Erinnerung an die DDR Grausen bei der Grenzkontrolle

Wo warst du, als die Mauer fiel? Schriftsteller Thommie Bayer erinnert sich an Jeansjacken und Sektflaschen, aber auch an all die Abzocker und Glücksritter, die nach der Revolution auftauchten und aufräumten - mit der DDR und einer Utopie, die immer schon auf der Transitstrecke den Reiz verlor.


Jetzt sind es nur noch Splitter, Bilder, kleine Szenen, die ihren Zusammenhang eingebüßt haben, die allein, wie Illustrationen zu einem verlorengegangenen Text, in ihrer Schublade oder Schachtel vor sich hin vertrocknen und irgendwann in den Müll wandern werden. So schnell geht das.

Polizeikontrollen am Grenzübergang Dreilinden bei Berlin (1975): Grauingrau im Flutlicht
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Polizeikontrollen am Grenzübergang Dreilinden bei Berlin (1975): Grauingrau im Flutlicht

Ich bin meinem Gedächtnis üblicherweise dankbar, dass es mich mit Überflüssigem verschont und immer wieder Platz schafft, den ich fürs Ausdenken von Geschichten brauche, dass es mir auch mein eigenes Leben längst zu einer einleuchtend wirkenden Reihe von Ereignissen, Entscheidungen und Erfahrungen gefügt hat - das ist nicht die Wahrheit, es ist eine Erzählung, in der eins zum anderen führt und meine Erlebnisse einen Sinn zu haben scheinen. Damit bin ich einverstanden.

Momentan, da ich mich aber erinnern will, wie es war, was ich erlebt habe mit dem anderen Deutschland, bedaure ich, nicht mehr als diese Splitter in meinem Gedächtnis zu finden:

Das erste Mal, dass ich mich in Marktredwitz der Grenze näherte, im schokoladenbraunen Fiat meines Freundes Henry, der ebenso verstummt war wie ich, angesichts der Wachtürme, Flutlichter, Sperranlagen, Maschinenpistolen, fuhr ich geradewegs ins Dilemma. Wir fanden doch die DDR im Prinzip gut, die hatten schon den Sozialismus, den wir für die Zukunft hielten, und wir erklärten jedem, der es hören wollte, der Westen sei an der Mauer schuld, weil er doch die gut ausgebildeten Menschen aus ihrem Land weglockte, um die Konkurrenz auszubluten, aber der schiere Augenschein war stärker als alles, was ich mir einreden konnte: Dies hier war nicht gut, es war ein Gefängnis.

Das feindselige Benehmen der Grenzer tat ein Übriges, um unsere Irritation in Angst umschlagen zu lassen, die wir einander natürlich nicht eingestanden, als wir über die holprige Autobahn durch ein Land fuhren, das sich nicht zeigen wollte. Allenfalls mal ein Weiler, ein Gehöft, kriegsbraun und altersgrau, erschien hier und da am Rand des Blickfeldes, kein Dorf, keine Stadt, keine Industrie, kein Leben - es hatte den Anschein, als führen wir durch ein leeres Land und die Trabants und Wartburgs enthielten und bewegten alles an Leben, was es gab.

Als das Flutlicht von Dreilinden in Sicht kam, waren wir erleichtert, und als wir die arrogante Behandlung durch die Grenzbeamten hinter uns hatten und wieder auf "unserer" Seite der monströsen Anlage gelandet waren, erst recht.

Ich weiß nicht mehr, ob wir uns angesichts der bunten Neonlichter Berlins gleich beflissen über den "üblen Kommerz" ausgelassen haben - zuzutrauen wär's uns gewesen. So leicht wurden wir dem einmal gefassten Weltbild nicht untreu, in dem unsere Eltern irgendwie die Bösen waren, der Kapitalismus etwas, das die Menschen zerstört, und der Sozialismus das anzustrebende Gute.

