Eröffnung Theatertreffen Kein Klatschen in der Kirche

So wenig Applaus für eine Inszenierung gab es beim Theatertreffen wohl noch nie: Als Christoph Schlingensief am Freitagabend die Berliner Bestenschau eröffnete, blieb der Beifall beinahe aus. Wie kann das sein?

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Berlin - Es ist das merkwürdige Ende eines bemerkenswerten Beginns: Christoph Schlingensief, der todkranke Theaterliebling der Saison, eröffnet mit seinem Fluxus-Oratorium "Eine Kirche der Angst vor dem Fremden in mir", der meistdiskutierten Inszenierung der Saison, am Freitagabend das Berliner Theatertreffen, die Bestenauslese deutschsprachiger Bühnen - und als dieser Höhepunkt des Saisonhöhepunkts schließlich vorbei ist, applaudiert fast niemand.

Christoph Schlingensief
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Christoph Schlingensief

100 Minuten lang hat Schlingensief sich und seinen krebskranken Körper bloßgestellt, hat seine Ängste gebeichtet, hat gejammert und gewimmert und geflennt, hat Gott angeklagt und seine Eltern und sich selbst, hat Gospelsänger und Kinder und Behinderte in Prozessionen durch einen sakralen Saal marschieren lassen, nachempfunden der Kirche seiner Kindheit. Die Theatergemeinde hat auf harten Kirchenbänken ausgeharrt - und nun verweigert sie den Applaus, scheinbar.

Zaghaft melden sich von hinten einzelne Einklatscher, brechen aber wieder ab, als ihnen niemand folgt. Erst als die ersten Mitwirkenden zum Verbeugen kommen, gibt es Beifall, aber nur sehr zögernd und zaghaft und bei weitem nicht von allen. Schlingensief selbst holt sich sogar einzelne Bravo-Rufe ab, doch die letzten Akteure stehen noch auf der Bühne, da ist es schon wieder komplett still.

Mag schon sein, dass dabei die Schnöseligkeit des verwöhnten Berliner Premierenpublikums eine Rolle gespielt hat, wie es bei den bloggenden Nachwuchsjournalisten des Theatertreffens anklingt (www.theatertreffen-blog.de).

Gut möglich auch, dass die Inszenierung seit der Uraufführung im September bei der Ruhrtriennale in Duisburg an Kraft und Magie eingebüßt hat, weil sie ihr Publikum nicht mehr so direkt und unvorbereitet treffen kann.

Damals war der krebskranke Schlingensief monatelang untergetaucht gewesen, nur wenige wussten, wie er im Krankenhaus gelitten hatte, nur wenige wussten, wie es ihm nun geht, und so wurde sein Fluxus-Oratorium zur erschütternden Totenmesse und zur berührenden Auferstehungsfeier in einem.

Nun aber, beim Theatertreffen, sind die allermeisten Besucher auf das allermeiste vorbereitet: durch unzählige Kritiken und ausführliche Interviews, zuletzt auch durch Schlingensiefs Krebstagebuch selbst, einen Bestseller.

Ja, aber hätte man denn nicht trotzdem klatschen können? Wie es sich gehört am Ende eines jeden Theaterabends - egal, ob er nun hundertprozentig überzeugt oder nicht.

Nun, vielleicht geht es hier gar nicht um Lob oder Kritik, vielleicht gehört es sich bei dieser Art von Theater eben nicht, zu klatschen. Denn auch wenn Schlingensief seine Berliner Aufführung mit dem demonstrativen Gruß "Willkommen beim Theatertreffen" beginnen lässt, so ist sie doch kein konventionelles Theater: Sie ist authentischer, persönlicher, privater. So privat stellenweise, dass sich der Zuschauer eben nicht willkommen fühlt, sondern fehl am Platze, als Voyeur einer realen Zeremonie.

Aufbrausender Beifall würde diese Szenerie zähmen, würde sie aus der Wirklichkeit heraus katapultieren, hinein ins Reich der Kunst. Heraus auch aus dem "Hier und Jetzt", wie das Motto des Theatertreffens in diesem Jahr lautet, hinein ins "Dort drüben und Vorhin".

Denn es ist ja so: Wer im Theater klatscht, klatscht sich das Gesehene von der Seele. Er setzt ihm ein Ende: endlich vorbei - ran ans Buffet, zum Sekt, zum Bier.

So gesehen ist es kein Drama, dass das Theatertreffen dieses Jahr fast ohne Applaus begonnen hat. Es ist eine gute Nachricht.



"Eine Kirche der Angst" (www.kirche-der-angst.de)
: Die weiteren Vorstellungen beim Theatertreffen am 2. und 3. Mai sind ausverkauft, werden aber live auf Bildschirme im Haus der Berliner Festspiele (www.berlinerfestspiele.de) übertragen. Am heutigen Samstag läuft die Inszenierung zudem von 20.15 Uhr an auf 3sat.



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