Evolution des Liebesbriefs "Ich küsse deine vier Buchstaben"

Liebesschwüre haben Dauerkonjunktur. In blumigen Metaphern zu schwelgen ist aber nicht Jedermanns Sache. Schon im 17. Jahrhundert griff Ghostwriter Cyrano de Bergerac vielen Verzweifelten unter die Arme. Seine modernen Nachfolger arbeiten mit Liebesbrief-Maschinen im Internet.

Von Susanne Polig


Verliebtes Pärchen: "Na Süße, alles klar?"
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Verliebtes Pärchen: "Na Süße, alles klar?"

"Liebster, heiß ersehnter Mann, Wölflein! Ich küsse dich auf deine vier Buchstaben, damit du fühlst, wie lieb ich dich hab." Diese Zeilen schrieb eine schmachtende Seele Anfang der vierziger Jahre - an Adolf Hitler.

Kaum etwas gibt das Innere eines Menschen deutlicher preis als ein Liebesbrief. Schon Friedrich Hebbel sah ihn als "Schattenriss der Seele". Dabei ist die schriftliche Seelenentblätterung noch gar nicht so alt, wie man meint. Bis Mitte des 18. Jahrhunderts gab es gar keine Liebesbriefe, der Postweg war amtlichem Informationsaustausch vorbehalten. Erst Werke wie Goethes "Leiden des jungen Werther" (1774) oder "Kabale und Liebe" von Friedrich Schiller (1784) entzündeten den Wunsch nach schriftlicher Liebeskommunikation.

Heute ersetzen oft E-Mail und SMS Zeit raubendes Schönschreiben, und das nicht selten auf unbefriedigende Weise: "Ich finde du bist so süß wie keine andere. Ich bin total in dich verknallt und ich will dich unbedingt mal küssen, hoffentlich willst du dass auch!!! Dein A." In SMS schrumpfen "Ich hab dich lieb" oder "Gruß und Kuss" schon mal zu "hdl" und "guk". Hauptsache so viel wie möglich in 160 Zeichen stopfen. Die Nutzer scheren sich wenig um Grammatik - für viele Wissenschaftler ein Alptraum, sie beklagen die Erosion der Sprache.

"Vor allem für Männer ist das Schreiben einer SMS mit einer geringeren Hemmschwelle verbunden", sagt Alexander Bergs, Sprachwissenschaftler an der Universität Düsseldorf. Da kommt schon mal eine Nachricht wie diese: "Na Süße, alles klar? Halterlose Strümpfe kann ich mir an deinen Beinen super vorstellen *grins*."

Ghostwriter für Liebesschwüre

Prominentes Vorbild: José Ferrer als Cyrano de Bergerac (1950)
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Prominentes Vorbild: José Ferrer als Cyrano de Bergerac (1950)

Wer der Angebeten seine Liebe nicht auf diese Art zeigen will, kann es sich noch leichter machen und andere schreiben lassen. Seit jeher ist das so gewesen, man denke nur an den wohl berühmtesten Ghostwriter Cyrano de Bergerac (1619-1655). Äußerlich fand das weibliche Geschlecht wenig an dem Schriftsteller mit der übergroßen Nase, doch mit Worten wusste er durchaus zu betören. Der Clou besteht heute darin, dass man gar keinen Bergerac mehr im Freundeskreis braucht - es reicht ein Rechner mit Internetanschluss.

"Ich weiß, dass ich gute Liebesbriefe schreibe", sagt ein Ghostwriter, der sich selbstbewusst und unverständlich das Pseudonym Cyrano zugelegt hat. Überzeugt von seinem Können brachte er 1998 www.love-letter.de ins Netz. Bedienungsfreundlicher kann die Liebste wohl kaum erobert werden. "Möchtest Du einen Liebes- oder Abschiedsbrief?", fragt Cyrano auf seiner Website. "Welchen Ton soll Dein Brief haben (traurig, böse, erotisch)?" Was dabei herauskommt ist oft bodenständig, aber wirkungsvoll: "Liebe Angela, das Schlimme am Fliegen heute war, dass mich jede Minute weiter von Dir weggebracht hat. Jeder Augenblick ein Augenblick ohne Dich, verloren, umsonst. Jeder Blick aus dem Fenster nur Traurigkeit - und unendliche Gedanken an Dich, die ich liebe."

Zehn Minuten für eine Seite

Anfangs bekam der 36-jährige Kölner etwa 1000 Anfragen pro Tag, meist von Männern. Zehn Briefe bis zu 25 Seiten schrieb er täglich. Für Cyrano ist das Dichten aber nur ein Nebenjob, eigentlich arbeitet er in der Tourismusbranche. "Für eine Seite brauche ich zehn Minuten. Soll jemand zurückerobert werden, dauert es länger." 13 Paare haben sich inzwischen mit seiner metaphorischen Unterstützung gefunden, 25 zerrüttete Beziehungen wurden gekittet. "Beschwert hat sich noch niemand", sagt er. Für Liebeserwiderung gibt es schließlich keine Garantie.

