Margarete Stokowski

Kunstfreiheit Solidarität mit einer Wand

Da läuft etwas falsch: Der demokratische Vorgang um ein Gedicht an einer Hochschule führt zu Faschismusvorwürfen, während im Fall der Gewaltvorwürfe gegen Dieter Wedel der große Aufstand ausbleibt.
Gomringer-Gedicht an der Fassade der Alice-Salomon-Hochschule

Gomringer-Gedicht an der Fassade der Alice-Salomon-Hochschule

Foto: DPA/ASH Berlin/David von Becker

Die Frage, ob und warum irgendwo Kunst zerstört wird, treibt Menschen zu Recht um. Aber wenn die Aufregung um einen eigentlich nicht so wilden, demokratischen Vorgang an einer Hochschule so riesig wird, während andere Aufregung um viel grausamere Fälle ausbleibt oder viel leiser bleibt, dann läuft etwas falsch.

Ich wünschte, die Alice-Salomon-Hochschule hätte entschieden, das Gedicht von Eugen Gomringer an ihrer Fassade zu lassen und irgendwie durch andere Kunst zu ergänzen. Stattdessen sollen jetzt alle paar Jahre neue Gedichte an die Fassade kommen. Stefanie Lohaus verwies auf "Zeit Online" darauf, dass im Leitfaden der Stadt Berlin zu Kunst am Bau  steht, die Kunst trage dazu bei, die "Akzeptanz und Identifikation der Nutzer mit ihrem Bauwerk (...) zu stärken". Es ist verständlich, dass die Studierenden an der Gestaltung ihrer Hochschule teilhaben wollen. Ich verstehe auch den Dichter Eugen Gomringer, der das alles nicht versteht,  und seine Tochter Nora Gomringer, die ihn verteidigt . Wen ich aber nicht verstehe, sind die Leute, die jetzt im Namen der Kunst ausrasten.

Kein Halten mehr

Es war schon von "Zensur" die Rede , als die Hochschule im Sommer ankündigte, die Gestaltung der Fassade neu zu verhandeln. Der PEN-Ehrenpräsident Christoph Hein hatte von "barbarischem Schwachsinn" gesprochen . Als die Entscheidung nun feststand, gab es kein Halten mehr. Das harmlose Gedicht, wo doch nur ein armer Mann Frauen und Blumen und Straßen bewundert, musste verteidigt werden. "Wenn Bewunderung jetzt schon ein Synonym für Belästigung ist, dann hat der Kulturpuritanismus auf ganzer Linie gesiegt", hieß es im BR . Das Magazin "tip" sah die Aktion "nahe am Rufmord" an Gomringer .

Kulturstaatsministerin Monika Grütters sprach von einer "Diktatur des Zeigbaren"  und einem "erschreckenden Akt der Kulturbarbarei", hier werde das Grundrecht der Kunstfreiheit unterhöhlt. Die Kunst habe verloren an diesem Tag, hieß es hier bei SPIEGEL ONLINE. Sogar Vergleiche mit der Bücherverbrennung der Nationalsozialisten gab es von der AfD . Und CSU-Politiker  sprachen von "Säuberungsaktionen".

"Neue Tugendterroristen"

Man kann die Bewertung der Studierenden übertrieben finden. Aber wie reagiert man darauf am besten - mit noch mehr Übertreibung? Mit Nazivergleichen? Es ist ein eigenartiger Schachzug, vermeintliche Überempfindlichkeit bezüglich Sprache kritisieren zu wollen, indem man die Neugestaltung einer Fassade mit Verbrechen aus dem dunkelsten Kapitel deutscher Geschichte vergleicht.

Blankes Entsetzen auch im Hause Springer: "Welt"-Chefredakteur Ulf Poschardt schimpfte über das "Bürgerkinder-Jakobinertum"  und freute sich, als die #freeDeniz-Leuchtschrift auf dem Springer-Hochhaus digital überpinselt wurde  - "gegen den Irrsinn der Gedichtübermaler und Kunstfreiheitsgegner ." Im selben Haus schrieb "WamS"-Chef Peter Huth : "Stoppt die neuen Tugendterroristen!" Es sei eine Farce, wenn "Poesie unter Burkas aus Wandfarbe verschwindet". Seine Zeitung druckte das Gedicht sicherheitshalber auf 15 Seiten .

