Neues Drama über Österreichs Vergangenheit Liebe, Schuld, Verdrängen

Am Wiener Akademietheater blickt der Autor Ewald Palmetshofer auf die NS-Verstrickung der Generation seiner Großmutter. Regisseur Robert Borgmann setzt auf ein starkes Frauenensemble.

Georg Soulek/ Burgtheater

Die Wahrheit ist eine gefährliche Waffe. Einmal ausgelöst, schlägt die Kugel Bahnen ein, die keiner kontrollieren kann. Kollateralschäden sind dabei nicht auszuschließen.

In den letzten Kriegstagen im April 1945, Wien ist bereits befreit, belauscht eine junge Frau ein Telefonat auf dem Postamt: Ein Soldat erzählt seinem Vater, der Krieg werde nur mehr wenige Tage dauern, er überlege abzuhauen. Die Frau meldet dieses Gespräch unverzüglich dem Ortsgruppenleiter. Sie wollte nur die Wahrheit sagen, wird sie später zu Protokoll geben. Eine Woche, bevor sich Hitler in seinem Bunker in Berlin umbringt, wird der vermeintliche Deserteur in einem kleinen Dorf in Oberösterreich hingerichtet.

Dieser historische Nukleus von Ewald Palmetshofers jüngstem Stück "Die Unverheiratete" wird erst im letzten Drittel des Abends freigelegt. Es geht um die Grauzone in den letzten Tagen der NS-Diktatur, aber auch um die ersten Monate danach, in denen die Frau ihre Tat vor einem Gericht verantworten muss und im September 1945 zu zwölf Jahren Haft verurteilt wird.

Palmetshofers komplex verschachtelter Text beruht auf der Recherche zu einem realen Denunziationsfall; der 1978 in Linz geborene Dramatiker macht sich auf die Suche nach den letzten Zeugen, nach Täterinnen aus der Generation seiner Großmutter. Erzählt wird die Geschichte in Rückblenden. Ein häuslicher Unfall der inzwischen betagten Dame löst einen postmodernen Aufarbeitungsversuch und Erinnerungsfluss aus. Die Gespenster der Vergangenheit werden wieder lebendig.

Ewald Palmetshofer ist der philosophischste Kopf unter den am Wiener Schauspielhaus entdeckten und kontinuierlich geförderten Autoren, die dann oft, wie auch in diesem Fall, von den großen Theatern übernommen werden. (Hier eine Kurzrezension seiner Textsammlung "Faust hat Hunger und verschluckt sich an einer Grete" ). Er verweigert allzu eindeutige Antworten.

Mehr als Schuldzuweisungen interessiert ihn ohnehin, wie diese kopflose Tat drei Generationen an Frauenleben vergiftet hat. Wie sich Liebe, Schuld und Verdrängen in eine Familie einschreiben. Und wie die Annäherung an die Taten der Großeltern oft eine Generation überspringt. In "Die Unverheiratete" findet die Enkeltochter ein Heft, in dem die Großmutter ihre Geschichte erzählt. Wesentliche Punkte, ob sie denn tatsächlich Reue empfindet, lässt sie dabei aus. Trotzdem entwickelt sich zwischen Oma und Enkelin eine Annäherung, während die Tochter mit Elektra-Hass auf ihre kalte Mutter blickt.

Tanz den Thomas Bernhard

Regisseur Robert Borgmann inszeniert bei der Uraufführung im Wiener Akademietheater, der Nebenstelle des Burgtheaters, eine Geisterbeschwörung: Von Beginn an türmen sich Gräberhaufen aus Erde auf der Bühne, die Vorhänge heben und senken sich, das Licht flackert.

Manchmal erzeugt diese wuchtige Düsternis einen gewissen Leerlauf, aber im Grunde vertraut die Regie auf ein extrem starkes Frauenensemble. Elisabeth Orth ist eine Idealbesetzung für die Rolle der Großmutter, sie regiert herrisch, säuselt aber im nächsten Moment fast kindlich, ist kalt und abweisend und möchte ihrer Enkeltochter doch vermitteln, wie es damals war. Allein, wenn das nur so einfach wäre.

Stefanie Reinsperger, der starke junge Burg-Neuzugang, stattet die Enkelin mit viel räudiger Energie aus, sie tanzt frei nach DAF den "HC Strache" und den "Thomas Bernhard", sie schleppt laufend Männer ab und bleibt wie eigentlich alle drei Frauengenerationen funkelnd fremdartig, liebenswürdig und doch abgründig. Christiane von Poelnitz pendelt als überforderte, einsame Tochter zwischen Zynismus, Verzweiflung und Wut. Aber auch Petra Morzé, Sylvie Rohrer, Sabine Haupt und Alexandra Henkel sind als kommentierende Figuren, eine Art postmoderner hämischer Rachegöttinnen, pointiert präsent.

Eigentlich eine tolle feministische Pointe, die gar nicht geplant war: Seitdem das Burgtheater mit Karin Bergmann die erste Frau in der langen Geschichte des Hauses an der Spitze hat, sind die beiden bislang überzeugendsten Arbeiten dieser Saison ausschließlich mit Schauspielerinnen besetzt.

Sowohl "Die lächerliche Finsternis" von Wolfram Lotz als auch "Die Unverheiratete" zeigen, wie faszinierend vielschichtig und energetisch das weibliche Burgensemble ist. Und zwar durch die Generationen. Den Finanzskandal, der in den letzten Monaten permanent für Negativschlagzeilen sorgte, vergisst man zumindest für die Dauer der Vorstellung völlig.


"Die Unverheiratete" von Ewald Palmetshofer. Regie: Robert Borgmann. Nächste Vorstellungen am 17., 22. und 30.12. am Akademietheater Wien, Tel. +43 1 51444-4140

insgesamt 2 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
maranata 15.12.2014
1. Und immer immer wieder
Ein Soldat erzählt seinem Vater, der Krieg werde nur mehr wenige Tage dauern. Er wird denunziert und erschossen. Da kommt mir das Grauen!!!!!!!!!!! Warum ist unser Menschenleben so furchtbar untereinander so grausam? Denke an die vielen vielen vielen Menschen die die Kriege so unendliches Leid zugefügt haben - und immer immer wieder! Bin drüber so unendlich müde . Dieser song drückt meine unendliche Traurigkeit darüber aus.: https://www.youtube.com/watch?v=eJBBUSg4Kp0
gladiator66 15.12.2014
2. solche Stücke haben in Österreich immer (noch) Saison:
Die Vergangenheit ist noch nicht aufgearbeitet, der Krieg belastet nicht nur das öffentliche Leben. Deshalb haben ein Strache immer noch Zukunft in Österreich. Und das Land ist ein Museum.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.