Das Geschäft mit den Liebebriefen floriert. Cyrano plant, seine Website zu erweitern - mit einem Online-Herzblatt-Spiel und dem Verkauf von erotischen Möbeln. Ab Januar soll es drei zusätzliche Briefschreiber geben. Der Kölner ist wählerisch geworden: "Ich mache keine Wiederverkupplung mehr für Leute, die ihre Frau geschlagen haben." Dann schon lieber Schmachtpamphlete von Schülern an Lehrer, Dieter Bohlen oder Steffi Graf.

Website des Ghostwriters Cyrano: "Keine Wiederverkupplungsbriefe mehr"

Website des Ghostwriters Cyrano: "Keine Wiederverkupplungsbriefe mehr"

Cyrano verlangt pro Seite zehn Euro. Zwar gibt es andere, kostenlose Anbieter, doch schnell wird klar: Qualität hat ihren Preis. www.liebster.de ist ein solcher Gratis-Kandidat. Auch hier gibt es schnelle Hilfe via Fragebogen: "Welches Kleidungsstück sehen Sie gerne an Ihrem Liebsten? Welches Lieblingsgericht/Getränk hat er?" Innerhalb von Sekunden spuckt der Generator ein paar Zeilen aus.

Eine Internet-Schmacht-Maschine im Test

Wie würde ein "aufopfernder" Brief für einen Goldfisch- und Handyliebhaber aussehen, der Polohemden trägt und eine attraktive Nase hat? "Lieber Romeo, in deinem Leben fehlt eine Frau - jeden Abend mit Handy und Goldfisch zu verbringen, ist kein Lebensinhalt. Du brauchst eine Frau, die Hemden und Polohemd für Dich bügelt. Eine, die zuhört und Dir dabei Rücken und Nase massiert. Glaubst Du nicht, dass unsere Beziehung außergewöhnlich werden könnte?"

Wohl eher unwahrscheinlich. Also noch ein Versuch, die gleichen Angaben, nur wird der Brief "emanzipiert" gewünscht: "Hallo Romeo, ich sage es wie's ist: Ich suche einen Mann mit Nase und Handy, der weiß, wann und wo man Polohemd trägt und wie man Frauen erfreut. Antworte bald, bevor ich meine Meinung ändere." Welcher Mann könnte da widerstehen?

Zumindest diese kostenlose Liebes-Maschine im Internet scheint die Horroszenarien der Wissenschaft zu belegen. Auch Sprachforscher Bergs ging zunächst von der These aus, die Ausdrucksweise verkomme in E-Mails und SMS immer mehr zur platten Stammelei. In seiner Studie "Liebesbriefe vom 19. Jahrhundert bis heute" (2000) kommt er allerdings zu ganz anderen Ergebnissen.

Die Mittelschicht schmachtet bodenständig

Dass sich viele Menschen auf eher "putzige" Art (Bergs) ihre Gefühle gestehen, ist dem Sprachforscher zufolge keine Frage der Generation, sondern der sozialen Schicht. Per Zufall fiel ihm vor einiger Zeit eine Sammlung von Liebesbriefen aus einem Londoner Mädchenheim in die Hände. Dort fanden im 19. Jahrhundert schwangere, unverheiratete Frauen Zuflucht. "Auffällig ist, dass sich diese Briefe in zwei Teile spalten", erklärt Bergs. "Sie beginnen mit Belanglosem, zum Beispiel: 'Gestern habe ich verdorbenen Fisch gekauft' und enden mit persönlichen Zeilen, wie 'Übrigens, ich vermisse dich'."

Das Klischee der schnörkelreichen Metaphernquelle in vergangenen Jahrhunderten sei schlichtweg falsch. Sicher habe es hochtrabende Sprachschnitzerei gegeben, allerdings nicht bei Otto Normalverbraucher. Verplumpt sind heutige Liebende also keineswegs. "Die alte Metaphorik ist noch da", stellt Bergs fest. "Teilweise wird es schon platt, aber auch in SMS funkeln immer noch Augen und die Liebe ist weit wie das Meer."

Bergs ist überzeugt, dass der papierne Liebesbrief den Gefühlsmarkt auch in Zukunft dominieren wird: "Es ist wie eine Wellenbewegung. Kommt ein neues Medium auf, geht der Trend zunächst dahin. Das nutzt sich aber genauso schnell auch wieder ab. Der klassische Liebesbrief ist nicht ernsthaft in Gefahr."



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