Erinnerungen an Auschwitz Bilder des Todes

Als Kind war Otto Dov Kulka in Auschwitz, er sah, wie andere Kinder, Mütter, Alte mit einem Winken für die Gaskammer bestimmt wurden. Auf SPIEGEL ONLINE beschreibt er, wie er vor 50 Jahren als Zeuge im Auschwitz-Prozess aussagte und als Historiker bis heute versucht, das Geschehene zu verstehen.

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  • DPA/ Atta Awisat
    Otto Dov Kulka, 80, emeritierter Professor für die Geschichte der Juden an der Hebräischen Universität Jerusalem, hat im Auschwitz-Prozess ausgesagt, der am 20. Dezember 1963 vor dem Schwurgericht in Frankfurt am Main begann. Er war als Kind dort inhaftiert gewesen. Auch sein Vater Erich Kulka, der den Holocaust ebenfalls überlebt hatte, war Zeuge. Die Kulkas stammen aus der Tschechoslowakei. Im März dieses Jahres hat Otto Dov Kulka das inzwischen preisgekrönte Buch "Landschaften der Metropole des Todes" (DVA) veröffentlicht, er reflektiert darin seine Erinnerungen an Auschwitz. Der Frankfurter Auschwitz-Prozess war der erste Prozess gegen Aufseher, Ärzte, Kommandeure und andere Beschäftigte im Konzentrationslager Auschwitz. Es waren die bisher größten Strafprozesse in der Geschichte der Bundesrepublik. Sechs der insgesamt 20 Angeklagten wurden zu lebenslanger Haft verurteilt. Die anderen bekamen zum Teil langjährige Haftstrafen. Drei wurden freigesprochen - aus Mangel an Beweisen.
Die folgenden eher persönlichen Zeilen schreibe ich als Zeitzeuge über meine marginale Rolle im Frankfurter Auschwitz-Prozess, der vor 50 Jahren begonnen hat. Die Zeilen sind kein Versuch, der historischen und moralischen Bedeutung dieses für die deutsche Nachkriegsgeschichte so einschneidenden Ereignisses gerecht zu werden. Meine Erinnerungen sind nur ein kleiner Ausschnitt.

Als am 20. Dezember 1963 der Prozess gegen ehemalige Mitglieder der Lagermannschaft von Auschwitz in Frankfurt begann, widmete ich mich gerade der Erforschung jüdischer Geschichte in der Frühen Neuzeit. Ich wollte darüber meine Doktorarbeit verfassen. Meine Professoren in Jerusalem dachten jedoch anders und bestimmten für mich eine Forschungsfrage zur Geschichte der Juden unter dem NS-Regime. Dass ich im Alter von zehn bis elf Jahren in Auschwitz-Birkenau gewesen war, wussten meine Lehrer damals nicht. Dem Frankfurter Gericht jedoch war meine Vergangenheit wohl bekannt, und eines Tages erhielt ich eine Einladung von der israelischen Polizei, meine Zeugenaussage zu Protokoll zu geben. Einige Zeit später wurde ich dann nach Frankfurt vorgeladen.

Ich folgte dieser Vorladung, obwohl ich zu jener Zeit - und eigentlich bis heute - meine Aufgabe in der Geschichtsforschung sah, in dem Verstehen des Geschehenen. Ich dachte, die rechtliche Verfolgung der Täter sei die Aufgabe anderer. Schon vorher, als im Jahre 1961 in Israel der Eichmann-Prozess stattfand, blieb dieser am Rande meines Bewusstseins.

Dabei war Auschwitz in meinen Erinnerungen und in Träumen stets anwesend. Und doch fanden meine Erinnerungen und Träume nur in meine Tagebücher Eingang. Erst in diesem Jahr und nach langem Zögern machte ich Auszüge aus meinen Tagebüchern in meinem "außerwissenschaftlichen" Buch "Landschaften der Metropole des Todes" der Öffentlichkeit zugänglich. "Metropole des Todes" - das ist mein Begriff für Auschwitz.

Auch heute bleiben meine wissenschaftliche Arbeit und meine reflektierende Erinnerung über die Metropole des Todes streng voneinander getrennt.

Verbrechen von Menschen an Menschen

Ich fuhr also im Sommer 1964 nach Frankfurt, machte meine Zeugenaussage und antwortete auf die Fragen des Gerichts sowie der militanten Verteidiger. Im Wesentlichen erzählte ich kurz von meiner Anwesenheit im "Theresienstädter Familienlager" in Auschwitz-Birkenau und identifizierte einige der Angeklagten.

Das "Familienlager" war 1943 errichtet worden, um eine Delegation des Internationalen Roten Kreuzes über die wahren Zustände im Konzentrationslager zu täuschen. Fast alle Insassen des "Familienlagers" wurden später in den Gaskammern ermordet. Insbesondere erinnere ich mich an den angeklagten Arzt Dr. Franz Lucas, den ich oft aus einigen Dutzend Metern Entfernung von unserem "Kinder- und Jugendblock" an der "Rampe" bei den Selektionen beobachtet hatte.

