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23. September 2009, 15:07 Uhr

Ex-Schlagerstar Mandoki

Der Mann, der nie Mongole sein wollte

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Skurrile Schlagerhits wie "Dschinghis Khan" und "Moskau" machten Leslie Mandoki berühmt. Jetzt schreibt er Sinfonien für den Volkswagen-Konzern, komponiert für Angela Merkel und findet Bayern super. Doch im Gegensatz zu seiner Mongolenzeit ist ihm das alles kein bisschen peinlich.

Wie demütigend. Da stand er, einst Student des angesehenen Béla-Bartók-Jazzkonservatoriums in Budapest, auf einer Bühne beim Eurovision Song Contest, mit nacktem Oberkörper in einem albernen Kostüm und schrie "Hu! Ha! Hu! Ha!". Riss die Arme nach oben und nach unten. Hopste herum. "Lasst noch Wodka holen, ho ho ho hoo."

Dabei hatte Leslie Mandoki, Flüchtling aus Ungarn, auf seine große Chance gehofft, als er in das Studio von Produzent Ralph Siegel eingeladen wurde. Doch Siegel sah den mächtigen Schnauzer, das dunkle Wallehaar, die blitzenden, hellblauen Augen in tiefliegenden Höhlen. Passte wie bestellt. Wenig später steckte Mandoki in einem Mongolenkostüm und schmetterte "Dschinghis Khan" beim Grand Prix. Der bizarre Ohrwurm schaffte es völlig unerwartet auf Platz vier.

Das war 1979. Leslie Mandoki hat sich lange geweigert, über die Zeiten mit der skurrilen Faschingsband zu reden. Auch heute zieht der 56-Jährige bei dem Thema noch den Kopf zwischen die Schultern. "So einen Typ nimmt man doch nicht ernst", sagt er über sein damaliges Ich. "In den Clubs wollten mich die Leute nicht mehr grüßen."

Warum er dann zwei Jahre mit der Truppe durch die Welt tingelte?

Mandoki schüttelt unwillig den Kopf, als ließe sich die Erinnerung abschütteln, zieht die Brauen zusammen. "Verträge", sagt er. Und dass er plötzlich in jedem Restaurant einen Tisch bekam, Otto Waalkes und Thomas Gottschalk kennen lernte. Dann erzählt der gelernte Schlagzeuger, wie er an seinem ersten Dschinghis-Khan-freien Wochenende in einen Jazzclub nach London fuhr. "So schräges Zeug habe ich selten gespielt wie da."

Als falscher Mongole für VW

30 Jahre später hat Mandoki die Mongolenuniform gegen einen tadellosen, schwarzen Anzug eingetauscht, in dem er über die überfüllte Internationale Automobilausstellung hastet. Er ist auf der Suche nach einer stillen Ecke, um über die "Emotionalisierung von Markenwelten" zu sprechen. Alle paar Minuten wird er angequatscht, "Servus, Leslie", man kennt ihn in der Autobranche. Weil der Ungar mittlerweile alles macht, was beim Autobauer Volkswagen mit Musik zu tun hat. Er schreibt Songs für Werbespots, musikalische Konzepte für Managermeetings und Pressekonferenzen, sorgt bei Autopräsentationen für die aufreibende musikalische Untermalung. Zum 100. Geburtstag von Audi bestellte die VW-Tochter eine komplette Symphonie bei Mandoki. "Der VW-Komponist", nennt ein Messebesucher den Ungarn spontan, der auf ihn angesprochen wird. Das Dschingis-Khan-Image ist der 56-Jährige nie losgeworden, das nächste klebt schon an ihm.

Dabei hätte er den Job sicher nicht nötig. Mandoki hat es in der Musikwelt ziemlich weit gebracht. Nach der Zeit bei Siegel ist er in die USA abgehauen - dort hat er sich in der Szene bald einen Namen gemacht. Erst als Schlagzeuger, dann als Produzent. Er machte Platten für Placido Domingo, Lionel Richie, Milva, die No Angels, arbeitete für Dreamworks und für Walt Disney unter anderem am Soundtrack für "Tarzan", mit Phil Collins zusammen, immerhin.

Mandoki nennt inzwischen ein durchaus vorzeigbares Anwesen am Starnberger See sein Eigen; mitsamt Studio, in dem er auch schon Dutzende eigene Platten produziert hat. Sein Herz gehört einem nicht immer massentauglichen Jazzrock, den die Plattenbosse wohl oft als "zu intellektuell und schwermütig" empfinden, wie Mandoki selbst sagt.

Bewunderung für "Dr. Winterkorn"

Autos werden mit Emotionen verkauft und in der Branche wird für die richtige Inszenierung viel Geld hingeblättert. Jeder weiß das. Mandoki wirkt trotzdem kurz getroffen bei der Frage, ob sein Engagement für VW finanzielle Hintergründe habe. "Geld interessiert mich nicht", sagt er mit blitzenden Augen. Und schiebt hinterher, dass es ihm eine Ehre sei für "Hochleistungsträger" wie VW-Chef Martin Winterkorn und VW-Aufsichtsratschef Ferdinand Piëch zu arbeiten. Er habe kein Problem damit, seine Kompositionen vor der Fertigstellung mit VW-Managern zu diskutieren. "Das sind alles so hoch gebildete, sensible Menschen." Ihre Anmerkungen seien "Inspiration". "Man spricht unter Bildungsbürgern." Er meint das als Kompliment.