Für die Tage, die wir in Berlin verbrachten, waren die beiden Grenzen mit ihrem unverhohlenen Drohgebaren, ihrer Kälte und martialischen Feindseligkeit eine Art Initiation gewesen. Das Grausen im Flutlicht lag hinter uns, und wir warfen uns erregt und fiebrig in die Stimmung, die wir hier zu spüren glaubten, die langen Nächte, die erotischen Knabenträume, deren Erfüllung wir uns hier näher wähnten als zu Hause in unserer Provinz, und das ganze "andere Leben", dessen wir uns hier teilhaftig fühlten. Wie vermutlich jeder junge Mensch, wenn er endlich mal weg ist von daheim.

Die Rückfahrt fand im dichten Schneetreiben statt. Das Gespenstische der Grenzen kannten wir nun schon, und es wurde durch den Schnee zum märchenhaft außerweltlichen Erlebnis gesteigert - die Fahrt durchs leere Land war ein Trip, weil die Schneeflocken magisch und psychedelisch auf uns zuschossen - wir fühlten uns wie auf LSD, hatten davon aber nur gehört und keine Ahnung, ob wir damit richtig lagen.

Später, als ich mit der Eisenbahn fuhr, war das Land nicht mehr leer, jetzt konnte ich ein bisschen was sehen, Dörfer, eine Stadt, Menschen und sehr wenige Autos im Vergleich zur Bundesrepublik. Den Sozialismus hielt ich nicht mehr für die Zukunft, als Künstler grauste es mich zu sehr vor dem, was DKP und Splittergruppen über Kunst verlauten ließen - die hatten einen Geschmack wie Heino - ich glaubte auch nicht mehr, trotz meiner gegenläufigen Interessen eigentlich Sozialist sein zu müssen, weil das doch die menschlichere Ideologie sei, aber dennoch traute ich im buchstäblichen Sinne meinen Augen nicht: das Verkommene, Abgeschabte, Vernachlässigte, die ganze Armseligkeit, die ich sah, verbuchte ich als Westpropaganda, schließlich redete bei uns jeder, den ich für unbelehrbar hielt, vom "Grauingrau" da drüben. Das Grauingrau vor meinen Augen musste irgendwie eine Fälschung sein, um mich von meiner immer noch vorhandenen Solidarität mit dem anderen Deutschland abzubringen und den Spießern in die Arme zu treiben.