Selektionen hieß, die als "arbeitsunfähig" ausgewählten Juden, die mit den Transporten aus ganz Europa angekommen waren - hauptsächlich Mütter mit Kindern und Ältere - mit einem beiläufigen Winken für die Gaskammer zu bestimmen.

Dr. Lucas, der sich freiwillig der SS angeschlossen hatte, wurde in Frankfurt zu einer Freiheitsstrafe von drei Jahren verurteilt und nachträglich sogar freigesprochen.

Eine der stärksten Erinnerungen an meinen damaligen Aufenthalt in Frankfurt habe ich an die Begegnung mit dem hessischen Generalstaatsanwalt Fritz Bauer, der diesen und andere Täterprozesse initiiert hatte. Mir blieb er als eindrucksvolle Persönlichkeit in Erinnerung, entschlossen, autoritativ, aber doch aufgeschlossen - und unerschütterlich in seinem Gerechtigkeitsethos.

Einige Zeit nach meiner Rückkehr von Frankfurt nach Jerusalem erhielt ich ein DAAD-Promotionsstipendium, das mir einen Studien- und Forschungsaufenthalt in Deutschland ermöglichte. Ich wagte es damals als einer der ersten jungen israelischen Historiker, für längere Zeit ins Nachkriegsdeutschland zu kommen und in den Archiven und Bibliotheken in beiden Teilen Deutschlands für meine Doktorarbeit zu forschen. Meine Rolle als Zeuge im Auschwitz-Prozess trat für mich dabei fast in vollkommene Vergessenheit.

Wenn ich heute über den Auschwitz-Prozess nachdenke, dann erinnere ich mich an einen schönen Satz, der häufig verwendet wird, um Auschwitz und die gesamte Judenvernichtung zu erklären, nämlich dass hier ein Verbrechen von Menschen an Menschen begangen wurde. Diese noch nie da gewesene Tat aber wurde von eben diesen unzähligen Menschen durchgeführt, nur weil sie sich der NS-Ideologie verschrieben hatten oder von ihr beherrscht wurden. Deswegen kann dieser schöne Satz als Erklärungsversuch des gesamten Geschehens der Endlösung nur ein nichtssagender Truismus bleiben. Meine Aufgabe, als Historiker über diese Ideologie und ihre Verwirklichung in Auschwitz - als ihren Höhepunkt - zu forschen und nachzudenken, geht jedoch weit darüber hinaus.

Scharfe Detailaufnahmen des Selektionsprozesses

Vor einigen Wochen bekam ich in München den Geschwister-Scholl-Preis für mein in der DVA erschienenes "Landschaften"-Buch. Bei der Pressekonferenz und auch bei meiner Begegnung mit Studenten der Münchner Universität wurde ich gefragt, ob sich nach meiner Meinung ein Ereignis wie die Naziherrschaft und die "Endlösung" wiederholen kann. Meine Antwort war, dass das möglich sei. Es sei möglich, wenn sich eine fanatische, quasi erlöserische Ideologie mit einem autoritären Regime verbindet und ein ganzes Volk oder eine Gesellschaft beherrscht.

Eine wesentlich bedeutendere Rolle bei dem Frankfurter Auschwitz-Prozess hatte mein Vater. Er war als Verfasser der ersten systematischen Veröffentlichung über Auschwitz "Die Todesfabrik" (Erich Kulka gemeinsam mit Ota Kraus, tschechische Erstausgabe Januar 1946) als einer der Zeugen nach Frankfurt geladen worden.

Mein Vater war bereits 1939 zum ersten Mal von den Nationalsozialisten verhaftet worden, er hatte nach einer dreijährigen Odyssee durch verschiedene deutsche Konzentrationslager schließlich 1942 jenen Ort erreicht, von dem es kein Entkommen vor der Endlösung mehr geben sollte und der jetzt Gegenstand des Prozesses war: Auschwitz.

Weil er im Schlosserkommando von Auschwitz gearbeitet hatte, hatte er sich in den Jahren 1942 bis 1945 zwischen den einzelnen Lagern und seinen Einrichtungen relativ frei bewegen können. Er hat sehr genaue Beobachtungen gemacht. Im Jahre 1944 war es ihm mit Hilfe von mutigen zwangsrekrutierten tschechischen Zivilarbeitern gelungen, Berichte und Dokumente über die Vernichtungsmaschinerie dieses Ortes an seine Vertrauten nach Prag zu schmuggeln.