Mandoki ist ein temperamentvoller Mensch, er redet schnell, der ungarische Akzent mischt sich mit Bayerischem, und wenn er Menschen bewundert, dann uneingeschränkt. Auf "Dr. Winterkorn" lässt er ebenso wenig kommen, wie auf den als Machtmenschen verschrienen Piëch. "Ingenieursgenies", nennt er sie, "Menschen mit Visionen". "Die wollen etwas schaffen", sagt Mandoki und rührt dabei mit der Faust in der Luft. Man müsse bei aller "Managerschelte" eine "superfette rote Trennlinie ziehen" zwischen "den gierigen Verbrechern, die die Welt vernichten und denen, die sie nach vorne bringen".

Mandoki mag die langen Rockerhaare behalten haben und nach langen Nächten wild und zerknittert aussehen. Aber sein Wertekanon entspricht eher dem etwas biederen schwarzen Anzug, den er in Frankfurt trägt. Der dreifache Vater vertritt so manche Meinung, die in Künstlerkreisen nicht unbedingt "fancy" ist, wie er selbst unumwunden zugibt. Für Bundeskanzlerin Angela Merkel, CDU, hat er einen Wahlkampfsong geschrieben - er kennt sie persönlich und findet sie glaubwürdig. Mandoki trommelt auch ungerührt für die CSU. Weil er nach der Flucht aus Ungarn in Bayern "mit unglaublicher Toleranz" aufgenommen wurde, wie er sagt. Und weil Bayern eine ziemlich gute neue Heimat ist, "mit Trinkwasserqualität in allen Seen".

Vor allem fehlt dem Ungar, der seit vielen Jahren mit einer Landärztin verheiratet ist, jeder künstlerische Dünkel. Er scheut sich nicht, das Wort "Inspiration" im Zusammenhang mit einem Kurz-Musical für den neuen VW up! in den Mund zu nehmen. Er beschreibt ausführlich den treibenden Rhythmus, mit dem er die Progressivität eines Audi unterlegt und die "straighten" Rockklänge, mit denen man einen VW verkaufen kann.

Er probierte es noch mal - mit derselben Frisur

Vielleicht liegt es daran, dass Mandoki nicht die Traumkarriere gemacht hat, bei der der junge, begabte Künstler in irgendeiner Jazzspelunke entdeckt und dann groß rausgebracht wird. Er musste sich ein Geschäftsmodell aufbauen, bei dem er auch sich selbst herausbringen konnte. Auch der Job bei VW gehört dazu. Und es mag Zufall sein oder nicht: Als die Plattenindustrie immer tiefer in die Krise rutschte, hatte Mandoki damit ein zweites Standbein. So konnte sich der Ungar sorglos auf die CD konzentrieren, die er stets mit dem Zusatz "Das ist meine beste" versieht: "Aquarelle".

Er habe nach seiner Flucht im Asylantenheim selbstsicher getönt, er wolle im Westen mit den Größten der Welt jammen, erzählt Mandoki gern. Inzwischen hat er sie tatsächlich um sich geschart, seine einstigen Vorbilder: Toto-Gründer Steve Lukather, Jazz-Gitarrist Al Di Meola, die Brecker-Brüder - sie alle sind jetzt seine "Soulmates". Vier Platten hat die Band schon herausgebracht. "Aquarelle" ist Mandokis persönliches Lebenswerk. Die Platte schaffte es trotz ihrer Zehn-Minuten-Stücke in die Charts, wurde von der "Süddeutschen Zeitung" wild gefeiert für die teils zehnminütigen Songs mit den "infernalischen Bass-Läufen" und den "messerscharfen Bläser-Riffs". Und auf dem Cover von "Aquarelle" ist das VW-Logo zu sehen.

In einem Stück auf der CD geht es um ein Intellektuellen-Café, in dem sich verkannte Künstler im Selbstmitleid suhlen. Menschen mit "almost-made-it"-Gesichtern, wie Mandoki sie nennt. "Zu schwach, es noch einmal zu probieren", heißt es in dem Song verächtlich. Das Café gebe es tatsächlich, sagt Mandoki, in Budapest. Er habe drin gesessen und es habe ihn gegraust, diese Atmosphäre von Drama.

Es ist das erste Lied, das Mandoki bei einem seiner Auftritte auf der IAA spielt. Als er auf die Bühne tritt, passiert das Unvermeidliche: "Dschinghis Khan, jawoll", ruft ein Zuschauer halblaut. Mandoki könnte solche Rufe vermeiden, wahrscheinlich würde es schon helfen, die Frisur zu ändern, um die Mongolenvergangenheit ein Stückchen weiter hinter sich zu lassen. Will er aber nicht. "Ich habe schon vor Dschinghis Khan so ausgesehen", sagt er.

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