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16. Dezember 2014, 08:39 Uhr

Barlach-Bildband

Bettlern, Sängern, Betenden direkt ins Gesicht geblickt

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Der Fotograf Bernd Boehm hat die Skulpturen von Ernst Barlach abgelichtet. Die Bilder, in einem umfangreichen Band versammelt, zeigen, wie modern und anrührend die Werke heute noch sind.

Was, bitte, soll jetzt ein drei Kilogramm schwerer großer neuer Pracht-Bildband über Ernst Barlach? Neues gibt es über den 1938 gestorbenen Bildhauer nicht zu berichten. Die Skulpturen des deutschen Expressionisten lässt kein Kunstunterricht unerwähnt. Was also soll dieses Buch, herausgegeben von der Barlach Gesellschaft Hamburg?

Die Antwort ist einfach: Weil niemand vorher Barlachs Skulpturen so fotografiert hat wie es Bernd Boehm für dieses Buch getan hat. Auf seinen Bildern sieht man den Bettlern, Engeln, Frauen, Alten, Spaziergängern und Bauern, den Knieenden und Hockenden, den singenden, lachenden, lesenden und zweifelnden Gestalten Barlachs direkt ins Gesicht, weil Boehm Ausschnitte wählt, sie vergrößert, weil er sie aus Schrägperspektiven porträtiert, Licht setzt, und weil er die Skulpturen aus ihrer musealen oder sakralen Umgebung herausgeholt und sie in einen anderen Kontext gestellt hat.

Außerdem hat Thorsten Pengel das Buch sehr schön gestaltet, und die kurzen, klugen Texte der Kunsthistorikerin Heike Stockhaus bringen mit Aufzeichnungen Barlachs in 14 Kapiteln dessen Werk, die Zeit und seine Biografie zusammen.

Barlachs Frühwerk war noch dem Jugendstil verpflichtet

In einem Geleitwort schreibt Altbundeskanzler Helmut Schmidt, dass Barlach für ihn der "Bedeutendste unter den Bildhauern des 20. Jahrhunderts" sei, weshalb er dessen "Singenden Mann" im Bundeskanzleramt aufgestellt habe. Außerdem erinnert er sich daran, wie er am 13. Dezember 1981 zusammen mit Erich Honecker die Barlach-Gedenkstätte und den Güstrower Dom besuchte. Ein großes Foto zeigt ihn zusammen mit dem Staatsratsvorsitzenden neben Barlachs Schwebenden.

Es folgt kurz und knapp auf zwei Seiten der Lebenslauf Barlachs, einige Kinder- und Familienfotos geben einen Einblick in Barlachs behütetes bürgerliches Leben als Sohn eines Landarztes. 1891 begann er ein Kunststudium in Dresden. Unter "1888 - 1894 Ausbildung und Orientierung" findet sich die Bronze "Bildnis Josephine Löser" von 1892, die Boehm regelrecht porträtiert, während er die Skulptur "Die Krautpflückerin" draußen inmitten von Wiesenpflanzen inszeniert hat.

1895 bis 1897 ging Barlach an die Pariser Akademie. "Merkwürdig unfruchtbar" sei das gewesen, notiert Barlach, denn er habe "Zustände einer schlechten langweiligen Kleiderlosigkeit bei männlichen und weiblichen Darbietern" zeichnen müssen. Die neun abgebildeten Zeichnungen sehen allerdings gar nicht langweilig aus. Barlachs Frühwerk ist noch dem Jugendstil und dem Dekorativen verpflichtet, genau wie der große, barbusige Engel und weitere halbnackte Figuren, die er 1898 in Zusammenarbeit mit Carl Garbers für das Giebelrelief des Altonaer Rathauses gestaltete.

Alles vor 36 leichten Herzens zu verabschieden

Erst nach einer Russlandreise 1906 fand der Bildhauer zu jenem Stil, den man heute mit ihm verbindet. "Alles, was ich gemacht habe, eh ich 36 war, kann ich leichten Herzens verabschieden", schreibt er selbst dazu. Zu den Zeichnungen und historischen Bildern kommen nun im Buch die Skulpturen hinzu, gezeigt in den ungewöhnlichen Fotoperspektiven von Boehm.

So hat er die sitzende Bronze der "Bettlerin mit Kind" von 1907 auf der Straße fotografiert, einmal auf Augenhöhe und einmal von oben, wie man ihr als Passant begegnen würde. In einem anderen Foto sieht man zum ersten Mal die unglaubliche Dynamik und Eleganz einer in ein Tuch gehüllten Bettlerin, und die Nahsicht auf das scheue und traurige Gesicht einer anderen ermöglicht dem Betrachter keine Distanz mehr. Und wer dem "Zweifler" von 1930 so nah wie auf Boehms Foto kommt, sieht keine Skepsis oder Ironie, sondern schaut in ein hoffnungsloses und schicksalsergebenes Gesicht.

Boehm hat sich offensichtlich die Skulpturen Barlachs genau angesehen, und in seinen Fotos deren äußere Beschaffenheit und ihre künstlerische Aussage zusammengebracht. Mal hebt er mit gezielt gesetztem Licht die glänzende Glätte einer Porzellanfigur hervor, mal kann man sich die Arbeit an einer Holzskulptur genau vorstellen, weil man in der Nahsicht jeden ausgeführten Schnitt ins Holz und jede Kerbe genau sieht.

Oft setzt Boehm farbiges Licht, was aber nie kitschig wird, sondern zum Beispiel die Dynamik des heranstürmenden, schwertschwingenden "Rächer" sichtbar macht. Dem berühmten, schwebenden Friedensengel kann man in seinen drei Aufnahmen ins Gesicht schauen, oder man versteht in einer bläulich beleuchteten Seitenaufnahme, dass Barlach dabei an die Form eines Zeppelins, an "einen Keil von Licht und Schatten" gedacht hatte.

Barlachs Skulpturen hätten für ihn immer ein "graues, angestaubtes, calvinistisches Image" gehabt, sagt Böhm. Das habe er ihnen mit seinen Fotos nehmen wollen. Es ist ihm hervorragend gelungen.


Buchangaben:
Ernst Barlach. Fotos von Bernd Boehm. 288 Seiten, 5-farbig. Hrsg.: Ernst Barlach Gesellschaft Hamburg. 59 Euro plus Versandkosten.

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