EU-Kunstskandal Tschechen verhüllen Stehklos - Bulgaren beklagen Zensur

Im EU-Kunststreit bewegen sich die Gegner - allerdings in unvorhergesehene Richtung: Nach offizieller bulgarischer Beschwerde gegen die Darstellung des Landes als Stehklo ließ Tschechien nun Teile des Kunstwerks verhüllen. Jetzt protestieren wiederum bulgarische Bürger gegen die "Zensur".


Brüssel - Eine Ansammlung von Stehklos, verziert mit roten und blauen Rohren: So sieht die Darstellung Bulgariens aus, die der tschechische Künstler David Cerny entworfen hat. Seit vergangener Woche hängt die Toiletten-Skulptur als Teil seiner Installation "Entropa" im EU-Parlament in Brüssel, und seither läuft vor allem die bulgarische Regierung Sturm dagegen - mit Erfolg.

In der Nacht zu Dienstag reagierten die tschechischen Kollegen und deckten zumindest den bulgarischen Teil von "Entropa" ab. Doch statt nun unter dem Mäntelchen des Schweigens zu verschwinden, bricht die Debatte anscheinend erneut aus, von ganz anderer Seite: In Sofia protestierten am Dienstag hunderte Bulgaren gegen die "Zensur" der Darstellung ihres Landes.

Die Zensierung des Werkes durch ihre Regierung sei für Bulgarien und alle seiner Bürger beschämend, hieß es in einer im Internet verbreiteten Erklärung. Die freie Meinungsäußerung gehöre zu den Grundwerten der demokratischen Gesellschaft.

Toiletten des Anstoßes

Bis Dienstagmittag hatten 463 Bulgaren im In- und Ausland das Dokument unterstützt, zugegebenermaßen nicht viele, aber unter ihnen waren immerhin viele bekannte Künstler des Balkanlandes. Sie forderten, dass der Bulgarien-Teil der Collage wieder gezeigt und dies zum "ersten Schritt für einen angemesseneren und fruchtbaren" Umgang der Machthabenden mit der gegenwärtigen Kunst werde.

Doch wie konnte es überhaupt zu dieser Kultur-Posse kommen? Schon vor der offiziellen Einweihung der Riesenskulptur "Entropa" vergangene Woche schlugen der tschechischen Regierung Wellen der Entrüstung entgegen. Eigentlich hatten sie zur Feier der Übernahme des EU-Vorsitzes ein Großkunstwerk über die Vorurteile in Europa enthüllen wollen. Doch anstatt einer Collage von Künstlern aus 27 Nationen bekamen sie "Entropa" von David Cerny.

Der tschechische Künstler hatte sich ohne Wissen seiner Regierung dazu entschieden, das bestellte Kunstwerk gemeinsam mit nur zwei Kollegen anzufertigen - und die Zielvorgabe (die Abbildung von Vorurteilen in der EU) zudem reichlich plastisch in Szene zu setzen.

So wurde Deutschland zur Autobahnlandkarte, wobei die Form der Autobahn stark an ein Hakenkreuz erinnert. Dänemark wurde mit Lego-Steinen nachgebaut, auf Schweden verweist ein Ikea-Karton und auf Bulgarien eben besagte Toiletten des Anstoßes.

"Tiefe Besorgnis"

Bei anderen Ländern sind Cerny dagegen vielschichtigere Darstellungen gelungen: So werden die Niederlande durch Minarette von Moscheen symbolisiert, die nach einer Überflutung des flachen Landes als einzige Zeichen menschlicher Kultur noch aus den Wassermassen ragen - eine Anspielung auf den ständig schwelenden Streit mit Teilen der muslimischen Bevölkerung in dem Land.

Nichtsdestotrotz musste sich der Prager Europaminister Alexandr Vondra bei seinen EU-Partnern nach Protesten entschuldigen, Bulgarien und die Slowakei hatten sogar förmliche Beschwerde eingelegt.

Kritik kam auch aus dem eigenen Land. So meldete sich der tschechische Präsident Vaclav Klaus in der Kultur-Affäre zu Wort. In einem Brief an die Regierung von Ministerpräsident Mirek Topolanek beschrieb der als EU-kritisch bekannte Klaus "tiefe Besorgnis" im Zusammenhang mit "Entropa". Er sei sehr überrascht, "dass die persönliche Initiative eines Künstlers und eines privaten Investors als offizielle Haltung unseres Landes dargestellt wird. Ich halte diesen Weg, die tschechische EU-Ratspräsidentschaft zu "privatisieren", für inakzeptabel und unangemessen", schrieb Klaus.

sta/chc/afp/dpa



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