Menschen aus mehreren Städten boten an, das Gedicht an oder vor ihren Häusern zu präsentieren: eine Firma in Bielefeld und die Stadt Rehau , wo Gomringer wohnt, sowie Schaffhausen in der Schweiz. Ein Bekannter postete auf Facebook ein Foto von dem Gedicht vom nächsten U-Bahnhof aus und schrieb, außer ihm würden lauter andere Leute das Gebäude fotografieren, und er sei direkt von einem Fernsehteam dazu interviewt worden. Es hätte nur noch gefehlt, dass veranlasst wird, Lichterketten ums Gebäude bilden und Mahnwachen zu halten, bei denen "Sag mir wo die Blumen sind" gesungen wird.

Das offensichtliche Missverhältnis der Solidarität und des Einsatzes für Kunstfreiheit

Wie viel wird geredet über das verschulte Hochschulsystem und unpolitische junge Leute, und dann wollen Studierende ein Gedicht aus dem Jahr 1951, das ihnen unpassend vorkommt, ersetzen lassen und beantragen das in einem offenen Brief - fast schon spießig für Leute in dem Alter. Den Brief vom April 2016 interessierte keine Sau, bis die Hochschule eine ergebnisoffene Ausschreibung der Fassadengestaltung ankündigte.

Hätten die Studierenden mit Paintball-Gewehren Farbe auf die Wand geballert, wäre die Debatte nie so riesig geworden. Es ist absurd: Erst durch den demokratischen Vorgang an der Hochschule  wurden die Faschismusvorwürfe möglich. Man hätte auch einfach sagen können: Okay, eigenartig, dass euch das Gedicht ans Belästigtwerden erinnert, da wären wir jetzt nicht drauf gekommen, aber wenn ihr meint - lasst uns ein anderes Kunstwerk suchen, mit dem mehr Leute zufrieden sind. Wäre das so ein absurdes Szenario?

Es gibt ein offensichtliches Missverhältnis der Solidarität und des Einsatzes für Kunstfreiheit in zwei aktuellen Fällen. Parallel zur "avenidas"-Debatte veröffentlichte die "Zeit" zwei ausführliche Recherchen zum Regisseur Dieter Wedel , nach denen es sehr wahrscheinlich ist, dass Wedel jahrelang gewalttätig gegen Frauen war, die in seinen Filmen mitspielten. Die Anschuldigungen werden mit Dokumenten aus Archiven und zahlreichen Aussagen untermauert. Wedel bestreitet die Vorwürfe.

Keine Flut der Solidarität

Jetzt könnte man sagen, es ist wahnsinnig, Wedel und den "avenidas"-Streit in einem Atemzug zu nennen. Einmal geht es um vielfache Gewalt und Machtmissbrauch, und einmal nur um ein harmloses Gedicht. Das stimmt. Aber in beiden Fällen geht es um Kunstfreiheit, denn Kunstfreiheit bedeutet auch, unbelästigt arbeiten zu können als Schauspielerin. Es könnte eine Flut der Solidarität für die Frauen geben, deren Karrieren zerstört wurden, weil Wedel sie so terrorisierte, wie nun zahlreiche Zeugen darlegen. Ich habe von keiner Solidaritätsaktion gehört (aber dafür von Vorwürfen, warum die Anschuldigungen jetzt erst kommen).

Immer wieder erklären Leute aus der Filmbranche, jeder hätte von den ätzenden Geschichten über Wedel gewusst . Offenbar war Wedels Verhalten seit Jahrzehnten bekannt genug, wenn 1996 im SPIEGEL der beachtliche Nebensatz stehen konnte , dass Wedel "im Ruf steht, seinen Hauptdarstellerinnen und natürlich allen seinen Nebendarstellerinnen nachzustellen", aber nur als beiläufige Anekdote. "Es ist Zeit, sich von diesem Mann aufs Deutlichste zu distanzieren", schrieb Filmemacher Simon Verhoeven. Gleichzeitig berichtet die "Süddeutsche" : "Versucht man im aktuellen Fall, jemanden für ein Interview zu den Machtstrukturen abseits von Hollywood zu gewinnen, ist das nicht leicht. 30 Interviewanfragen, dreieinhalb Rückmeldungen." Sogar die "Bild"-Zeitung versucht sich in Recherche , man fragt 27 männliche Schauspieler und Produzenten an - und keiner äußert sich.

Es könnte einen Aufstand geben, weil Leute sagen: Wir wollen nicht, dass die Filme, die wir sehen, von übergriffigen Menschen gemacht werden, und dass Fördergelder für solche Typen draufgehen. Als würde die Kunstfreiheit nicht auch leiden, wenn Männern wie Wedel ihr Unwesen treiben. Aber der große Aufstand bleibt aus. Es ist so viel leichter, um eine Hauswand zu weinen.