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18. Juni 2009, 10:32 Uhr

Erziehungsdebatte bei "Hart aber fair"

Klassenkampf im Kindergarten

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Sollen Kinder in der Kita dösen, balgen - oder sich auf die Karriere vorbereiten? Bei Frank Plasberg wurde klar: Frühkindliche Förderung dient auch der Züchtung neuer Eliten - und wird absurderweise von Menschen geleistet, die weniger verdienen als Müllmanner.

"Irgendwann hat der Bub auf die Geige erbrochen." Die drastischsten Worte des Abends stammten vom Gehirnforscher Prof. Dr. Dr. Manfred Spitzer, der in einem Einspieler mit Verweis aufs private Umfeld vor einer allzu ambitionierten Früherziehung warnte. Eine Bestätigung also für all jene Eltern, die ihre Kinder nicht bis ans andere Ende der Stadt eskortieren, damit die Kleinen dort ein Instrument lernen, das sie einfach nur zum Kotzen finden.

"Hart aber fair"-Runde am Mittwoch (TV-Talkerin Schäfer, Journalist Füller, Erzieherin Rippert, Moderator Plasberg; von l.): Gäste auf Kindergartenstühlen
WDR / Oliver Ziebe

"Hart aber fair"-Runde am Mittwoch (TV-Talkerin Schäfer, Journalist Füller, Erzieherin Rippert, Moderator Plasberg; von l.): Gäste auf Kindergartenstühlen

Der Wissenschaftler hatte noch andere frohe Botschaften parat: "Kinder müssen dösen dürfen", lautete eine. "Beim Balgen entwickelt sich das Gehirn", lautete eine andere. Das mag in Bezug auf ein so schrecklich komplexes Organ wie dem Cerebrum schrecklich schlicht klingen, doch Eltern brauchen offensichtlich diese einfachen Wahrheiten. Sind sie doch zurzeit zutiefst verunsichert, wie sie die Früherziehung ihres Nachwuchses gestalten sollen.

Denn in den Kindergärten des Landes tobt ein neuer Klassenkampf - und glaubt man der Debatte bei "Hart aber fair" tut er das gleich auf zwei Ebenen: zum einen auf didaktischer, zum anderen auf vergütungstechnischer. Denn die frühkindliche Förderung soll nach dem Willen vieler Eltern die späteren Aufstiegschancen der Kleinen sichern - geleistet aber wird diese Förderung von unterbezahlten Arbeitskräften.

Gegen Letzteres wird ja gerade in einem breiten gesellschaftlichen Zusammenschluss aufbegehrt. Selbst Familienministerin Ursula von der Leyen, so zeigte bei "Hart aber fair" ein weiterer Einspieler, hielt ja gerade eine flammende Rede vor streikenden Kindergärtnerinnen. In Erziehungsfragen reckt selbst die CDU die Faust in die Höhe.

Und auch Frank Plasberg bekundete auf seine Weise Solidarität mit den protestierenden Pädagogen: Er plazierte seine Talkgäste auf jene Holzstühle, auf denen Erzieherinnen und Erzieher den lieben langen Tag rumsitzen müssen, um Augenhöhe mit den Kleinen zu halten.

Auf den drolligen Sitzgelegenheiten dösten und balgten die Diskutanten dann am Anfang ein bisschen; ganz so, wie der oben zitierte Hirnforscher Spitzer sich das für eine geglückte frühkindliche Erziehung wünscht. Ein ausgereifter Disput entstand auf den Mini-Stühlen allerdings nicht - obwohl der geladene "taz"-Bildungsexperte Christian Füller Frankfurts CDU-Oberbürgermeisterin Petra Roth als "Teil der organisierten Verantwortungslosigkeit im Bildungssystem" angriff.

Wie denn auch? Es waren sich ja eigentlich alle in der Runde einig, dass es nicht sein kann, einer Erzieherin nach dem ersten Arbeitsjahr fast 500 Euro weniger auszuzahlen als einem Müllmann, der ja auch nicht gerade in die Gruppe der Spitzenverdiener gehört.

Für Streit sorgte vielmehr die Frage, was unter angemessener Früherziehung zu verstehen ist. Auf der einen Seite des pädagogischen Spektrums saß Jelena Wahler, Gründerin der Kindertagesstätte "Little Giants". Weil ihre Tochter in öffentlichen Einrichtungen nicht genug "zusätzliche Angebote" bekommen hatte, rief sie einst diese privatwirtschaftliche Institution ins Leben, in der schon die ganz Kleinen mit opulenten Programmen ans Lernen herangeführt werden. Da wird, wie ein Hausbesuch der "Hart aber fair"-Redaktion zeigte, selbst die Essenszubereitung zur Geometrieaufgabe. Und natürlich verdienen die Erzieherinnen bei "Little Giants" mehr als Müllmänner; auch wenn Initiatorin Wahler über konkrete Zahlen nicht sprechen wollte.

Auf der anderen Seite des "Hart aber fair"-Panels saß die Sozialpädagogin Heike Rippert, Leiterin einer städtischen Kindertagesstätte in Stuttgart, die sich zwar über höhere Gehälter für ihre Angestellten freuen würde, die in den strengen strukturellen Vorgaben von Wahlers Giganten-Schulungszentrum aber eher eine Unterdrückung kindlicher Kreativität sieht.

Auch "Hart aber fair"-Redakteurin Brigitte Büscher, die "Little Giants" besucht hatte, war eher skeptisch bei dem unbedingten Willen zu Bildung und Beschäftigung, den sie in der Einrichtung auszumachen glaubte, schließlich entwickelten Kinder oft aus der größten Langeweile heraus die tollsten Ideen. "Unsere Tochter", so konterte Giganten-Mutter Wahler pikiert, "konnte mit solchen Freiheiten nichts anfangen."

Die Bildungsaktivistin saß im gewissen Sinne auf der Anklagebank. Verwundern kann die Skepsis gegen Privatinitiativen wie der ihren allerdings nicht, schließlich wird hier nie ganz klar, ob es um die optimale Förderung des Kindes als Individuum oder um die Züchtung neuer Eliten geht.

Eine Studie der nicht gerade als antiautoritär verschrienen Konrad-Adenauer-Stiftung bietet da durchaus Anlass zur Besorgnis: In ihr wird festgestellt, dass Frühförderung besorgter Eltern immer mehr als "Rettungsanker" in einer wackeligen Gesellschaft gilt. Das Fazit der Untersuchung: "Eine Breite Mittelschicht grenzt sich nach unten ab."

Das ist eine Entwicklung, die auch Journalist Füller bestätigen konnte: Gesellschaftlicher Druck und Abstiegsängste würden an Erziehungseinrichtungen und vor allem an die Kinder selbst weitergegeben. "Unser Lernbegriff ist nicht auf Förderung, sondern auf Leistung ausgelegt", sagte der Bildungsexperte - um hinzuzufügen: "Wir haben nicht zu viele, sondern zu wenige Kuschelecken."

So wurde das Thema Bildung bei "Hart aber fair" zum gesamtgesellschaftlichen Spiegel. Das Fördern bis zum Erbrechen zum Beispiel - um beim Eingangsbild des Gehirnwissenschaftlers zu bleiben - ist demnach tatsächlich Teil eines Klassenkampfes. Mami und Papi, hört die Signale!

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