "Eine Brustvergrößerung käme für mich jedenfalls nicht in Frage - es müssten schon zwei sein". Das ist natürlich eine entscheidende Verbesserung im Vergleich zur Witz-Qualität vor der Sommerpause: "5,5 Prozent aller Deutschen haben ein Intim-Piercing. Bald werden es mehr sein - es ist die beste Methode, den Schmuck vor Hartz IV in Sicherheit zu bringen." Deutsche Männer! Deutsche Frauen! Was für trostlos verklemmte, übel versnobte Miesepeter sind wir eigentlich, dass wir uns nicht scheckig lachen konnten über solche Eins-A-Premiumpointen? Wenn überhaupt, dann fehlte da allerhöchstens, mit Schawinski gesprochen, die klitzekleine, allerfeinste "Feinabstimmung".

Wir haben's nicht kapiert

Und wie steht's mit unserer Bewunderung für den Scherzvortrag und die Slapstick-Kunst der Heldin? Wir müssen beschämt gestehen, dass wir die Zappelei, das fortwährende, oberneckische An-sich-Herumgezupfe, die visionären Verkleidungsspiele, das schrille Gekreische und die meist völlig sinnentleerte Wortbetonung von Anke Engelke schändlicherweise nicht als zukunftsweisend erkannt haben. Wir sahen darin nur schlimmes Gekrampfe. Da rackerte sich Deutschlands allerliebste Hampelmuse ab - und wir spürten nicht, dass all die unerträglichen Nervensägereien dem Star durch ein böses "Korsett" abgezwängt wurden!

Der radikale Enthüllungsjournalismus, den Anke Engelke mit ihren Gästen betrieb, geben wir's zerknirscht zu: Wir haben ihn nicht kapiert. Dieses mal stumme, mal gnadenlos lostextende Einander-gegenüber-Sitzen, dieses wortwurstige Einander-Anstarren mit halboffenem Mund, dieses träge, ja wie zugekiffte Komplimente-Austauschen und Drauflossülzen mit Gästen wie der Frau von Schweigers Till und dem Seriendarsteller vom Fernbedienungsschalter sieben: Super, das war "ihr Ding: Gäste befragen". Und wir Ignoranten schüttelten uns vor Schmerz und Selbstekel über so viel Edelnullkommunikation - Engelkes weiblicher Gast Lisa Martinek gestern: "Wir haben nachts gedreht, das war die Hölle." Darauf Engelke: "Ach so." Darauf der Gast: "Ja." Echt den beiden ihr Ding.

Das letzte Late-Night-Sternstündlein schlägt

Jetzt, liebe Leute, läutet unwiderruflich das Coolness-Glöcklein für uns deutsche Fernsehzuschauer: Die Spaßkönigin der Nation tritt ab, das letzte Late-Night-Sternstündlein wird schlagen. Die "witzige", "spritzige", mit einem Kölner-Dom-hohen "Sexiness"-Faktor gesegnete Anke Engelke wird gehen. Bald. In der gestrigen Sendung redete sie vom "Nachsitzen"und sagte: "Wir sitzen hier den ganzen Oktober." Stimmt nicht ganz: Am 21. Oktober ist Schluss.

Danach gilt: Nie wieder stottert und haspelt sich Darling Anke mit Turbocharme durch vorfabrizierte Stand-up-Rohrkrepierer. Nie wieder erklärt sie die Pkw-Maut den deutschen Männern als "Straßenstrich ohne Sex". Nie wieder schmeißt sie sich mit Kumpelinnen-Schmalz der Marke Elke Heidenreich ran an die Frauen unter ihren Zuguckern. Und nie wieder holt sie sprechende Mülleimer der Berliner Stadtreinigung zu sich ins Studio und preist sie als derart wahnsinnig lustig, dass wir in eine grausige Depression verfallen und anfangen, mit dem heimischen Mülleimer zu sprechen.

Anke Engelke hat Großes vollbracht. Wir waren nicht reif für sie. Spaß ist aufgebraucht. Es war eine unlockere Zeit.



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