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Orthogräfin, 19.04.2009
1. Bücher, diedie Welt nicht braucht....
---Zitat--- In solchen Momenten war ich dann manchmal auch stolz auf uns Westdeutsche, die sich mit ihrem Solidarbeitrag auf diese riesige Aufbauleistung eingelassen hatten, und ich war optimistisch bei jedem Anzeichen von Fortschritt und Wohlstand, das ich sah, von dem ich hörte oder las, und das bin ich immer noch. ---Zitatende--- Selbst bei Typen wie dem Autor dieses Buches sollte doch inzwischen angekommen sein, daß auch Ostdeutschen den Soli zahlen, und zwar in gleicher Höhe wie die Westdeutschen. Wem nützt eine solche unterirdische Polemik 20 Jahre nach der Einheit? Da hatte ja die Propagandamaschine der DDR mehr drauf!
garfield, 19.04.2009
2. Na bloß gut...
Zitat von sysopWo warst du, als die Mauer fiel? Schriftsteller Thommie Bayer erinnert sich an Jeansjacken und Sektflaschen, aber auch an all die Abzocker und Glücksritter, die nach der Revolution auftauchten und aufräumten - mit der DDR und einer Utopie, die immer schon auf der Transitstrecke den Reiz verlor. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,618955,00.html
Zitat: "In solchen Momenten war ich dann manchmal auch stolz auf uns Westdeutsche, die sich mit ihrem Solidarbeitrag auf diese riesige Aufbauleistung eingelassen hatten," Na bloß gut, dass wir die Westdeutschen mit ihrem Soli haben. Stelle sich mal einer vor, den müßten auch die Ostdeutschen bezahlen. PS: Vielleicht sollte den Autor mal einer aufklären.
next1 19.04.2009
3. Die Grenzkontrollen waren schlimm
Ich hatte immer Angst vor Grenzkontrollen. Ich weiß nicht warum ich Angst hatte. Ich hatte nichts zu verbergen. Immer habe ich versucht mit den Grenzkontrolleuren ins Gespräch zu kommen, und meistens hat es auch geklappt. War ich freundlich, dann waren die meistens auch erträglich. Trotzdem war ich immer froh, wenn die Grenze hinter mir war. Ich war dann immer froh heil in der DDR angekommen zu sein. Aber man musste sich ja auch noch bei der Volkspolizei melden. Das war meistens harmlos, und nach einer halben Stunde erledigt. Für mich als Schwabe war die DDR eine exotische Welt. Die meisten Erinnerungen die ich an die vielen Reisen in die DDR hatte waren eigentlich possitiv. Gut es gab das grau in grau, aber das war oberflächlich. Was zählte waren die Bekannten und Freunde, die Ausflüge in die sächsische Schweiz und an die Ostsee, die Konzerte in der "Jungen Garde" in Dresden, das stöbern in Buchläden, Bummeln auf der Prager Straße. Gemeinsame Fahrten nach Prag und nach Budapest. Und das Abenteuer "Trampen". Ja das war schon witzig. Ich fühlte mich in der DDR wohl und ich war stolz auf mich ein Bummler zwischen zwei Welten zu sein. Meistens fuhr ich einen Lada. Wäre da nicht das Nummernschild gewesen, wäre ich eigentlich nie aufgefallen. Am Tag des Mauerfalls war ich in Berlin. Früh morgends bin ich über die Friedrichsstraße nach Ost Berlin. Es war wie bei jedem anderen Grenzübertritt. Ich erinnere mich an keine besonderen Vorkommnisse. Abends bin ich mit dem Bus zurück nach Neu Köln. Uns viel auf das die Kontrollen im Bus sehr lax waren. Das gab es ja noch nie! In Neu Köln haben wir leider "einen über den Durst" getrunken, fuhren dann mit dem Taxi nach Kreuzberg. Von der Maueröffnung haben wir nichts mitbekommen. Erst um 2 Uhr morgends hat uns eine Ost Bekannte geweckt. Das erstaunen war groß sie in West Berlin anzutreffen. Wir hatten den Mauerfall verschlafen. Aber dann wurde gefeiert. Am nächsten Morgen war in West Berlin kein Durchkommen mehr mit U Bahn und S Bahn. Mann mußte ewig warten um in einen Zug zu kommen.
OnkelBenz, 19.04.2009
4. pfui?!
Zitat von garfieldZitat: "In solchen Momenten war ich dann manchmal auch stolz auf uns Westdeutsche, die sich mit ihrem Solidarbeitrag auf diese riesige Aufbauleistung eingelassen hatten," Na bloß gut, dass wir die Westdeutschen mit ihrem Soli haben. Stelle sich mal einer vor, den müßten auch die Ostdeutschen bezahlen. PS: Vielleicht sollte den Autor mal einer aufklären.
1990 waren solche Leute noch stolz, sich einen neuen Markt erschlossen oder jemanden für den alten Kadett gefunden zu haben - jetzt merken sie, daß sie auch nur von der Hochfinanz verarscht wurden und klopfen sich für die Aufbauleistung auf die Schulter - aha.
Friedrich G. Alte 19.04.2009
5. Polizei-Trabi?
Es gab keine Polizei-Trabis. Die Grenzer fuhren Trabi-Kübel, der war aber kein Polizeiauto und auch nicht auf den Autobahnen unterwegs. Vermutlich wars ein Wartburg, der komisch aussehende Bus ein Barkas.
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