Die Bilder haben einen weiten Weg hinter sich gebracht

Seine Aussage war für einige der Angeklagten im Auschwitz-Prozess schwer belastend. Von noch größerer Bedeutung für den Prozess war noch etwas anderes. Mein Vater hatte Anfang der fünfziger Jahre im Archiv des Prager Jüdischen Museums eine Serie von rund 200 Aufnahmen eines SS-Fotografen entdeckt. Die Fotos dokumentieren systematisch die Ankunft deportierter Juden an der "Rampe" und zeigen den weiteren Umgang mit ihnen. Besonders bedeutend sind die scharfen Detailaufnahmen des Selektionsprozesses, des Weges der "nicht mehr Arbeitsfähigen" zwischen Stacheldraht hindurch zum Krematorium. Auf den Aufnahmen sind kahlgeschorene Sklavinnen und Sklaven in ihrer Häftlingskluft zu sehen, auch Frauen und Kinder, die vor dem "Waldkrematorium" warten, bis sie an der Reihe sind.

Mein Vater legte dem Gericht die gesamte Bilderserie mit der Bitte vor, den SS-Fotografen zu suchen, damit er vor Gericht die Bilder identifiziert. In der Tat wurde er ausfindig gemacht und vor das Gericht gestellt. Er bezeugte die Herkunft der Bilder, die das Gericht daraufhin als authentisch anerkannte. Seitdem sind diese Bilder in der ganzen Welt als unwiderlegbares Dokument bekannt.

Diese Bilder hatten einen weiten Weg hinter sich gebracht. Ursprünglich waren sie in einem fein säuberlich geführten Album eingeklebt gewesen. Eine jüdische Frau hatte dieses Album gegen Kriegsende in einer verlassenen Kaserne in Thüringen gefunden. Die Frau hatte Auschwitz überlebt, sie erkannte sich nun auf den Fotos wieder, auch ihre Familie und ihre jüdischen Nachbarn. Diese Frau brachte dann die Fotos zum Jüdischen Museum in Prag und erlaubte der damaligen Leiterin Hana Volavková, Abzüge auf Glasplatten zu drucken.

Dort fand sie dann mein Vater, als er auf der Suche nach Bilddokumenten für die zweite tschechische Auflage seines Buches "Todesfabrik" war. Er nahm einige dieser Bilder in sein Buch auf, es erschien in mehreren Übersetzungen, vor allem in den damals kommunistischen Ländern, auch in der DDR. 1960 erschien eine hebräische Fassung des Buches, das nun einen wesentlichen Teil des Albums enthielt.

Schließlich erlebte mein Vater, wie die ganze Bilderserie dem Archiv der Gedenkstätte Jad Vaschem in Jerusalem übergeben wurde. Die vollständige Veröffentlichung des Albums in einer gebundenen Gesamtausgabe im Jahr 2003 durch die Gedenkstätte hat mein Vater nicht mehr mitbekommen. Er, der zunächst in Prag gelebt hatte, nach der sowjetischen Besetzung im Jahr 1968 aber nach Jerusalem gegangen war, ist im Jahr 1995 gestorben. Er ist 84 Jahre alt geworden.

Ich möchte diesen Aufsatz seinem Andenken widmen.



insgesamt 4 Beiträge
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citi2010 19.12.2013
1. Mit diesen grauenhaften Bildern in Kopf und Seele...
... ein ganzes Leben zu bestreiten zu müssen und dabei nicht verrückt zu werden ist an sich schon eine Lebensleistung. Sich dann auch noch so zu engagieren eine zweite. Ich verbeuge mich vor Ihnen, Herr Kulka.
thanks-top-info 19.12.2013
2.
vielen Dank für diesen Artikel Herr Kulka. Es ist überaus interessant von Hintergründen und einzelnen mutigen Leistungen zu erfahren. Geschichte wird eben doch von einzelnen geschrieben und nicht als Gesamtwerk verfasst. Mancher begreift sie nur als dieses, und meint es sei erfunden. Solche einzelnen Erfahrungen wirken dem entgegen
raber 19.12.2013
3. Trauriger Geschichtsabschnitt Deutschlands
Erlebnisse sind eben echter als Geschichten die über Dritte kommen. Sehr interessant Herr Kulka. Leider gibt es diesen sehr traurigen Teil der deutschen Geschichte und leider sind auch zu viele dieser Verbrecher freigesprochen oder anschliessend freigelassen worden. Dieser Fall vom Dr. Axel Dorn ist ein Beispiel.
Olaf 20.12.2013
4.
Zitat von sysopDPAAls Kind war Otto Dov Kulka in Auschwitz, er sah, wie andere Kinder, Mütter, Alte mit einem Winken für die Gaskammer bestimmt wurden. Auf SPIEGEL ONLINE beschreibt er, wie er vor 50 Jahren als Zeuge im Auschwitz-Prozess aussagte und als Historiker bis heute versucht, das Geschehene zu verstehen. Erinnerungen an den Auschwitzprozess vor 50 Jahren in Frankfurt - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/erinnerungen-an-den-auschwitzprozess-vor-50-jahren-in-frankfurt-a-939624.html)
Ein wirklich sehr berührender, persönlicher Bericht. Wahrscheinlich muss man zwischen wissenschaftlicher Arbeit und persönlicher Erfahrung so stark trennen, wenn man solche Erfahrungen machen musste, um nicht von Emotionen übermannt zu werden.
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