Toleranz in Deutschland Schwulenfeindlich sind immer die anderen

Was sind wir plötzlich tolerant! Aber ist die aktuelle Sympathie für Schwule tatsächlich ernst gemeint? Die Mehrheitsgesellschaft hat sich durch Thomas Hitzlspergers Coming-out wohl kaum sprunghaft modernisiert. Für junge Schwule hat sich dennoch etwas entscheidend verändert.
Von Peter Pichtermann
Ex-Profifußballer Thomas Hitzlsperger: Ein hochwichtiges Symbol

Ex-Profifußballer Thomas Hitzlsperger: Ein hochwichtiges Symbol

Foto: dictum law communications/ dpa

Als sich Berlins Regierender Klaus Wowereit vor über zehn Jahren öffentlich als Schwuler outete, musste er das "und das ist auch gut so" noch hinterherschieben. Thomas Hitzlsperger hatte das gar nicht mehr nötig - nach seinem "Zeit"-Auftritt rannte ihm die halbe Welt die Bude ein, um ihm zu seinem "Mut" zu gratulieren.

Fast alle Kommentatoren finden es nun nicht nur gut so, dass Deutschland endlich einen schwulen Profifußballer hat, sondern zeigten sich regelrecht entzückt darüber, dass nun der endgültige Beweis erbracht ist. Und zwar der Beweis dafür, dass Homosexualität in diesem Land wirklich so selbstverständlich und normal ist, wie man es selbst gerne glauben möchte.

Die Gesellschaft ist doch schon längst viel weiter; und homophob sind immer nur die anderen - sei es "die Fankurve" oder "die Russen", "Menschen in sozialen Brennpunkten" oder "ewiggestrige Männer". Und weil Homosexualität in Deutschland etwas völlig Stinklangweiliges, Alltägliches ist, steht nun die Nation Kopf.

Schwarz-Rot-Gold oder Regenbogen?

Für manche Schwule älteren Jahrgangs, die sich bei ihrem eigenen Coming-out noch fragen mussten, ob sie verstoßen, enterbt und überhaupt ausgegrenzt werden, sind diese Vorgänge fast schon unheimlich. Hat diese Sommermärchen-Idylle wirklich etwas mit ihnen zu tun? Oder klopft sich hier nur die Mehrheitsgesellschaft selbst auf die Schulter, um sich zu versichern, wie normal sie selbst ist in ihrer großzügigen Toleranz? Welche Flagge wird hier gehisst, Schwarz-Rot-Gold oder Regenbogen?

Das Ganze wirkt ein wenig hysterisch, und das liegt sicher daran, dass nicht nur die Homosexuellen verunsichert sind ob der Zuneigung und Liebe, sondern auch die Wohlmeinenden sich nicht immer ganz sicher sind, ob sie es mit dieser Bejahung wirklich ernst meinen. Ist es denn wirklich richtig, wenn Homosexuelle heiraten dürfen? Gar Kinder bekommen? Und noch schlimmer: Würde ich es wirklich bejubeln, wenn mein eigenes Kind homosexuell wäre und ich keine Enkelkinder bekomme? Die Kanzlerin - die eine endgültige rechtliche Gleichstellung von Schwulen und Lesben verhindert - lässt über ihren Sprecher freundliche Worte verbreiten: "Wir leben in einem Land, in dem niemand Angst haben sollte, seine Sexualität zu bekennen nur aus Angst vor Intoleranz."

Sollte man wohl nicht, aber offensichtlich braucht man immer noch "Mut" dazu. Insofern ist Thomas Hitzlspergers Coming-out kein wichtiger Schritt für "die Gesellschaft", sondern vor allem für die Homosexuellen, insbesondere der nachwachsenden Generationen. Denn Hitzlperger ist aufgrund seiner bisherigen Lebensleistung automatisch ein hochwichtiges Symbol. Er ist ein fassbarer Beweis dafür, dass das Klischee vom weichen, schwachen schwulen Mann, der niemals einen Ball ins Tor bekommt, wohl doch nicht stimmen kann.

Ich kann alles machen - selbst wenn ich Männer liebe

Damit irritiert er nicht nur jene Homophoben, denen er klar den Kampf angesagt hat, sondern er ermutigt vor allem auch jene Schwule, die in der größten Gefahr schweben: Das Suizidrisiko bei homosexuellen Jugendlichen gilt immer noch als drei bis vier mal höher als bei heterosexuellen Gleichaltrigen. Für einen Heranwachsenden kann ein schwuler ehemaliger Nationalspieler ein kostbares Identifkationsangebot sein. Denn es bedeutet: Ich kann, wenn ich will, alles machen, was die anderen Jungs in meinem Alter machen, selbst wenn ich Männer liebe.

Ein solches Vorbild kann Lebenswege verändern, indem es Selbstvertrauen verleiht und beweist, dass es keine zwangsläufigen homosexuellen Schicksale gibt. Um im Klischee zu bleiben: Ein Junge, der gerne Fußball spielt und entdeckt, dass er Jungs liebt, muss nicht glauben, dass er aufgrund dieser Tatsache gezwungen ist, den Ball in den Schrank zu schließen, um Friseur zu werden. Ein Soziologe würde sagen, dass er sich weniger dem Druck ausgesetzt sehen könnte, an ihn herangetragene Stereotype zu internalisieren, also so zu werden, wie man es ihm vorwirft.

Der Fortschritt ist eine Schnecke, doch Thomas Hitzlspergers Coming-out ist ein wichtiger Meilenstein. Und in ferner Zukunft wird Homosexualität vielleicht einmal etwas Normales sein. Dann wird man mit dem Namen Klaus Wowereit nur noch verbinden, dass das der Typ war, der die Sache mit dem Berliner Großflughafen irgendwie versemmelt hat. Thomas Hitzlsperger haben dann einige noch als "The Hammer" in Erinnerung. Und in der Nationalmannschaft spielen unter anderem eine schrille Tunte, zwei Transgender und vier Frauen.

Erst dann kann sich die Gesellschaft sicher sein, dass sie es ernst meint mit ihrem Mut, Geschlechterstereotype hinter sich zu lassen.

Peter Pichtermann ist Autor und Journalist. Er lebt in Berlin.
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